Online: 11

Ly'Saar KyAlur und das perfekte Attentat

Ly'Saar Ky'Alur

Die Luft in den Gemächern des Hauses Ky’Alur war schwer von dem süßlichen, fast betäubenden Geruch uralter Magie durchtränkt.

Ly’Saar Ky’Alur, der Jabbuk d’Sorcere, saß unbeweglich in seinem Thronsessel aus dunklem Adament geschlagen. Er war alt, unvorstellbar alt für jemanden, der sein Leben in den tückischen Labyrinth Verbracht hatte, dass die Dunkelelfen eine Hierarchie nennen.

Sein Gesicht war ein Pergament aus Narben und Falten, gezeichnet von Kriegen, die schon längst aus den Geschichtsbüchern sorgfältig entfernt worden waren, dass niemand von ihnen je erfahren sollte.

An seinen Füßen, fast schon eine provokante Häuslichkeit gleich, saßen die Samtpantoffeln. Ein absurder Anblick für einen der mächtigsten Magier des Hauses, doch für Ly’Saar waren sie das Symbol seiner eigenen Unantastbarkeit gewesen.

Wer es wagte, über seine Pantoffeln zu spotten, endete meist als seelenloser Diener, der nur noch Folianten schleppen durfte. Doch heute fühlten sie sich seltsam schwer an.

Ein plötzliches Stechen in seiner Brust ließ ihn zusammenzucken. Es war kein gewöhnlicher Schmerz, kein Schmerz vom Verfall durch das alter. Es war etwas Kaltes, etwas Berechnetes.

V'hailun. Das Flüstern des Todes.

Er erkannte das Gift sofort an dem metallischen Geschmack auf seiner Zunge, der sich wie flüssiges Silber in seine Kehle brannte. Es war ein komplex destilliertes Gift, gewonnen aus den Nachtschatten. Er versuchte noch andere Zutaten zu erschmecken und bemerkte eine Note Spinnengift.

Ein Gift, das nicht nur den Körper tötete, sondern die Verbindung zum Gewebe der Magie kappte. Jemand hatte es geschafft. Jemand war an seinen Schutzkreisen vorbeigekommen, hatte die gesicherten Türen passieren können und seinen persönlichen Weinvorrat vergiftet.

Ein heiseres, rasselndes Lachen entwich seiner Kehle. Ly’Saar spürte keine Angst, nur eine tiefe, fast schon ehrfürchtige Anerkennung.

Er, der Jabbuk d’Sorcere, der hunderte von Attentaten vereitelt und selbst tausende geplant hatte, war überrumpelt worden. Die Ausführung war bewundernswert.
Die Geduld, mit der der Attentäter gewartet haben muss, vielleicht mehrere Jahre, bis Ly’Saar seine Wachsamkeit für einen winzigen Moment – vielleicht nur für die Dauer eines Flügelschlags einer Fledermaus – gesenkt hatte, war reine Kunst. Ein letztes Mal hatte die Intrige gesiegt, und er war das Opfer. Es war... gerecht und perfekt ausgeführt.

Sein Blick wanderte mühsam über den Boden des Raumes. Die prachtvollen Teppiche, die übereinander geschichtet den kalten Stein bedeckten, begannen in seinen Augen zu verschwimmen.

Da war der tiefrote Teppich aus Spinnenseide, gefärbt mit dem Blut von “gestolperten” Gästen, dessen Muster sich nun wie ein lebendiger Strom aus Scharlach vor ihm ausbreitete. Direkt daneben lag ein grüner Läufer, dessen Farbe so intensiv leuchtete, dass sie fast in den Augen schmerzte – ein Geschenk eines “Gastes” dessen Name längst vergessen war.

Ly’Saar versuchte, die Finger zu heben, um einen Gegenzauber zu erschaffen, doch seine Hände waren gefühllos. Das Gift fraß sich durch seinen Körper wie Säure durch Pergament.

Er sah nun einen violetten Teppich, dessen Stickereien in einem unnatürlichen Silber glänzten, so dunkel, dass es wie ein Loch im Boden wirkte, ein Abgrund, der darauf wartete, ihn zu verschlingen. Die Farben begannen vor seinen Augen zu tanzen, sich zu vermischen, ineinander zu fließen wie die Gedannken eines Wahnsinnigen.

Die Wärme verließ seinen Körper, und die Kälte der kalten Steine kroch in seine Knochen. Er spürte, wie sein Geist sich von der Hülle löste, die so lange sein Gefängnis gewesen war.

Noch einmal drückte er seine Zehen in das weiche Futter seiner Samtpantoffeln. Ein letzter Kontakt zur materiellen Welt, ein letztes Gefühl von Luxus, bevor der große Schatten ihn einholte.

„Gut gemacht...“, flüsterte er in die Leere des Raumes, wobei sein Blick an einem besonders schönen gelben Teppich hängen blieb, der im flackernden Licht der magischen Kerzen wie flüssiges Gold glühte. Wer auch immer der Mörder war, er oder sie würde nun den Platz im Haus Ky’Alur beanspruchen. So war der Lauf der Dinge. So war der Wille Lloths.

Mit einem letzten, fast friedlichen Seufzer sackte Ly’saar in seinem Sessel zusammen. Die Augen weit geöffnet, fixiert auf die Farbenpracht unter ihm, während die Stille von Elashinn ihn wie ein schwerer Mantel einhüllte. Ly’Saar Ky’Alur war nicht mehr, doch sein Abgang war so meisterhaft wie sein Leben gewesen. Ein Ende in Samt und Seide, besiegelt durch ein perfekt durchgeführtes Attentat. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen, voller Anerkennung.

Beiträge in diesem Thread