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Tee bei Mondenschein

Loretta von Auenstein

Der Mond stand am Himmel, hell und klar. Nur ein paar kleine Wölkchen zogen die meiste Zeit an ihm vorbei, sodass sein Licht die Nacht sichtbar erhellte. Zum Vorabend hatte er sich kaum verändert. Aufmerksame Betrachter hätten ihn in dieser Nacht als ein Quäntchen voller wahrgenommen. Aber zu voller Rundlichkeit fehlte ihm noch ein kleines Stück. Loretta saß auf dem Balkon der Villa Auenstein und betrachtete ihn nachdenklich. Ihre Gedanken lagen weniger bei dem Lichtereignis am Himmel, als bei der erwarteten Gästin. Loretta fragte sich, wie der Abend wohl verlaufen würde. Würde ihre gestern zum Tee eingeladene Nachbarin von nebenan so wortkarg und fremdartig bleiben, oder würde doch ein interessantes Gespräch zwischen den beiden stattfinden? Würde Loretta wieder über ihre eigenen Worte stolpern und stets dieses seltsame Gefühl von Unterlegenheit empfinden, oder wäre es doch ein Gespräch auf Augenhöhe? Konnte sich hier etwas entwickeln oder verschwendete sie hier nur ihre Zeit an eine Person, die gar kein Interesse an ihr hatte? Loretta atmete einmal tief durch um sich zu beruhigen und die Sorgen, die um sie kreisten, zu besänftigen. So etwas hatte sie schon lange nicht mehr gemacht - jemanden zum Tee eingeladen, jemanden kennengelernt. Sie war unsicher, doch war das eine denkbar schlechte Ausgangsbasis für ein Kennenlernen, gestand sie sich ein. Wo blieb Sziedeyna eigentlich?

Sziedeyna, der Name hatte sich in Lorettas Gedächtnis eingebrannt. Wie sie ihn ausgesprochen hatte, nur ein Mal, mit dieser Klarheit und Unberührbarkeit, so hatte Loretta es empfunden. Es hatte etwas Majestätisches gehabt, obgleich Loretta wusste, dass ihre Nachbarin mitnichten von Stande war. Aber vielleicht war es weniger eine Frage des Standes, als der inneren Haltung, kam es Loretta in den Sinn. Sie selbst fühlte sich gerade nicht besonders standesgemäß und die Scham nach dem gestrigen Kontakt hallte noch immer in ihr nach. Dieses Kleinfühlen, das beschlich Loretta immer wieder mal, besonders wenn sie sich den Anforderungen ihres Lebens nicht gewachsen sah und jeden Moment jemand dahinter kommen konnte. Dabei war sie eine rechtmäßige von Auenstein, urkundlich belegt. Doch innerlich fühlte sich Loretta oft wie weder Fisch noch Fleisch. Durch eine Tragödie in die Adelswelt ihres Vaters verschleppt, ohne ihre alte Heimat, und der neuen Heimat doch stets etwas fremd geblieben. Ging es allen Halbelfen so? Waren sie alle zerrissen zwischen zwei Welten, von denen keine wirklich ihre war? Oder erlebte Loretta hier etwas, das nur sie betraf? Manchmal stellte sie sich solche Fragen und das Mondlicht schien besonders zu derartiger Kontemplation einzuladen.

Als Loretta den Blick schweifen ließ, bemerkte sie plötzlich einen dunklen Schatten vor dem Eingangstor des Anwesens, der vor einem Augenblick noch nicht dagewesen sein konnte. Anhand der Silhouette schlussfolgerte sie, dass es Sziedeyna sein musste, die vor dem Tor stand. Da Loretta sehr gut in der Nacht sehen konnte und der Mond es zusätzlich begünstigte, blickte sie Sziedeyna ins Gesicht. Dabei wunderte sie sich, dass Sziedeyna den Blick erwiderte. Für einen Menschen ungewöhnlich, so gut sehen zu können, striff es sie kurz gedanklich. Sie nickte ihrer Gästin zu und signalisierte ihr damit, dass sie sie gesehen hatte und nun herunter kommen würde.

