Tath’raen betrat den Marktplatz von Elashinn in den frühen Stunden, als die Stadt noch zwischen Stille und Erwachen hing. Die Händler hatten ihre Stände noch nicht vollständig aufgebaut, die ersten Stimmen waren gedämpft, vorsichtig, als wollten sie die Dunkelheit nicht stören. Doch etwas war anders. Sein Blick glitt über den Platz — und blieb stehen. Die Statue ragte dort, wo sie nicht sein durfte. Für einen Moment bewegte er sich nicht. Seine Augen verengten sich langsam, während er das Werk betrachtete. Grünes Maly’tir, fein gearbeitet, beinahe lebendig im Schein der wenigen Lichter. Die Form war unverkennbar — eine Waldelfe. Üppig, provozierend, voller einer fremden, oberflächlichen Schönheit, die nichts mit der kalten Perfektion der Drow gemein hatte. Die Hüften zu weich, das Gesicht zu frei, zu spöttisch. Blasphemie, dachte er ruhig. Er trat näher, langsam, als würde jede hastige Bewegung dieser Lächerlichkeit zu viel Bedeutung verleihen. Einige wenige Blicke hatten sich bereits auf das Kunstwerk gerichtet, Flüstern begann, noch leise, noch vorsichtig. Tath’raen umrundete die Statue einmal, musterte jedes Detail, die Ranken im Haar, die falsche Anmut, die absurde Vermischung von Oberflächenvolk und göttlichem Symbol. Seine Hand zuckte kurz, als würde sie nach der Waffe greifen wollen. Zerschlagen. Jetzt. Doch er hielt inne. Das wäre zu einfach. Sein Blick wurde ruhiger, kälter, berechnend. Langsam trat er näher, legte beide Hände an das kalte Gestein und hob die Statue an. Das Gewicht war beträchtlich, doch es störte ihn nicht. Muskeln spannten sich unter der Last, während er sich aufrichtete und das Werk von seinem Platz entfernte. Einige der Umstehenden wichen instinktiv zurück. Niemand stellte Fragen. Gut. Ohne ein Wort trug er die Statue vom Platz, hinein in die Schatten der Gassen, weg von neugierigen Blicken und unbedachten Ohren. Seine Schritte waren gleichmäßig, kontrolliert, doch in seinem Inneren arbeitete etwas. Sie wollten provozieren, dachte er. Sie wollten Spott. Sein Griff um das Gestein wurde fester. Dann wird daraus ein Opfer. Er stellte die Statue schließlich in einem abgelegenen Bereich ab, fern von Blicken, wo nur die Stille der Stadt ihn begleitete, und blieb einen Moment stehen, um sie erneut zu betrachten, jetzt ohne das Murmeln des Marktes, ohne Ablenkung. Die Waldelfe blickte noch immer spöttisch, noch immer falsch. Tath’raen trat näher, seine Finger glitten langsam über das kalte Maly’tir, über die Linien, die ein fremder Geist geschaffen hatte. Du bist falsch, dachte er. Aber du kannst umgeformt werden. Nicht zerstören. Verwandeln. Wenn diese Statue bereits das Bild einer Göttin trug, wenn auch verzerrt, dann konnte sie mehr sein; ein Zeichen, ein Beweis. Er trat einen Schritt zurück, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ließ seinen Blick erneut über das Werk gleiten, diesmal nicht mit Abscheu, sondern mit wachsender Klarheit. Ich werde dich reinigen. Nicht mit Wasser, nicht mit Klinge, sondern mit etwas Tieferem, mit dem Willen Lloths. Sein Atem ging ruhig, gleichmäßig, während der Plan in ihm Form annahm, Rituale, Opfergaben, vielleicht Blut, sicher Schmerz. Das grüne Gestein würde die Veränderung tragen müssen, würde sich biegen oder brechen, und wenn es brach, war es ohnehin nie würdig gewesen. Ein schmales, kaltes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Du wirst kein Spott mehr sein. Du wirst ein Zeichen werden. Langsam wandte er sich ab, während die Statue zurückblieb, still und unverändert — noch. Beiträge in diesem Thread
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