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[Dokumentation: Klassenaufstieg] D'nilok del Lloth - Im Schatten der Ilharess

Tath'raen

Tath’raen verharrte auf der Stufe des Altars, den Blick gesenkt, den Atem ruhig gehalten. Die kühle Oberfläche des Marmors unter seinen Knien war ihm vertraut geworden, beinahe tröstlich in ihrer Gleichgültigkeit. Doch dann veränderte sich etwas. Ein kaum hörbares Geräusch durchschnitt die Stille des Tempels, ein Schritt auf Stein. Er hob den Blick nicht sofort, doch sein Körper spannte sich unwillkürlich an, jede Faser bereit, die Veränderung zu deuten. Als er schließlich zur Seite sah, erkannte er Berg’inyon. Sie wirkte anders als zuvor. Die gewohnte Kontrolle lag noch in ihrer Haltung, doch darunter zeichnete sich Müdigkeit ab, feine Schatten unter den Augen, als hätte etwas an ihr gezehrt. Ein Preis, dachte er. Oder ein weiterer Faden, der sie enger bindet. Bevor er sprechen konnte, trat eine weitere Präsenz in den Raum, und mit ihr veränderte sich alles. Die Ilharess betrat den Tempel mit jener stillen Gewissheit, dass jeder Schritt ihr gehörte. Sie bewegte sich die Stufen hinauf zu ihrem Thron, ohne Eile, ohne auch nur einen Blick auf die beiden zu verschwenden. Tath’raen senkte sofort den Blick. Die Ilharess. Es war kein Gedanke, der ausgesprochen werden musste. Er war da, schwer und unausweichlich. Sie setzte sich schließlich, ihre Haltung ruhig, fast träge, als wäre sie Teil des Tempels selbst geworden. Doch die Luft um sie herum blieb angespannt, geladen, als könnte ein einziges Wort von ihr alles zerschneiden.

Tath’raen blieb reglos, doch seine Gedanken arbeiteten. Er spürte die Nähe zweier Mächte — die eine, die ihn geformt hatte, die andere, die ihn jederzeit brechen konnte. Berg’inyon trat näher, und obwohl ihre Schritte leise waren, wirkten sie in diesem Moment lauter als alles andere. Sie sprach ruhig und klar, als gäbe es nur ihn und sie, als wäre die Präsenz der Ilharess nur ein weiterer Schatten im Raum. Sie sprach von Gefahren, von einfachen Bedrohungen, die jeder erkennen konnte — Klingen im Dunkeln, Feinde vor den Toren. Doch dann wurden ihre Worte feiner, schärfer, als sie von den wahren Prüfungen sprach. Von jenen, die nicht sichtbar waren, die sich nicht greifen ließen, die sich erst zeigten, wenn man bereits Teil von ihnen geworden war. Tath’raen hörte zu, ohne sich zu regen. Die Prüfungen verändern sich, dachte er. Sie werden nicht lauter. Sie werden leiser.

Ihre Worte schnitten tiefer, als sie von Lloths Wohlwollen sprach. Davon, dass es nicht Stärke war, die ihn bisher getragen hatte, sondern Gnade. Dass jede Bewegung, jeder Atemzug nur deshalb möglich war, weil die Göttin es erlaubte. Tath’raen spürte, wie sich etwas in ihm straffte. Ich bin nicht frei, dachte er ruhig. Ich war es nie. Sein Blick blieb gesenkt, doch seine Aufmerksamkeit wanderte unwillkürlich zur Ilharess, die noch immer auf ihrem Thron saß, still, lauschend, wartend. Dann bewegte sie sich. Es war nur ein kleines Heben der Hand, ein kaum wahrnehmbares Verschieben ihrer Haltung. Die Luft schien schwerer zu werden, dichter, als hätte jemand das Netz enger gezogen. Als sie sprach, war ihre Stimme nicht laut, und doch erfüllte sie den Tempel vollständig. Sie erinnerte alle daran, wo sie sich befanden. Nicht vor ihr. Nicht unter ihrem Blick. Sondern im Schatten der großen Weberin. Tath’raen senkte den Kopf noch weiter. Nicht sie. Nie sie. Immer Lloth. Für einen Moment herrschte Stille, doch sie war nicht leer. Sie war gespannt, wie ein Netz kurz bevor etwas darin zappelte. Berg’inyon neigte respektvoll den Kopf, ihre Haltung kontrolliert, doch ein Hauch von Anspannung lag in ihren Schultern. Tath’raen verharrte reglos, wagte es nicht, den Blick zu heben. Dann sprach die Ilharess erneut, und diesmal lag mehr darin als bloße Erinnerung. Sie stellte klar, dass alles, was in diesen Hallen geschah, durch die Götten beobachtet wurde. Dass kein Faden gesponnen wurde, ohne dass sie ihn sah.

Tath’raen spürte, wie sich diese Worte in ihm festsetzten. Er wusste, dass dies kein Ort für Widerspruch war, nicht einmal für Gedanken, die zu laut wurden. Dennoch blieb die Erkenntnis. Berg’inyon hatte ihn auf einen Weg geführt, hatte ihn näher an die Göttin gebracht — doch die Ilharess erinnerte ihn daran, dass dieser Weg durch Lloth' Reich führte. Dass jeder Schritt beobachtet wurde. Schließlich trat Berg’inyon einen halben Schritt zurück, eine kaum sichtbare Geste, und senkte den Kopf tiefer. Tath’raen folgte ihrem Beispiel. Worte waren nicht mehr nötig. Alles, was gesagt werden musste, lag bereits im Raum. Die Ilharess verharrte noch einen Moment, dann lehnte sie sich zurück, als hätte sie entschieden, dass dieser Faden vorerst nicht weiter geprüft werden musste. Langsam löste sich die Spannung, doch sie verschwand nicht vollständig. Sie blieb zurück, wie ein kaum sichtbarer Riss im Stein. Tath’raen wagte es erst nach einigen Atemzügen, sich minimal zu regen. Seine Muskeln fühlten sich schwer an, als hätte er eine Last getragen, die nicht sichtbar war. Als er schließlich den Tempel verließ, war sein Schritt kontrolliert, doch in seinem Inneren hatte sich etwas verschoben. Ich diene der Göttin, dachte er ruhig. Doch ich bewege mich im Schatten der Ilharess.

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