Loretta stand auf, verließ den Balkon durch die Tür, durchquerte den Flur des ersten Stockwerks und eilte geschwind und leicht die Treppe hinab. Bertha, die Haushälterin, hatte die Villa Auenstein schon vor rund zwei Stunden verlassen und so war es an Loretta, der Gästin Einlass zu gewähren. Sie ging durch den Flur des Erdgeschosses, dann durch den Eingangsbereich, bis sie endlich die ganze Villa durchquert hatte und durch die Haustür nach draußen gelangte. Dort trugen sie die Schritte über den Kiesweg am Zaun entlang zum Tor, vor dem Sziedeyna wartete. Sie begann zu lächeln als sie sich gegenseitig erblickten.

Sziedeyna wirkte zu ihrer Überraschung weniger kühl und Loretta meinte, bei ihr ebenfalls den Hauch eines Lächelns auszumachen. Dass diese Situation nun verabredet war und beide sich darauf vorbereiten konnten, mochte hier vielleicht ursächlich gewesen sein, schoss es Loretta nebenbei durch den Kopf, als sie begann, das Tor zu öffnen. Sie legte den Eisenriegel um und zog den linken Torflügel großzügig auf. Größer als es nötig gewesen wäre für ihre Gästin, aber sie wollte ihr hier bewusst einen gewissen Raum geben für den Eintritt aufs Gelände. Sziedeyna folgte dem sogleich und trat mit leichten Schritten auf den Kiesweg, den Loretta gerade gekommen war. Kurz darauf schob Loretta das Tor wieder zu und legte den Riegel wieder um. Mit einem intensivierten Lächeln begrüßte Loretta ihre Gästin nun offiziell: "Seid herzlich willkommen, Sziedeyna, in der Villa Auenstein!" Woraufhin sie Sziedeyna den Weg zum Haus deutete, den sie eben gekommen war. Diese quittierte das mit einem leichten Nicken. Dabei ging Loretta vor und öffnete Sziedeyna die Tür, sodass diese vor ihr das Haus betreten konnte. Loretta folgte und lies die schwere Haustür sanft ins stets gut geölte Schloss fallen.

Da standen sie nun beide im Eingangsbereich der Villa Auenstein. Loretta ließ bewusst etwas Zeit, damit ein Gast sich orientieren und umschauen konnte. Sziedeyna tat dies tatsächlich und kurz darauf wies Loretta ihr den weiteren Weg in den Flur. Dort angekommen erläuterte Loretta ihrer Nachbarin kurz, wo sich was im Haus befand - die Küche und den Speisebereich mit der Obstschale. "Bedient euch gern", bot Loretta Sziedeyna das Obst an, aber Sziedeyna lehnte mit einer Geste dankend ab. Schlussendlich zeigte Loretta ihr die Treppe in den ersten Stock. Sie ging vor und Sziedeyna folgte ihr stumm. Oben angekommen erläuterte Loretta wieder die Funktion der angeschlossenen Räume - den Raum ihres verstorbenen Vaters und sie zeigte die schmale Treppe hinauf, die zu ihrem Zimmer führte. Sziedeyna folgte dem stets mit dem Blick, ohne näher darauf einzugehen.

Loretta machte dann eine kleine Geste zur Tür, die zum Balkon führte, wo sie bis vor ein paar Minuten noch allein ihre Gästin erwartet hatte. Doch nun war sie nicht länger allein. Der dunkle Schatten vor dem Tor war nun in ihrem Haus und im nächsten Augenblick mit ihr auf dem Balkon. Als sie nach draußen traten, bot Loretta Sziedeyna einen Sitzplatz mit einer Handgeste an und zeigte auch auf den Stapel Decken, die weich und adrett gefaltet bereit lagen, falls die Nacht etwas kühl werden sollte. Aber Sziedeyna lehnte ihr Angebot erneut ab: "Nicht nötig, mir ist nicht kalt." Loretta hingegen spürte schon jetzt, dass es etwas frisch geworden war, faltete eine der Decken auseinander und hüllte sich in sie ein. Sie saßen sich gegenüber. Loretta schaute von der Hauswand aus gegen das Mondlicht, während Sziedeyna im Gegenlicht wieder mehr wie ein dunkler Schatten wirkte. Dennoch konnten sich beide sehen, denn Loretta beeinträchtigten diese Lichtverhältnisse nicht im gleichen Maße wie einen reinen Menschen, der mit Sicherheit sein Gegenüber nur mehr als schwarze Fläche wahrgenommen hätte.

