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Wachen

Talrim Ethar

Er ruhte nun schon geraume Zeit dort im Dickicht. Schon vor Stunden hatte er sein Fell gegen wieder gegen seine menschliche Gestalt getauscht. Doch war er nicht weniger aufmerksam. Immer noch lauschte er in die Nacht. Und dann vernahm er das Rieseln von Steinchen. Sofort richtete er den Kopf auf. Seine Augen suchten den Berghang ab und erspähten kurz darauf wie eine Person vom Berg herab kam. Talrim richtete sich auf und schlich sich durch das Geäst. Vorsichtig um auch ja kein Geräusch zu verursachen. Es war nur ein kurzer Satz als er geschickt über die Mauer sprang. Und sogleich Deckung hinter einem Gebüsch suchte.

Die Gestalt hatte nun die letzten Schritte getan um das Anwesen zu betreten. Gerade als er ansetzen wollte um sie anzuspringen, konnte er den metallischen Geruch wahrnehmen. Auch die leicht gebückte Haltung, als wenn sie gleich zusammenbrechen würde. Seine menschliche Natur hatte nun wieder vollkommen die Kontrolle übernommen. Es waren nur wenige Schritte, die Talrim überbrücken musste. Dann fing er sie auf. Es war ein Gefühl von Vertrautheit welches ihn überkam. Und doch brodelte es in ihm. Dieser Widerstreit zwischen seinen Sinnen, seiner zweiten Natur und diesem Wesen welches er in seinen Armen hielt.

Immer mehr bohrte sich ihre unnatürliche Präsenz in seine Sinne. Zerrte an seinem Verstand. An der Kontrolle. Das Tier begehrte auf und so trat er zurück, überstreckte sich und ein langes klagendes Heulen entfuhr ihm. Es half seinen Geist wieder ins Hier und Jetzt zurückzubringen. Und der Blick fuhr über Ancanagars Körper. So wie sie dort stand. Mit Pfeilen im Körper. Es waren nur wenige Worte die sie wechselten und die heiße Wut die er noch vor wenigen Stunden verspürte war verflogen. Ersetzt von Sorge und Pflichtbewusstsein.

Die Hand fuhr über die Schäfte der Pfeile. Betastete vorsichtig die Stellen, an denen sie in den Körper eingedrungen waren. Widerhaken. Wie es zu erwarten war. So war es der Dolch mit denen er die Wundkanäle erweiterte und dann einen nach dem anderen entfernte. Ohne die Natur Ancanagars wäre es einerseits um einiges leichter gewesen, schlossen sich doch die Wunden teilweise bevor er einen Pfeil entfernte. Andererseits hätte sie es mit diesen Wunden wohl kaum den Berg herabgeschafft.

Es verlangte einiges an Beherrschung, dass er hier nun vor ihr stand und sie von den Pfeilen befreite. Ihr Geruch oder eher das Abwesen des selbigen. Die Ruhe all ihrer Lebenszeichen, welche die Geräusche der Nacht überlagerten. Und der fast volle Mond. Sie alle taten ihr übriges um ihn immer wieder in die Natur und die Nacht zu rufen. Doch er wurde hier gebraucht. Ein Pfeil wartete noch auf ihn. Doch dieser saß tief. "Ich glaube es ist einfacher ihn durch zu stoßen." offenbarte er ihr und fragte sie ob an ihren vorderen Oberkörper fühlen konnte wo die Spitze des Pfeils war. Sie nickte nur.

Er trat vor sie und sie öffnete ihr Oberteil etwas, so dass er besser sehen und fühlen konnte. Sanft fuhr er mit den Händen über ihre beinahe steinerne Haut. Bis er einen Widerstand unter der Oberfläche spüren konnte. "Ich hab ihn. Seid ihr bereit?". Kaum hatte sie ihm mit einem Nicken die Zustimmung gegeben, umfasste er das Ende des Pfeil und drückte ihn tiefer hinein.

Es war nur ein kurzer Moment, den es dauerte. Aber kaum hatte die Spitze die Haut durchdrungen und er den Pfeil herausgezogen, sank sie in seine Arme. Ein Moment der Nähe, so wie er ihn lang schon nicht mehr verspürte. Doch seine geschärften Sinne reizten ihn erneut. So rief er ein zweites Mal in dieser Nacht den Schmerz in einem langgezogenem Heulen hinaus, um wieder Herr seines Verstandes zu werden.

Doch auch dieser Moment verging schnell wieder. Nun wo beide sich ihrer Natur gewahr waren, standen sie sich gegenüber. War es ein Belauern oder Bedauern welches er in ihren Gesichtszügen lesen konnte? Es war mindestens zutiefst menschlich. Er streckte die Arme etwas vor die Hand nach oben gedreht "Ihr müsst hungrig sein". Ein kurzes Zögern als sie zunächst seine Handgelenke und den gleichmäßigen Puls in den Adern betrachtete. Doch dann trat sie wieder einen Schritt auf ihn zu. Verschloss sanft seine Hände und bedeutete ihm, dass sie sein Geschenk nicht benötigte. Nicht in dieser Nacht.

Und kaum hatte sie dies gesprochen, öffnete sich die Wolkendecke wieder und das Licht des Mondes erinnerte ihn wieder an seine zweite Natur. Er konnte dem Ruf der Nacht, des Waldes nun immer schwieriger widerstehen. So zog er sich von ihr zurück und mit jedem Schritt den er von ihr wegtrat veränderte er sich zusehends. Bis er in leicht gebeugter Haltung am Rande des Waldes noch einmal zurückblickte. Er war nun kein menschliches Wesen mehr. Doch auch kein Tier. Er ließ noch einem ein langgezogenes Heulen erklingen. Irgendwo tief im Wald gab es eine Antwort. Er drehte sich um, tat einen weiteren Schritt und verschwand dann im Unterholz.

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