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Liebesrausch

Sziedeyna

Sziedeyna war nun schon zum dritten Mal bei Ancanagars Turm angelagt, doch von ihr nach wie vor keine Spur. Sie hatte es kaum erwarten können, ihr die kürzlich erworbene Fledermausgestalt vorzuführen, aber dazu kam sie diesmal wieder nicht. Wo war Ancanagar bloß? War ihr etwas zugestoßen? Oder hatte Ancanagar den Turm dauerhaft verlassen, ohne Sziedeyna Bescheid zu geben? Hatte sie sie verlassen? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Aber was war dann der Grund? Mit dem flauen Gefühl der Ungewissheit im Leib machte sich Sziedeyna wieder auf den Rückweg nach Britain. Nachdem Ancanagar so lange einfach nicht aufzufinden war, fehlte Sziedeyna irgendetwas. Ancanagar war ihre emotionale Heimat, ihr Anker in der Welt.

Sziedeyna saß wieder zuhause auf ihrem harten Holzstuhl am Tisch und betrachtete die Blutphiolen, die sie von Ungosch erhalten hatte. Laut seiner Aussage enthielten sie zum Großteil Tierblut. Das Besondere an ihnen war, dass sie durch eine Art Zauber "frisch" gehalten wurden. Insofern konnten sie Sziedeyna nähren, aber es fehlte die Befriedigung. Anfangs dachte Sziedeyna noch, sie hätte damit vielleicht einen Weg aus der Spirale gefunden, immer wieder Menschen zu töten. Aber das Gefühl von Verlassensein durch Ancanagar entfachte auf einmal eine Wut in ihr und sie pfefferte zwei der Phiolen mit Kraft an die Wand. Es klirrte und das Blut rann die Wand hinab. Nein, so wollte sie nicht leben. Sie brauchte ein Opfer. Warmes und frisches Menschenblut war jetzt das Einzige, das sie sich vorstellen konnte, das sie jetzt in ihrem Zustand befriedigen konnte. So machte sie sich auf in die Nacht.

Im dunklen schlichten Kleid ging sie barfuß durch die Straßen Britains und hielt nach einer Gelegenheit Ausschau. Sie betrachtete die Menschen genau, die ihr begegneten. Sie spürte ihre Auren und merkte, dass sie nach etwas Besonderem suchte. Der übliche betrunkene Seemann am Hafen stand heute definitiv nicht auf ihrer Speisekarte. Mit der Zeit hatte sie das Blut immer besser kennengelernt und gemerkt, dass sie durch das Blut auch ihre Opfer spürte und ihre Wesenzüge und Affekte - zumindest zeitweise - übernahm. Betrunkene Seeleute hatten an sich, dass Sziedeyna durch ihr Blut ebenfalls in den Genuss ihres Rausches kam. Nicht durch den Alkohol in ihrem Blut selbst, sondern den Rausch, der sich im Blut hielt. Sie hatte gelernt, dass Angst ganz anders schmeckte als der Rausch eines Seemanns, der gar nicht begriff, was mit ihm geschah.

Jetzt suchte Sziedeyna nach etwas ganz Bestimmten. Etwas, das sie noch nicht erfahren hatte, aber etwas, das sie sich genau vorstellen konnte. Irgendwo da draußen musste es einen Menschen geben, dem es gerade so ging, wie sie sich fühlen wollte. Aber dieser Zustand musste bewahrt bleiben und durfte nicht durch einen "Vampirschreck" zunichte gemacht werden. Ungosch hatte ihr nochmal verdeutlicht, dass sie die Möglichkeit hatte, auf Menschen Einfluss zu nehmen, ihrem Verstand etwas vorzugaukeln. Das konnte der Schlüssel zum Erfolg sein. Jetzt musste sie nur noch nach dem passenden Gefühl suchen im Straßengeflecht Britains. Die Fährte wie ein Bluthund aufnehmen.