"Oh!", entfuhr es Loretta auf einmal. "Der Tee!" Sie lächelte Sziedeyna an und fuhr fort: "Was ist ein Tee bei Mondenschein schließlich ohne Tee! Was darf ich euch einbieten? Es gibt Rotbusch aus..." Da fuhr Sziedeyna dazwischen: "Kein Tee, danke." Loretta stutzte. "Kein Tee?", fragte sie verwundert. "Nein", antwortete Sziedeyna wieder knapp. Loretta reagierte: "Wie schade. Aber mir mache ich geschwind einen, wenn es euch nichts ausmacht. Ich kann die Wärme im Bauch gut gebrauchen." Dabei zog Loretta die Decke am Hals wieder etwas zusammen. Man merkte ihr an, dass es ihr etwas zu kühl war. Aber bei den Worten schien Sziedeyna aufzuhorchen. Sie fragte Loretta: "Wärme im Bauch? Ich nehme doch so einen Tee." Loretta wich die nicht ganz zu versteckende Enttäuschung sofort einem freudigen Lächeln und sie entgegnte: "Wunderbar! Also es gäbe Rotbusch aus..." Wieder fuhr Sziedeyna dazwischen: "Ich nehme, was ihr trinkt, Hauptsache es ist warm." Loretta antwortete leicht überrumpelt: "Wie ihr wünscht. Ich bin gleich wieder zurück!" Daraufhin schälte sich Loretta aus ihrer Decke, ließ sie zurück auf ihrem Platz und verschwand ins Haus.

Sodann machte sie sich auf in die Küche und darin stand sie eine Weile vor dem Schrank mit dem Tee. Sie fragte sich, was Sziedeyna wohl am ehesten gefallen könnte. Wenn Sziedeyna das gleiche trinken wollte wie sie, dann müsste sie einen Tee wählen, der vor allem Sziedeyna schmecken würde. Loretta selbst war nicht so wichtig, den Tee zu wählen, der ihr selbst am besten schmecken würde. Aber viele Anhaltspunkte hatte sie keine. Genau genommen gar keine. Sziedeyna schien ja nicht einmal besonderes Interesse am Tee gezeigt zu haben. Oder ging es ihr auch eher um die Wärme bei dieser Frische draußen? Sollten sie vielleicht besser ins Haus gehen, statt auf dem Balkon zu verweilen? Lorettas Gedanken kreisten schon wieder und drohten sich zu verknoten, da griff sie spontan zu einer Teesorte: Es war ein belebender grüner Tee, der mit verschiedenen Blüten verfeinert war. Loretta liebte diesen Tee besonders, weil der florale Duft sie träumen ließ. Er war wie ein kleines Zuhause im Zuhause. Vielleicht gefiel er ihr so sehr, weil er sie an Yew aus ihrer Kindheit erinnerte, ohne jedoch die dunklen Erinnerungen zu wecken. Nein, dieser Tee war durch und durch leicht. Wie feine Sonnenstrahlen im Frühling, der auf den Wiesen ganze Meere erblühen lässt.

Loretta musste sich dank Bertha für gewöhnlich nicht darum kümmern, selbst Tee zuzubereiten. In der Regel tat Bertha das und zwar mit einer Zuverlässigkeit und Güte, die nur Jahrzehnte an Erfahrung so hervorbringen konnten. Aber Loretta war sich auch nicht zu schade dafür, so etwas selbst zu erledigen, wenn das erforderlich war. Zum Beispiel weil Bertha aufgrund ihres wohlverdienten Urlaubs auch mal nicht anwesend war. Loretta versuchte stets, in dieser Zeit nicht zu viel Unordnung zu hinterlassen und räumte das meiste am Ende selber weg, was für eine Person ihres Standes eigentlich undenkbar war. Aber Loretta wollte Bertha auch entgegen kommen und sie sah in ihr auch weit mehr als bloß eine Haushälterin. Sie war über die vielen Jahre so etwas wie eine Ziehmutter geworden und brachte Loretta all das bei, was nur eine Frau einem Mädchen und einer späteren jungen Frau wie Loretta beizubringen vermochte. Loretta hing wahnsinnig an ihr. Nach dem Tod ihres Vaters und eigentlich auch schon davor war Bertha ihr größter Halt im Leben.

