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Sohn der Nacht

Yllaria

Die Waldelfe raste durch den Wald, den ersten sanften Sonnenstrahlen des Tages entgegen. Die Bäume flogen nur so an ihr vorbei und verschwommen zu einem grünen Schleier aus Licht und Schatten. Ihr offenes rotes Haar peitsche hinter ihr her. Der Duft des feuchten Mooses mischte sich mit der Kühle der Nacht. Es war nicht mehr weit bis zu ihrem Zuhause also beschleunigte sie noch einmal, spürte welche Kraft ihre Muskeln entfalten können und holte alles aus ihren Beinen heraus. Es war ein herrliches Gefühl, die Welt an sich vorbeifliegen zu sehen, sich nur in der Bewegung zu verlieren, genau das Richtige für ihren aufgewühlten Geist.

Yllaria hatte ihn schon gespürt, bevor er die Taverne überhaupt betreten hatte. Zunächst war es nur ein kaum wahrnehmbares Kribbeln gewesen, ein kleiner Hauch, der sich über ihren Körper ausgebreitet hatte. Unauffällig hatte sie sich umgesehen, weiterhin um eine entspannte Haltung bemüht, auch wenn sich ihre Sinne geschärft hatten. Dann betrat er das Innere des Gebäudes und das Gefühl wurde greifbarer. Aufmerksam glitt ihr Blick über seine Gestalt, verweilte einen Moment länger als notwendig und versuchte, seine Haltung und seinen Gesichtsausdruck zu deuten.

Sie empfand keine Angst, sondern lediglich Wachsamkeit, die in dieser Welt vermutlich immer angemessen war. Oder mir fehlt einfach eine gehörige Portion Selbsterhaltungstrieb. Ein kleines Schmunzeln glitt über ihr Gesicht, und eine spielerische Neugier machte sich in ihr breit.

Mit einer fließenden Bewegung glitt sie auf ihn zu und lud ihn ein, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Je näher sie ihm kam, desto stärker wurde das merkwürdige Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Während des Gesprächs versuchte sie, sich jedes Detail seiner Gestalt einzuprägen. Sie verfolgte jeder seine Bewegungen, wie seine schlanken Finger gedankenverloren durch seine Haare fuhren.

Als er eine Hand nach ihr ausstreckte und so noch mehr Raum zwischen ihnen überwand, hörte sie es. Eine leise Melodie, sanft aber auch eindringlich erklang sie in ihrem Inneren und ihre Magie antwortet mit zarten Schwingungen. Wie hypnotisiert blickte sie auf seine Hand, unfähig, auch nur einen kleinen Muskel zu bewegen, gefangen von den Eindrücken. Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch ihren Körper, sie hob den Blick und begegnete seinem warmen durchdringenden Blick. Dann war der Moment so plötzlich vorüber wie er gekommen war.

Nicht nur seine Gestalt, sondern auch das Gespräch faszinierte sie auf eine Weise, die sie nicht erwartet hatte. Sie verstand nicht alles, was er beschrieb, einige der Gedanken schienen aus einer ganz anderen Realität als der ihren zu stammen. In der Meditation später würde sie genügend Raum haben um die Worte abzuwägen. Er wusste um die Wirkung des eigenen Namens und sprach ihren immer wieder auf diese angenehme Art aus, als wäre jede Silbe davon von Bedeutung. Schließlich hatte sie sich entspannt in ihrem Stuhl zurück gelehnt und sich dem Fluss ihres Gespräches überlassen.

Als er sich verabschiedete und sie allein in die Nacht hinausging, fühlte sie sich seltsam belebt. Das Gespräch hatte ihren Geist auf unbekannte Wege geführt. Beschwingt machte sie sich auf den Rückweg. Je näher sie ihrem Zuhause kam, desto schneller und länger wurden ihre Schritte, angetrieben von einer unruhigen Energie, die ihr Geist erfüllte.

Fast hatte sie ihr Zuhause erreicht, als sie noch einmal innehielt und in der schützenden Dunkelheit der Bäume stehen blieb. Sie lehnte sich gegen einen alten rauen Stamm und atmete die Ruhe ein, die von ihm ausging. Ein sanftes Lächeln legt sich auf ihre Lippen als sie die vertraute Präsenz auf sich wirken ließ. Dann trat sie einen Schritt auf die bereits lichtdurchflutete Lichtung hinaus und drehte sich noch einmal zu den Schatten um.

„Vielleicht sehen wir uns wieder“, sprach sie leise in die verblassende Dunkelheit der Bäume, bevor sie sich mit einem leisen Hauch der Melodie auf ihre Lippen ganz von den Sonnenstrahlen umfingen ließ.

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