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Warum nur immer in der Nacht?

Ungosch ni'Dulana

Der Nebel hing schwer über den Wehrgängen von Minnersbach, als die Glocke der Torwache einmal dumpf erklang. Zwei Wachen in den Wappenfarben Minnersbachs richteten ihre Hellebarden auf den einzelnen Reiter, der aus dem Dunst auftauchte.
Der Mann trug einen dunklen, weit geschnittenen Mantel mit hochgeschlagener Kapuze. Sein Gesicht lag im Schatten, nur ein schmaler, stoppeliger Mund und ein spitzes Kinn waren zu erkennen. An seinem Sattel hing kein Wappen, kein Banner verriet seine Herkunft. Lediglich ein silberner Ring mit einem schwarzen Stein glänzte matt an seiner linken Hand.
„Wer da?“, rief der Wachführer barsch.
„Ich bin nur ein Bote“, antwortete der Fremde mit einer Stimme wie altes Pergament. „Für die Lordschaften. Persönlich. Und dringend.“
Die Wachen wechselten einen misstrauischen Blick. Nach kurzem Zögern ließ der Wachhabende den Reiter passieren, behielt ihn aber scharf im Auge, während ein junger Knappe den Brief zum Bergfried brachte.
Lord ni’Dulana saß in seinem Arbeitszimmer über Landkarten und Rechnungen gebeugt, als der Knappe eintrat und den versiegelten Brief auf den schweren Eichentisch legte. Das Siegel war war dunkel und trug das Wappen Elashinn`s.
Ungosch brach das Wachs mit dem Daumen und entfaltete das schwere, Pergament... oder, war das überhaupt Pergament? Die Schrift war überaus pompös: breite, schwungvolle Pinselstriche in tiefschwarzer Tinte, man konnte fast riechen, wie viel Eitelkeit in diesen Zeilen steckte.
Er las schweigend. Dann verzog sich sein Mund zu einem schiefen Lächeln.
„Na schau an…“, murmelte er. „Die lassen auch nicht locker in Elashinn.“
Er lehnte sich zurück, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und starrte einen Moment ins Leere. Schließlich faltete er den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Innentasche seines schwarzen Wamses.
„Gib dem Boten zwei Silberstücke und ein warmes Mahl, wenn er es wünscht“, sagte er zum Knappen. „Dann schick ihn wieder fort. Höflich, aber zügig.“
„Ja, Herr.“
Ungosch erhob sich, griff nach seinem schweren Umhang und der schmalen, mit Silber beschlagenen Schwertscheide. Die ungewöhnliche Nachricht brannte ihm förmlich in der Brust.
„Das sollte Lord Di’Loren ganz besonders interessieren…“
Mit schnellen Schritten verließ er den Bergfried und machte sich auf den Weg durch die engen, von Fackeln erleuchteten Gassen von Minnersbach zum Hauptquartier der Lords. Der Nebel schien dichter zu werden, als wollte er die Worte des Briefes vor neugierigen Ohren schützen.
Während er ging, wiederholte er leise den entscheidenden Satz aus dem Schreiben:
Lord ni’Dulana lächelte dünn in die Nacht hinein.
„Eine Bande zu festigen“, flüsterte er. „Das sagen sie immer.“

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