Loretta holte den Teekessel aus dem Schrank, befüllte ihn mit kaltem Wasser und stellte ihn auf den Herd. Dank Bertha glimmte der Ofen darunter noch immer warm und orangefarben vor sich hin und er war mit etwas Papier und zwei Scheiten Holz schnell wieder angefacht, sodass das Wasser sich schnell erhitzte und zum Kochen kam. In der Zeit hatte Loretta bereits zwei Tassen geholt und den Tee hineingegeben. Sie mochte es, den Tee direkt in die Tasse zu füllen und mit dem heißen Wasser aufzugießen, weil dabei die Blüten so herrlich auf der Wasseroberfläche schwammen und ihren Duft entfalteten wie Seerosen auf einem Teich. Der grüne Tee hingegen sank nach kurzer Zeit ab und so ließ sich der Tee wunderbar mit den Blüten nahe der Nase genießen. Die Menge war genau passend, damit der Tee auch nach längerer Zeit nicht allzu bitter wurde, sondern hell und leicht blieb. Diese Zubereitungsform hatte Loretta sich selbst irgendwann ausgedacht, weil sie unbedingt die Blüten sichtbar im Tee belassen wollte. Als sie noch klein war, bestand sie darauf, und seitdem hatte Bertha ihr den Tee stets auf diese Weise zubereitet.

Und genau so machte es Loretta auch. Mit den beiden Tassen in der Hand ging sie wieder nach oben. Sie hoffte, dass die Wartezeit von ihrer Gästin nicht als unzumutbar erlebt wurde. Normalerweise hätte sie Gäste bei Tage empfangen und dann hätte sie den Gast gar nicht allein lassen müssen, sondern den Tee von Bertha bringen lassen. Aber das verschaffte Loretta auch irgendwie das Gefühl, dass dies ein besonderer Abend war. Eine besondere Gästin, die sie noch überhaupt nicht einschätzen konnte. Aber sie brannte nun darauf, ihr den Tee zu reichen und sie kennenzulernen. Mit nur den beiden im Haus, abseits der üblichen Etikette, fühlte es sich auch seltsam intim an. Etwas zog Loretta zu Sziedeyna hin, aber gleichzeitig schwebte auch noch ein großes Fragezeichen über ihrer Begegnung.

Loretta stellte die beiden Tassen kurz auf der Fensterbank neben der Balkontür ab, um sie zu öffnen. Anschließend nahm sie die Tassen wieder in die Hand, trat hinaus und fand Sziedeyna unverändert vor. Als hätte sie sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht bewegt. Sie lächelte und überreichte Sziedeyna ihre Tasse und kommentierte das: "Bitte sehr, aber vorsicht, der Tee ist noch sehr heiß." Sziedeyna nickte ihr kurz zu und nahm die Tasse entgegen. Loretta stellte ihre Tasse kurz beiseite, schloss die Tür von außen und wickelte sich wieder in ihre Decke ein. Im Anschluss nahm sie sich ihren Tee wieder und schnupperte genussvoll an ihm. "Mmh, er duftet so herrlich. Es ist mein Lieblingstee. Ich hoffe er mundet euch so wie mir." Sziedeyna roch selbst kurz am Tee und nippte erst daran, gefolgt von einem Schluck, der Loretta verwunderte, sodass sie besorgt rief: "Vorsicht! Er ist wirklich heiß!" Sziedeyna entgegnete nur knapp. "Es geht schon, keine Sorge." Loretta betrachtete sie einen Moment beim Trinken und als sie merkte, dass ihr Gegenüber offenbar kein Problem mit der Temperatur des Tees hatte, stellte sie nur fest: "Nun gut, ihr scheint die Temperatur offenbar zu vertragen." Sziedeyna sagte: "Die Wärme ist gut, ich will sie voll nutzen." Loretta merkte an: "Ja, er wärmt wirklich gut. Wie schmeckt er euch denn? Was sagt ihr zu den Blüten?" Sziedeyna schaute kurz in die Tasse und wirkte etwas ratlos, was sie antworten sollte. Dann antwortete sie knapp: "Er ist gut." Nach einer kurzen Pause, ob da vielleicht noch mehr kam, nickte Loretta ihr nur freundlich zu und widmete sich dann selbst kurz ihrem eigenen Tee, an dem sie nun zum ersten Mal nippte und wieder sichtlich den Duft genoss.

