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Re: Die Seele des Stahls [Weg zum S5]

Mahlik Sorge

Das gleichmäßige Klacken von Metall auf Metall erfüllte die Schmiede, monoton, stumpf, vorhersehbar. Mahlik hielt inne und ließ den fertigen Dietrich aus den Fingern gleiten, wo er mit einem dumpfen Geräusch zu den anderen fiel. Vor ihm lagen sie in Reih und Glied: achttausend Stück, jeder einzelne makellos gefertigt, identisch, präzise – und vollkommen bedeutungslos. „Achttausend…“, murmelte er leise und rieb sich mit rußgeschwärzten Fingern über die Stirn. Seine Bewegungen waren perfekt gewesen, jeder Handgriff saß, jeder Schlag war kontrolliert, jeder Schnitt exakt. Es gab nichts mehr, was ihn forderte. Und genau das nagte an ihm. „Dafür bin ich kein Schmied geworden…“, brummte er und blickte auf die Kiste voller Werkzeuge, die nichts weiter waren als Mittel zum Zweck.

Er lehnte sich zurück, das Knacken des Holzes hinter ihm ließ ihn unwillkürlich an frühere Tage denken. Schreinerarbeit. Für das Blackrock-Syndikat. Kisten, versteckte Fächer, raffinierte Mechanismen, die nur mit dem richtigen Griff offenbarten, was sie verbargen. Damals hatte ihn jede Arbeit gefordert. Jedes Stück Holz hatte seine Eigenheiten gehabt, jede Konstruktion verlangte Planung, Gefühl und Präzision zugleich. Fehler hatten Konsequenzen gehabt. Man hatte nachdenken müssen. Improvisieren. Lernen. Und jetzt? Jetzt fertigte er Dietriche in Serie, tausendfach erprobt, tausendfach wiederholt, ohne jede Herausforderung. Ein leises Schnauben entwich ihm. „Vom Schreiner zum Fließbandarbeiter… großartige Entwicklung.“

Sein Blick wanderte zur Esse, in der die Glut ruhig vor sich hin glomm. Sie wirkte fast träge, so wie seine Arbeit geworden war. Dabei wusste er genau, wozu sie fähig war – wozu er fähig war. Doch niemand verlangte es von ihm. Niemand brachte ihm Aufträge, die ihn an seine Grenzen führten. Keine Experimente, keine Risiken, keine Fehler. Nur stumpfe Perfektion. Er griff einen der Dietriche, drehte ihn zwischen den Fingern, prüfte ihn aus Gewohnheit – natürlich war er perfekt. Zu perfekt. Ohne Seele. Ohne Anspruch.

Er hatte sich einen Namen gemacht, das musste er sich eingestehen. Händler kannten ihn, Auftraggeber zahlten gut und pünktlich, und es mangelte ihm weder an Gold noch an Aufträgen. Seine Werkstatt war gefüllt, seine Kasse ebenso, und wer etwas Solides, Verlässliches brauchte, kam zu ihm. Doch genau darin lag die Leere: Es war alles aufgebaut, alles gesichert – und dennoch bedeutete es nichts. Kein Werk, auf das man wirklich blickte und sagte das war mehr als nur Arbeit. Kein Stück, das blieb. Nur Aufträge, die kamen und gingen, und ein Name, der für Zuverlässigkeit stand, aber nicht für Größe.

„Die Seele des Stahls…“, murmelte er leise und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln, als ihm die Worte wieder einfielen, die er irgendwo aufgeschnappt hatte „klingt nach albernen Gerede“, fügte er hinzu, doch diesmal klang es weniger überzeugt. Denn tief in ihm wusste er, dass genau das fehlte. Nicht das Können. Nicht das Wissen. Sondern der Widerstand. Die Herausforderung. Etwas, das ihn zwang, über sich hinauszuwachsen.

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