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[Dokumentation: Klassenaufstieg] D'nilok del Lloth - Opfer und Statuen

Tath'raen

Der Tempel war erfüllt von schwerer Stille, als Tath’raen auf den kalten Stein kniete und den Blick gesenkt hielt. Die Stimme der Ilharess hallte noch immer in seinem Kopf nach, getragen von jener unerschütterlichen Gewissheit, die keinen Zweifel duldete. Lloth forderte — und hier, in diesem Raum, wurde dieser Wille vollstreckt. Tath’raen wagte es nicht, den Blick zu heben, doch er spürte jede Bewegung, jedes Zittern in der Luft, als die Opferung ihren Lauf nahm. Ein Werkzeug, dachte er ruhig. Das Blut floss; gelenkt, geweiht. Es war kein Akt der Brutalität, sondern Ordnung, Bedeutung. Als die letzten Worte gesprochen waren und das Opfer vollendet dalag, verharrte Tath’raen noch einige Atemzüge reglos. So sieht Gnade aus. So sieht Erwählung aus.

Er erhob sich erst, als es erlaubt war, seine Bewegungen kontrolliert, beinahe mechanisch. Neben ihm bewegte sich Berg’inyon, und gemeinsam traten sie aus dem Tempel hinaus, zurück in die kühle, nüchterne Welt der Stadt. Doch etwas hatte sich verschoben. Es lag in seinem Atem, in der Art, wie sich seine Gedanken ordneten. Berg’inyon sprach zuerst, ihre Stimme ruhig, doch durchzogen von einem leisen Nachhall dessen, was sie gesehen hatten. Sie nannte die Opferung sauber, ergreifend — und selten für einen Mann, ihr beizuwohnen. Tath’raen nickte langsam. „Usstan spürt die Ehre“, sagte er, und es war keine Floskel, sondern eine Tatsache. „Und usstan ist froh, dass er noch lebt.“

Doch die Gedanken blieben nicht lange bei der Opferung. Sie wanderten weiter, griffen nach dem nächsten Faden im Netz. „Lyr’sas Schild“, begann er langsam. „Erinnerst du dich daran?“ Sie nickte, trat näher, und gemeinsam begannen sie, die Erinnerungen zu ordnen. Das Artefakt war schon lange in ihrem Besitz gewesen, noch bevor sich andere Zeichen gezeigt hatten. Es hatte ihr nicht geschadet, im Gegenteil, es hatte sie geschützt, vor Drachenatem, vor Dingen, die andere vernichtet hätten. Tath’raens Augen verengten sich leicht. Gunst, dachte er. Unverkennbar. „Gunst ist Stand“, sagte er schließlich ruhig. „Und dieses Schild… ist Gunst.“ Seine Stimme blieb kontrolliert, doch darunter lag etwas anderes, etwas, das sich nicht so leicht ordnen ließ. Eine Handwerkerin, kein Rang, kein Platz im Netz, der eine solche Gabe rechtfertigte, und doch war sie es, die dieses Artefakt trug, nicht eine Priesterin, nicht jemand, der es verdiente. Berg’inyon sprach aus, was in der Luft hing, dass Lloth so etwas nicht dulden konnte, dass es nicht in die Ordnung passte. Tath’raen nickte langsam, doch seine Gedanken gingen weiter. Und doch geschieht es. Und wenn es geschieht, dann ist es gewollt.

Als Lyr’sa schließlich selbst in ihr Blickfeld trat, beinahe als hätte das Gespräch sie herbeigerufen, ruhte sein Blick einen Moment auf ihr, ruhig, prüfend, berechnend. Ein weiterer Faden. Oder ein Knoten. Er machte eine einladende Geste. „Komm“, sagte er laut genug, dass sie es hören konnte. „Wir sprachen über dich.“ Doch in seinem Inneren war die Frage längst eine andere geworden. Nicht, was das Schild war, sondern warum sie es trug und was Lloth damit beabsichtigte.

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