Dabei ließ sie den Blick einmal kurz zu Sziedeyna wandern, während sich ihr Lächeln kurz intensivierte, und ließ dann den Blick über die mondbeschienene Szenerie fallen. Man konnte den Garten des Anwesens silhouettenhaft erkennen. Der Balkon zeigte nicht aufs Zentrum der Stadt, sondern gewährte den Blick über die Stadtmauern Britains, sodass sich durchaus einiges bot, um dem Betrachter etwas zu bieten, besonders in einer Nacht wie dieser.

Loretta hatte ihren Blick eigentlich nur schweifen lassen zur Überbrückung und in der Hoffnung, dass ihr Gegenüber selbst einmal das Wort ergreift. Da das aber ausblieb und die Stille schon ein wenig zu lang anhielt, wollte Loretta nun wieder einen Ansatz versuchen, die wortkarge Frau in ein Gespräch zu verwickeln. Sie fragte sich dabei, was sie sie wohl am besten fragen konnte. Da ihr klar war, dass Sziedeyna nicht von Stande war, fragte sie sie kurzerhand: "Und, äh, womit bestreitet ihr euren Lebensunterhalt?" Daraufhin schaute Sziedeyna ihr in die Augen und antwortete schlicht: "Ich erledige Aufträge aller Art." Loretta schaute sie fragend an, in der Hoffnung, dass Sziedeyna von selbst fortfuhr, was sie tatsächlich tat: "Ich schaue bei den Aushängen und wenn jemand etwas braucht, das eine gewisse Waffenfertigkeit erfordert, besorge ich das." Dabei blieb es. Loretta wartete noch kurz ab und fragte dann interessiert: "Waffenfertigkeit? Was bedeutet das?" Sziedeyna antwortete umgehend: "Ich erschlage Monster." Lorettas Augen weiteten sich vor Überraschung und sie fand nur unglückliche Worte: "Oh! Das ist... damit hätte ich nun nicht gerechnet." Loretta wirkte etwas sprachlos. Nachdem Sziedeyna aber stumm blieb und sie nur stoisch ansah, fand Loretta wieder ihre Worte: "Ihr seid also eine Kriegerin? So richtig mit Rüstung und Schwert?" Sziedeyna nickte und antwortete nur knapp: "Ja." Loretta band das Thema ab: "Verstehe. Dann seid ihr sicher richtig durchtrainiert." Sziedeyna nickte nur wieder knapp.

Loretta schluckte kurz und setzte zu einer neuen Frage an: "Und was macht ihr in eurer Freizeit?" Sziedeyna reagierte abrupt: "Sind all die Fragen nötig?" Loretta fühlte sich vor den Kopf gestoßen. So führte man doch kein Gespräch dieser Art. Jetzt war wieder dieses Gefühl präsent, dass irgendwas an dieser Frau anders funktionierte als üblich. Aber Loretta versuchte, die Form zu wahren und antwortete: "Nun, ihr müsst mir nicht auf meine Frage antworten, aber für gewöhnlich erkundigt man sich nach dem Leben der Person, mit der man sich, nun ja, unterhält." Loretta spürte einen gewissen Trotz in sich. Sie empfand Sziedeynas Frage als unhöflich. Sziedeyna stellte kühl die Gegenfrage: "Wozu? Macht es einen nicht verwundbar?" Loretta musste kurz überlegen, da sie es so noch nie gesehen hatte. Dann aber formulierte sie eine Antwort auf die Frage: "Wenn man sich vertraut, ist Offenheit ein Geschenk. Man erkundigt sich nach dem Leben des Gegenübers, weil es einem etwas bedeutet. Es ist ein Wechselspiel, das Verbundenheit schafft."