Es vergingen mehrere Stunden. Sziedeynas Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Die Situation mit Ancanagar ärgerte sie. Ein Gefühl von Verlorenheit ergriff sie. Da spürte sie plötzlich etwas. Sie wandte den Kopf um, da war sie, eine junge Frau. Eng umschlungen mit einem jungen Mann. Sie mussten ein Liebespaar sein, auf der Höhe ihres Verliebtseins. Sziedeyna beobachtete sie aus sicherem Abstand. Es schien als konnten beide gar nicht genug voneinander bekommen. Doch da lösten sich beide endlich voneinander und der Mann gab der Frau einen letzten Kuss bevor er ging. Die Frau stand weiter da und schaute ihm mit einer Miene nach, die Sziedeyna neidisch machte. So sah also Liebe aus. Heiße lodernde Liebe. Das war das Gefühl, das Sziedeyna gleich gespürt hatte und jetzt für sich haben wollte. Sie ging langsam auf die Frau zu und setzte ein Lächeln auf. Kurz darauf erblickte die Frau sie und lächelte ebenfalls. Ihr Lächeln trug noch immer jene Liebestrunkenheit und das machte Sziedeyna innerlich wahnsinnig. Sie wollte sie spüren, jetzt, in voller Intensität.

Als Sziedeyna vor der Frau stand, fragte diese sie: "Kann ich euch helfen?" Sziedeyna entgegnte: "Ich habe nur gesehen, wie glücklich ihr zu sein scheint mit diesem jungen Mann." Die Frau fing an zu lächeln und sagte: "Oh ja, Francis und ich sind so glücklich!" Sziedeyna merkte, dass diese Frau in ihrer Liebestrunkenheit keinerlei natürliches Misstrauen mehr besaß, vor allem wenn man sie an ihr Glück erinnerte. Sziedeyna bemühte sich, ihr Lächeln zu spiegeln, und versuchte dabei langsam in den Geist der Frau einzudringen. Das war nicht besonders schwer. Es war, als feierten ihre mentalen Wächter gerade ein Fest und hatten alles andere zu tun als sie vor drohenden Gefahren zu warnen. Sziedeyna spürte die Gefühle der Frau, vergleichbar mit einem Wirbelwind, so chaotisch und tief. Das war genau das, was Sziedeyna nun brauchte.

Sie hatte eine Idee. Es kam ihr in diesem Moment wie der perfekte Plan vor: Was wenn sie der Frau vorgaukeln konnte, sie wäre ihr Liebhaber? Sziedeyna konzentrierte sich darauf, auf das Aussehen des Mannes, wie er sich verhalten hatte, wie seine Stimme beim Abschied klang, und versuchte ihn im Geist der Frau zu imitieren. Plötzlich sagte die Frau: "Francis, du bist zurück? Oh, wie schön!" Sziedeyna freute sich diebisch und antwortete: "Ja, meine Liebste, ich konnte einfach nicht ohne dich. Ich musste dich noch einmal sehen!" Die Frau setzte an mit "Oh, Franc...", aber Sziedeyna kam dazwischen, indem sie die Frau leidenschaftlich umarmte und zu küssen begann. Sie spürte den aufwallenden Liebesrausch, der ihr fast selbst die Sinne vernebelte. Und während sich beide küssten wie ein Liebespaar, wanderten Sziedeynas Küsse immer weiter zum Hals der Frau, die davon spürbar angetan war, wie Sziedeyna merkte. Zunächst saugte Sziedeyna leidenschaftlich am Hals und hinterließ dabei sicherlich einige Knutschflecken. Aber dann machte es das knackende Geräusch in ihrem Schädel und ihre Vampirzähne glitten in den Hals der geistig völlig von Sziedeyna umwobenen Frau.

Das Blut schoss in Sziedeynas Mund und nun spürte sie die volle Wucht des mit Liebestrunkenheit aufgeladenen Blutes. Umfassbare Gefühle fluteten Sziedeyna, wie sie sie noch nie kennengelernt hatte. Vorbei war es mit Wut und Verlorenheit. Jetzt spürte sie nur noch... Liebe. Grenzenlos und weit. Sie trank weiter. Sie merkte, wie sie selbst immer berauschter davon wurde und fast den Verstand verlor. Doch da regte sich auf einmal ein Widerstand in ihr. Wollte sie mit dieser unendlich glücklichen Frau wirklich nur wieder ein weiteres totes Opfer hinterlassen? Dem jungen Mann vielleicht die Liebe seines Lebens rauben? Und diese Frau leeren wie ein bloßes Behältnis mit Glück? Sie ließ ab von ihr und sprach ihre Worte nicht bloß aus, sondern in den Geist der liebestollen Frau: "Aber nun muss ich gehen, meine Liebste! Bis bald!" Und schon war Sziedeyna im Dunkel der Nacht verschwunden und ließ die Frau kaum anders zurück als vor ihrer Begegnung.

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