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Die Grenzen des Altars

Jhea'kryna Ky'Alur

Natürlich blieb der Vorfall nicht im Verborgenen. In den tiefen Hallen von Elashinn, wo selbst geflüsterte Worte wie Gift durch Stein und Schatten krochen, erreichte die Kunde schließlich auch die Ilharess. Jhea'kryna Ky'Alur saß reglos auf ihrem Thron, die Finger leicht in die Armlehnen gekrallt, während der Bericht vorgetragen wurde. Zwei Gestalten, eine Statue, ein Lichtschein – und Tath'raen, der sich berufen fühlte, im Namen Lloths zu handeln. Für einen kurzen Moment lag etwas Kaltes in ihrem Blick, etwas, das an blanken Zorn erinnerte, doch es verging ebenso schnell, wie es gekommen war. Lloth hatte ihn erwählt – und so verachtenswert seine Existenz auch war, Jhea'kryna würde sich nicht gegen den Willen der Spinnenkönigin stellen. Nicht offen. Nicht töricht. Stattdessen würde sie beobachten. Und mehr noch: beobachten lassen. Jede seiner Bewegungen, jeder seiner Schritte sollte ihr bekannt sein, noch bevor er selbst sie tat.

Als jedoch die Nachricht von dem gefangenen Rivvil zu ihr getragen wurde, verschob sich das Gewicht der Dinge. Tath'raen, so hieß es, hegte bereits neue Ambitionen, sprach von Ritualen, von Darbietungen – und das in ihrem Tempel. Ein kaum hörbares Lächeln legte sich auf die Lippen der Ilharess, kalt und scharf. Kein Mann würde jemals ein Ritual auf ihrem Altar vollziehen. Nicht, solange sie atmete. Der Tempel war ihr Reich, ihr Werkzeug, ihr Ausdruck von Macht und Hingabe. Männer mochten kämpfen, mochten sterben, mochten bringen, was sie erbeuteten – doch sie darzubieten, sie Lloth zu opfern, war allein das Recht der Priesterinnen. Er durfte nehmen, was sie gewährte. Doch geben würde er nichts.

Langsam erhob sie sich schließlich von ihrem Thron, der Stoff ihres Gewandes flüsterte über den Steinboden, während ihre Gedanken bereits weitergriffen. Wenn ein Zeichen gesetzt werden musste, dann nicht mit Worten, sondern mit Blut. Ein Opfer, würdig genug, um Lloths Blick auf sie zu lenken – und zugleich klar genug, um Tath'raen an seinen Platz zu erinnern. Kein offener Konflikt, kein törichter Streit. Sondern eine Demonstration. Still. Unmissverständlich. Vor allem aber - Endgültig.

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