Loretta empfand, dass diese Erläuterung etwas Lehrbuchhaftes hatte, aber es schien ihr, als ob Sziedeyna wirklich keine Erziehung in dieser Hinsicht genossen hatte. Ihr schienen die Regeln des sozialen Miteinanders fast völlig fremd zu sein. Jemand anderes ihres Standes hätte sich wohl gar nicht länger mit so einer ungehobelten Person niedrigen Standes abgemüht und sie spätestens jetzt gebeten zu gehen und sie nie wieder eingeladen. Loretta wusste um die Regeln ihrer Welt bestens Bescheid. Jedoch hielt sie innerlich nicht an diesen Glaubenssätzen fest. Sie wollte nicht vorschnell urteilen. Jemanden nicht als ein niedrigeres Wesen ansehen, bloß weil er nicht in einen höheren Stand geboren und der Etikette unterrichtet war. Aber diese Frau machte es ihr wahrlich nicht leicht.

Nach dem Gesagten geschah etwas, das Loretta verwunderte. Sziedeyna schien ob der soeben gefallenen Worte nachzudenken. Sie hatte mit Gegenwehr gerechnet, aber nein. Sziedeyna saß eine Weile da und es wirkte wie innere Einkehr. Loretta wartete geduldig ab und nahm einen kleinen Schluck aus der Teetasse. Nach einer kurzen Weile regte sich Sziedeyna wieder und schaute Loretta in die Augen. Sie sprach: "Ich glaube, ich verstehe das. Aber wie soll ich wissen, ob ich euch vertrauen kann?" Loretta musste kurz überlegen. Sziedeyna konfrontierte sie hier mit Fragen, über die sie noch nie so bewusst nachgedacht hatte. Es handelte sich in ihren Augen eigentlich um Selbstverständlichkeiten. Es fiel ihr daher gar nicht so leicht, das in präzise Worte zu fassen. Sie versuchte es aber: "Nun, das könnt ihr wohl nicht. Ich denke, es funktioniert so: Man öffnet sich jeweils ein Stück weit, anfangs noch auf harmlose und unverfängliche Weise, und baut so Stück für Stück ein Vertrauensverhältnis auf. Man beginnt also klein und mit etwas... Glück ist vielleicht das falsche Wort, aber mit etwas Glück und, ja, mit einer gewissen gegenseitigen, Investition in das Verhältnis, wächst und gedeiht es wie eine gut gepflegte Pflanze. Anfangs noch ein zarter Keimling, später vielleicht mal ein... großer Eichenbaum. Ja, so in etwa."

Loretta pausierte und Sziedeyna wirkte erneut auf diese spezifische Weise nachdenklich. Sie nahm den nächsten Schluck Tee und wusste die Situation nun zu deuten, weshalb sie sich etwas entspannte. Sie hatte das Gefühl, hier ihrem Gegenüber vielleicht etwas Wichtiges beizubringen, und sie war dankbar darüber, wie ihr Gegenüber das anzunehmen schien, was sie zu sagen hatte. Oft genug hatte sie erlebt, wie Menschen ihres eigenen Standes einfach über sie hinweg gegangen waren, als seien ihre Worte nicht von Gewicht genug. Aber diese wortkarge blasse Frau entpuppte sich als jemand, dem anscheinend nur die Regeln des Umgangs nie richtig beigebracht worden waren. Aber Loretta zügelte ihren Stolz sogleich, denn es war ihr zu früh dafür.

