Wiedersehen ohne Freude
Sziedeyna
Sziedeyna machte von ihrer erst vor wenigen Wochen erlernten Fähigkeit Gebrauch, sich in eine Fledermaus zu verwandeln und flog eine nächtliche Runde durch Britain. Sie hatte es zu schätzen gelernt, sich auf diese Weise unbemerkt einen Überblick über die Situation in der Stadt zu verschaffen. Ihre Route führte sie auch an der Bank in Britain vorbei, wo sie plötzlich etwas spürte, oder besser gesagt, jemanden. Die Signatur war ihr nur allzu vertraut und lange hatten deren Abwesenheit negative Gefühle begleitet. Sie spürte Ancanagar, ihre vampirische Erschafferin. Ihr Gefühl war jedoch nicht nur von Freude geprägt, denn dazu mischte sich auch das Ressentiment über die lange Abwesenheit Ancanagars, die sich für Sziedeyna wie Verlassensein angefühlt hatte. Ancanagar war in Britain, einfach so. Und es war reiner Zufall, dass Sziedeyna das mitbekam. Keine Nachricht hatte Ancanagars Anwesenheit angekündigt, geschweige denn, dass Ancanagar Sziedeyna direkt in Britain aufgesucht hatte. Nachdem Sziedeyna den Ort ein paar Mal überflogen hatte, suchte sie sich einen Ort in der Nähe, an dem sie sich unbemerkt in ihre menschliche Gestalt zurückverwandeln konnte. Sodann machte sie sich zu Fuß auf zum Gasthaus bei der Bank, wo sie Ancanagar ausgemacht hatte. Sie näherte sich dem Eingang und traf auf eine eigenartige Szene. Mit dem Rücken zur Wand stand ein blonder Mann, der eine ungewöhnliche Aura hatte. Ancanagar war zudem nicht die einzige Vampirin vor Ort. Auf der Bank, dem Mann zugewandt und an ihr Glas klammernd, saß eine weitere Vampirin, die sehr unsicher wirkte. Ancanagar stand in einigem Abstand vor dem Mann und schien ihn zu kennen. Sziedeyna brauchte eine Weile, um zu erkennen, ob es sich hier um eine Gefahrensituation handelte oder um ein harmloses Aufeinandertreffen verschiedenartiger Gestalten. Was Sziedeyna ebenfalls bemerkte, war, dass Ancanagar sie nicht sonderlich herzlich begrüßte, als sie Sziedeyna bemerkte. Das wurde umso deutlicher als ein Mann mit auffällig blau leuchtenden Augen den Bereich betrat, den Ancanagar sehr gut zu kennen schien. Auch Sziedeyna kannte ihn, wenn auch flüchtig, aus einer Begegnung in Baretis Taverne, als sich Ancanagar und sie noch fremd waren und Sziedeyna ihren Kuss noch nicht empfangen hatte. Auch damals schien der Mann Ancanagar auffällig nah gewesen zu sein. Und auch jetzt bemerkte Sziedeyna sofort die Nähe zwischen den beiden. Ihre herzliche Umarmung, das warme Lächeln Ancanagars. Sziedeyna spürte, dass der Mann und Ancanagar eine Verbindung teilten, deren Abwesenheit Sziedeyna jetzt bei sich spürte. Sziedeyna wurde schmerzlich gewahr, dass hier etwas fehlte, und das kränkte sie zusätzlich am meisten. Es kam ihr vor, als spielte sie überhaupt keine Rolle mehr in Ancanagars Leben. Die lange Abwesenheit, dann das Auftauchen als reiner Zufall ohne Ankündigung und nun dies. Sziedeyna überspielte ihre Gefühle und testete Ancanagar zwischendurch, indem sie sie fragte, ob sie auch so eine Umarmung haben könnte. Ancanagar kam dem zwar nach, aber das Gefühl dabei bestätigte Sziedeyna eher in ihrer Enttäuschung. Am liebsten wäre sie einfach gegangen. Den beiden zuzuschauen, wie sie offenbar starke Affekte füreinander hegten, erzeugte ein Gefühl von Übelkeit in Sziedeyna. Sie stellte sich vor, wie sie dem Mann das Blut vor Ancanagars Augen aussaugte, aber sie wusste auch, dass das nichts verbessern würde, sondern das Ende für ihre Beziehung bedeutet hätte. Zudem merkte Sziedeyna, dass er wie Ancanagar ein Zauberer war und die waren zu allem Möglichen in der Lage. Er wäre sicherlich kein leichtes Opfer gewesen. Also ertrug Sziedeyna ihren Seitenplatz in Ancanagars Leben und überspielte ihren Groll, indem sie sich mit einer Ratte beschäftigte, die sie mittels Gedankenkontrolle dazu brachte, sich zahm zu verhalten. Die Ratte krabbelte auf ihr herum oder verschwand auch mal unter ihr Kleid. Sziedeyna streichelte sie oder ließ sie durch ihre Hände schlüpfen. Aber innerlich waren Sziedeynas Antennen voll auf Ancanagar gerichtet. Irgendwann ging der seltsame blonde Mann vom Anfang und Sziedeyna nahm bei ihm einen eigenartigen Geruch wahr, der sie an ein Tier erinnerte. Auch der Mann mit den intensiv blauen Augen verabschiedete sich etwas später und die Szene seines Abschieds von Ancanagar ließ Sziedeyna innerlich die Fäuste ballen. Daraufhin war der Groll in Sziedeyna so stark, dass sie Ancanagar beleidigt stehen ließ und sich auf in die Nacht machte, um sich auf ihre übliche Weise emotional zu regulieren. Das hieß: Jemand würde sterben.
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