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[Dokumentation: Klassenaufstieg] D'nilok del Lloth - Das heilige Buch Lloth'

Tath'raen

Tath’raen stand vor dem Tempel von Elashinn, als Berg’inyon Baenre ihn musterte, als prüfe sie ein Werkzeug, das sich bewährt hatte. Ihre Worte waren ruhig, beinahe wohlwollend, als sie bemerkte, dass es angemessen sei, einen so stattlichen Krieger wiederzusehen. Tath’raen antwortete mit nüchterner Ehrlichkeit, dass es lange seine Aufgabe gewesen war, genau das zu sein. Aufgaben wandelten sich, erwiderte sie, und ihre Finger glitten über seine Schulter, langsam und prüfend, während ihr Blick sich in Gedanken verlor. Dann deutete sie an, dass sie in den Tempel gehen sollten. Sie glaubte, sein Fund dieses Tages sei ein Zeichen Lloths. Tath’raen widersprach nicht. „Bwael“, murmelte er nur und folgte ihr schweigend die Stufen hinauf, während sein Blick bereits zum Altar wanderte, wo das überlebensgroße Abbild der Spinnenkönigin im Halbdunkel lauerte.

Kaum hatten sie den heiligen Raum betreten, begannen die Edelsteinaugen der Statue zu glühen. Ein kaltes, bläuliches Licht flackerte darin auf, als wäre tief im Inneren der Steinfigur etwas erwacht. Tath’raen bemerkte es sofort und verharrte, während Berg’inyon erschrocken einen Schritt zurückwich. Ohne ein Wort zu verlieren sank er in eine betende Haltung, und die Priesterin tat es ihm schließlich gleich. Langsam begann die Statue sich zu bewegen. Ihre steinernen Beine arbeiteten lautlos, und aus silbrigen Fäden spann sie in rasender Geschwindigkeit ein Geflecht, das sich vor ihren Augen zu einem Gegenstand formte. Währenddessen wurde das Licht der Feuerschalen schwächer, als würde der Tempel selbst den Atem anhalten. Die Dunkelheit legte sich wie ein Schleier über den Raum, und nur die arbeitende Gestalt der Spinne blieb sichtbar. Berg’inyons Stimme erhob sich zu einem rituellen Singsang, der durch die Stille schnitt wie ein Faden durch Seide. Tath’raen kniete reglos neben ihr und lauschte.

Nach einer Weile legte die Statue ein kobaldblaues Buch aus silberner Spinnenseide auf den Altar. Kaum hatte sie es abgelegt, erstarrte sie wieder in ihrer ursprünglichen Haltung. Das Leuchten in ihren Augen erlosch, und der Tempel kehrte langsam in die gewöhnliche Stille zurück. Tath’raen verharrte noch einige Herzschläge auf den Knien, bevor er sich langsam erhob und ehrfürchtig zum Altar blickte. „Wurden wir Zeuge, Berg’inyon?“ fragte er leise. Die Priesterin antwortete, dass sie Zeugen der heiligen Macht Lloths geworden seien – und dass die Göttin damit gezeigt habe, dass sie seine Hingabe sah und annahm. Diese Worte ließen Tath’raen einen Moment schweigend dastehen.

Berg’inyon näherte sich dem Buch, doch als ihre Hand danach greifen wollte, keuchte sie plötzlich auf, als hätte sie ein unsichtbarer Schlag getroffen. Schmerz verzerrte ihr Gesicht, und sie sank auf die Knie, während sie sich langsam vom Altar zurückzog. Tath’raen beobachtete sie überrascht. Schließlich erklärte sie mit gepresster Stimme, dass das Buch nicht für sie bestimmt sei. Es sei für ihn. Für denjenigen, der die Wünsche der Göttin erfüllt hatte. Tath’raen blinzelte irritiert und sah zwischen ihr und dem Altar hin und her. „Soll… usstan etwa hinaufsteigen?“ fragte er vorsichtig. Berg’inyon nickte nur und hielt sich noch immer schmerzhaft die Seite, während sie erklärte, dass es ihm erlaubt – vielleicht sogar gewünscht – sei, das Buch zu nehmen.

Langsam hob Tath’raen den Fuß und setzte ihn auf den Marmor der ersten Stufe, so vorsichtig, als könne der Stein unter ihm zerbrechen. Sein Blick wanderte kurz zur Statue der Spinne, dann wieder zu dem Buch. Schließlich legte er seine Hand auf den Einband. Zuerst glaubte er, er sei kühl, doch im nächsten Moment spürte er ein warmes Pulsieren, als läge Leben in den seidenen Fäden. Vorsichtig nahm er das Buch in beide Hände und betrachtete es ehrfürchtig. „Es ist… wie die Spinne aus meinem Traum“, murmelte er. Als er fragte, ob er das Buch wirklich an sich nehmen solle, erklärte sie, dass es ihr Schmerzen bereite, auch nur danach zu greifen. Das Zeichen sei eindeutig. Dieses Geschenk gehörte ihm allein. Er drehte es in seinen Händen, während Berg’inyon ihn neugierig beobachtete und fragte, wie es sich anfühle. Tath’raen antwortete nach kurzem Zögern, dass es selten sei, dass jemand wie er überhaupt etwas besitze. Es fühlte sich ungewohnt an. In Berg’inyons Augen lag dabei ein kaum verborgenes Funkeln von Neid, doch sie sprach nur davon, dass allein Lloth entscheide, wer etwas verdiene.

Dann verkündete sie ihm etwas, das selbst ihn kurz erschauern ließ. Lloth habe eine Botin zur Ilharess geschickt. Von diesem Moment an stehe er nicht länger im Dienst der Herrin des Hauses – sondern direkt unter den acht Fittichen der Spinnenkönigin selbst. Tath’raens Blick wanderte unruhig durch den Tempel. Die Vorstellung, der Ilharess entzogen zu werden, war ebenso gefährlich wie ehrenvoll. „Die Rache der Ilharess wird furchtbar sein“, murmelte er. Berg’inyon jedoch erinnerte ihn daran, dass auch eine Ilharess dem Willen Lloths unterworfen sei. Niemand stehe über ihr. Tath’raen nickte langsam. „Niemand“, bestätigte er.

Schließlich sprach sie von der letzten Pflicht, die ihm nun auferlegt war. Wenn er wirklich in die Umarmung Lloths aufgenommen werden sollte, müsse er mit ihr das Bett teilen. Sobald sie schwanger sei, werde seine Ausbildung beginnen und vierzehn Monate dauern. Danach würde sie Elashinn verlassen und ein eigenes Haus gründen. Tath’raen nahm diese Worte ruhig auf.

Gemeinsam verließen sie den Tempel und gingen durch die Straßen Elashinns zu dem Haus, das Tath’raen vorbereitet hatte. Im Inneren zeigte er ihr die Räume und erklärte, dass Lyr'sa bei der Einrichtung geholfen hatte. Als sie das Bild von ihr entdeckte, verzog sie das Gesicht, und Tath’raen gab zu, dass er es nur aus Rücksicht hatte hängen lassen. Berg’inyon ließ ihre Finger über die Peitsche gleiten und erklärte ruhig, dass er dafür bestraft werden müsse – auch wenn sie seine Gründe verstand. Tath’raen nickte ohne Widerstand. „Xas“, sagte er nur. „Das ist dein Recht.“ Dann blickte er sich noch einmal im Raum um. Das Haus war vorbereitet, das Netz begann sich zu schließen, und irgendwo über ihnen wachte die Spinnenkönigin.

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