Nach dem dritten Schluck Tee regte sich Sziedeyna wieder und sprach: "Bin ich deswegen hier? Um euch... eine Freundin zu werden?" "Freundin", hallte es in Loretta nach. So unvermittelt hatte Sziedeyna ausgesprochen, was Loretta so brav hinter Etikette verpackt hatte, dass sie es sich selbst kaum eingestanden hatte. Sie fühlte sich entblößt, aber gleichzeitig auch seltsam erleichtert, dass hier nun auch etwas Wahres im Raum stand. Sie schluckte und reagierte anders als sie es vor einem Augenblick noch für möglich gehalten hatte, denn sie sah auch eine Chance in dieser schonungslosen Ehrlichkeit: Echte Verbindung. Wenn sie diese Frau für sich gewann, dann war das nicht bloß Etikette. So antwortete sie ehrlich, nachdem sie sich innerlich vorbereitet hatte: "Ihr habt mich durchschaut. Ich suche nichts Geringeres als einen Kontakt, der sich ehrlich anfühlt." Danach atmete Loretta einmal tief durch und nippte an ihrer Tasse, die inzwischen nur noch halbvoll war. Sie war sich nicht sicher, ob dieser Mut nun belohnt oder bestraft würde von ihrem Gegenüber.

Aber Sziedeyna sprach: "Ehrlich. Hm. Aber wie ehrlich kann man wirklich sein?" Loretta freute sich einerseits, dass sie nicht barsch zurückgewiesen wurde, sah sich allerdings nun mit der nächsten schwierigen Frage konfrontiert. Aber Sziedeyna fragte nach. Loretta musste ihr nicht mehr alles mühsam aus der Nase ziehen - das war viel wert. Es gab gerade einen echten Dialog, der noch dazu sehr ehrlich geworden war. Sie hatte zuvor befürchtet, dass sie einfach nach ein paar gescheiterten Versuchen, das Gespräch am Laufen zu halten, aufgeben und das Treffen voller Scham frühzeitig beenden würde. Aber es entwickelte sich, wenn auch mühsam, gerade potenziell in eine Richtung, die echter war als der übliche Plausch am Nachmittag unter zwei Damen gleichen Standes. Die Frage also, Loretta wiederholte sie leise, bevor sie eine Antwort fasste: "Wie ehrlich kann man sein? Nun, das hängt vom Vertrauen ab. Und natürlich davon, um was es sich handelt. Aber es ist wie bei einer Waage. Legt man auf die eine Seite mehr Vertrauen, kann man auf die andere Seite auch mehr Ehrlichkeit legen." Loretta war selbst etwas überrascht über ihre zwar sehr klare Antwort, die ihr aber gleichzeitig auch zu sehr auf einen schlichten Handel reduziert wirkte. Aber so hätte sie es wohl einem Kind erklärt und Sziedeyna war zwar kein Kind, schien aber gewissermaßen auf einem ähnlichen Niveau dieses Thema betreffend zu sein.

Sie schaute abwartend zu Sziedeyna, die wieder über die Worte nachzudenken schien. Aber diesmal schien sie schneller damit fertig zu sein und entgegnete: "Das klingt sehr logisch." Das Gesagte bekräftigte Sziedeyna mit einem bedächtigen Nicken. Loretta wusste nicht, ob sie den Ball erneut zurückspielen sollte, oder ob er noch bei ihrem Gegenüber lag. Sie wartete etwas ab, da schob Sziedeyna nach: "Ehrlichkeit gegen Verbundenheit also. Hmm." Loretta nickte zustimmend und lächelte Sziedeyna freundlich an. Daraufhin führte sie aus: "Ja, genau. Zugegeben, so mechanisch beschrieben klingt es irgendwie profaner als es eigentlich ist. Verbundenheit ist etwas sehr Wertvolles, vielleicht sogar etwas Lebensnotwendiges. Oder seht ihr das anders?" Die Frage am Ende sollte Sziedeyna dazu bewegen, selbst etwas über sich preiszugeben. Es ging jetzt darum, ob sich hier etwas in der Entstehung befand, oder ob Sziedeyna sich als Sackgasse erweisen würde. Sziedeyna dachte kurz nach, während Loretta einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse nahm. Sodann antwortete Sziedeyna: "Nein, da habt ihr wohl Recht." Loretta empfand die Antwort zwar als unbefriedigend knapp, aber immerhin hatte Sziedeyna ihr zugestimmt. Das zauberte Loretta erneut ein Lächeln ins Gesicht und sie sprach: "Heißt das, ich darf euch zu einem erneuten Tee bei Mondenschein einladen?" Loretta hoffte, hier den Raum richtig gelesen zu haben. Sziedeyna nickte im Gegenzug nur zustimmend. Loretta freute sich sichtlich und empfand ihr erstes Treffen als jenen zarten Keimling, dessen Zukunft zwar noch ungewiss war, der aber immerhin nun aus seinem Samengehäuse erwacht war. Mit der passenden Menge Sonne und Wasser war es vielleicht möglich, dass etwas Dauerhaftes entstand.

