Aufmerksam beobachtete Cassius die Frau. Sie schien auf den ersten Blick angenehm. Sie würde eintreten, sich nehmen, wofür sie gekommen war, und wieder gehen. Ohne unnötige, kleingeistige Gespräche zu erzwingen. Doch als er zunehmend bemerkte, dass sie eher ziellos durch den Raum striff, ließ er die Schultern enttäuscht hängen. Er merkte, wie die Gedanken zu den Experimenten, die er noch nicht zu Papier gebracht hatte, allmählich zerfaserten und sich begannen dem geistigen Griff zu entziehen. Hoffentlich konnte er sie bald notieren!
Dann steuerte sie auf den abgetrennten Bereich zu. Irritiert verließ er doch seinen Posten an der aufgehaltenen Tür und folgte ihr ruhigen Schrittes. Als sie auf sein Notizbuch fasste, beschleunigten sich seine Schritte. Gerade öffnete er den Mund, formulierte schon eine eindringliche Frage und jeden Augenblick würde er sie aussprechen. Jeden Augenblick sachlich, aber bestimmt dem Treiben ein Ende bereiten.
Doch dann brach seine Welt zusammen.
Machtlos wie ein unbeteiligter Beobachter irgendwo hinter seiner Schulter musste er mit ansehen, wie diese weißhaarige Furie sein Notizbuch besudelte. Und nicht einfach nur besudelte, dies war die Seite siebenundneunzig. Diese Seite hatte leer zu bleiben für die besonderen, außergewöhnlichen Nachträge wie es gefälligst bei allen Primzahlen ab fünf zu sein hat! Der Raum wurde enger und enger, lautlos näherten sich die Wände von allen Seiten.
In seinem Kopf rechnete es. Was, wenn er die Seite heraustrennte? Siebenundvierzig Blatt, selbst gebunden. Zwei Seiten Inhaltsverzeichnis vorne. Dann ist Seite siebenundneunzig die erste der hinteren Hälfte auf Blatt fünfundvierzig. Hinter der Hälfte! Folglich sind auf der vorderen Hälfte die Seiten siebenundachtzig und achtundachtzig. Zwei voll beschriebene Seiten! Es würde ja niemand wissen, wenn er diese neu abschrieb... doch! Er würde es wissen. Er würde es immer wissen! Dieses Notizbuch würde auf ewig ein Schandfleck bleiben. Sollte es gleich verbrannt werden? Wog die Lücke mehr oder weniger als diese Korruption seiner ureigenen Essenz?
Gefangen in diesen Gedanken bemerkte er nicht einmal, wie sie das Schreibwerkzeug niederlegte. Ungehört blieben ihre Worte. Und schließlich war Cassius allein im Raum mit seinen rasenden Gedanken. Es würde eine lange Nacht werden und mehr als einmal fragte er sich, ob der Meister seine Bekannte vermissen würde. Gedanken, die ihm in der Vergangenheit vollkommen fremd gewesen sind...