Loretta deutete kurz auf Sziedeynas Tasse Tee und fragte sie dann: "Hat der Tee euch geschmeckt? Vielleicht das nächste Mal eine andere Sorte?" Sziedeyna entgegnete nur knapp: "Der Tee war gut, ich brauche keinen anderen." Loretta konnte diese Antwort nicht recht einordnen. Was bedeutete "gut"? Hatte er ihr geschmeckt? Wirklich auf die Frage geantwortet hatte Sziedeyna ihr nicht. Tee kann gut sein und dennoch nicht nach jemandes Geschmack. Aber sie kannte diese Art ja nun bereits von der rothaarigen Frau und beließ es daher dabei. Sie hatte sich nicht beklagt und zu einem weiteren Treffen zugesagt. Das war die Hauptsache.

Jetzt merkte Loretta auch, wie müde sie inzwischen war. Der Mond war schon deutlich weiter gezogen, der Tee war fast aufgetrunken und inzwischen kalt geworden. Hinter vorgehaltener Hand konnte sie sich ein leichtes Gähnen nicht verkneifen. Da sprach sie zu Sziedeyna: "Nun, verzeiht bitte, das Gespräch hat mir große Freude bereitet, aber die Müdigkeit zehrt an meiner Ausdauer." Sziedeyna war nichts dergleichen anzumerken und sie schaute Loretta nur stumm an. Loretta legte nach: "Wäre es in Ordnung, wenn ich euch hinaus begleite und wir unser Gespräch demnächst fortsetzen?" Sziedeyna nickte knapp und antwortete: "Natürlich." Direkt im Anschluss trank Loretta den letzten Schluck aus der Tasse. Sziedeyna schien ihren Tee ebenfalls bereits aufgetrunken zu haben. Kurz darauf stellten beide nacheinander die Tassen beiseite und Loretta befreite sich wieder aus ihrer Decke, die sie aufgrund der Kälte eher zu einem Kokon gemacht hatte.

Loretta erhob sich zuerst und darauf folgend auch Sziedeyna, die Loretta wieder durchs Haus folgte und über den Kiesweg zum Tor. Loretta öffnete es wie schon beim Einlass Sziedeynas und Sziedeyna trat heraus. Das Tor wieder verschlossen, standen sich beide dadurch getrennt gegenüber und Loretta verabschiedete sich mit den Worten: "Auf bald, Sziedeyna, es war mir eine große Freude! Auf eine rasche Fortsetzung." Sziedeyna antwortete knapp mit einem leichten Nicken: "Auf Bald." Dabei meinte Loretta, wieder dieses kaum wahrnehmbare Lächeln bei Sziedeyna zu vernehmen wie zu ihrer Begrüßung, bei dem sie sich nicht sicher war, ob es wirklich existierte. Danach wandte Sziedeyna sich ab und ging. Loretta schaute ihr noch hinterher, wie sie allmählich in der Dunkelheit verschwand und ging dann zurück ins Haus. Sie ging auf den Balkon, faltete ihre Decke zusammen und brachte die beiden Tassen in die Küche zurück.

Wenig später legte sie sich schlafen, aber lag noch eine Weile wach, weil das Treffen in ihr noch stark nachhallte. Diese Frau von nebenan war seltsam, aber faszinierend, vielleicht seltsam faszinierend. Loretta konnte sie noch überhaupt nicht einordnen. Sie schien in sozialen Fragen eigenartig unbeholfen zu sein, wirkte aber keineswegs dumm. Sie hatte eine starke Präsenz, die Loretta beeindruckte. Nachdem ihre Gedanken noch alles Revue passieren ließen, musste sich auch ihre innere Aufgewühltheit irgendwann der Müdigkeit geschlagen geben, die Loretta schon tief in den Knochen steckte. So schlief sie voller Hoffnung und vieler Fragen endlich ein.

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