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Zurück an die vorderste Linie

Er erinnerte sich gerne an früher. An seinen Vater, mit dem er gerne mehr Zeit verbracht hätte. An seine aufopferungsvolle Mutter, die immer für ihn da war und ohne die er nicht derjenige geworden wäre, der er heute ist.

Er erinnerte sich aber auch an seine andere Familie. Die des Blutschwures.
An seine andere Mutter. An seinen anderen Vater. An seine Brüder und Schwestern, mit denen er mit Feder und Schwert in den Kampf gezogen ist.

Sie alle fehlten ihm.

Aber er war sich bewusst, welch gefährliche, rauschmittelähnliche Wirkung diese Nostalgie in jemandem auslösen konnte und er hatte sich auf ewig geschworen, ihr zu widerstehen.

„Es zählt nicht das, was war, sondern was ich jetzt daraus mache“, wiederholte er gebetsartig.

Sein Blick hob sich, löste sich von der Verharrung in der Vergangenheit und richtete sich auf das, was vor ihm lag.

Der Tisch, die Banner, die Karte. Sie waren keine Relikte vergangener Tage. Sie waren ein Anfang.

„Genug gewartet“, murmelte er leise.

Sein Eid war erfüllt. Die Jahre der Abwesenheit, die Missionen in der Ferne. All das hatte seinen Zweck gehabt. Und nun war er zurückgekehrt. Nicht als Besucher. Nicht als Überlebender.

Sondern als das, was er einst gewesen war.

Seine Finger strichen über die alte Karte, verharrten kurz auf dem Zentrum der Stadt Britain. Dann richtete er sich auf.

„Ich fordere zurück, was mir gehört.“

Seine Stimme war ruhig und füllte doch gleichzeitig den ganzen Raum.

Die Führung der Gilde. Seinen Platz. Seine Verantwortung. Nichts davon war vergangen, es hatte nur geruht.

Ein schwaches Lächeln legte sich auf seine Lippen. Ein Lächeln nicht der Freude, sondern der Entschlossenheit.

Für einen kurzen Moment verharrte er. Nicht nur seine Rückkehr war von Bedeutung, sondern das, was er daraus zu formen versucht.

Die Zukunft lag nicht in der Wiederherstellung des Alten. Sie lag in seiner Weiterentwicklung.

Er wusste, dass das Konzept der Gilde Bestand haben musste. In ihrem Kern unverändert. Die Prinzipien, die sie einst stark gemacht hatten, durften nicht ausgetauscht werden. Doch die Welt hatte sich gewandelt. Die Stadt war nicht mehr dieselbe. Das Reich war es ebenso wenig.

Er begab sich auf das Dach des Gildengebäudes und blickte auf die beinahe leblose Stadt.

„Es ist die Wirtschaft, Dummkopf“, sprach er leise vor sich hin, fast wie eine nüchterne Erkenntnis.

„Die Moral ist nicht grundlos verfallen. Es sind keine verlorenen Ideale, keine fehlenden Helden. Es sind leere Mägen, fehlende Perspektiven und ein System, das seine eigenen Leute im Stich lässt und sie gleichzeitig auf perfide Art und Weise im Glauben lässt, sie seien ihres eigenen Glückes Schmied.“

Langsam begann sich sein Plan zu formen.

Die Gilde würde wachsen. Größer werden, als sie es je gewesen war. Nicht nur in Stärke, nicht nur in Einfluss.
In Bedeutung.

Die Gemeinschaft würde im Mittelpunkt stehen.

Hilfe für jene, die nichts haben. Schutz für jene, die niemanden haben. Eine Struktur, die auffängt, statt auszuschließen.

Nicht nur eine Gilde.

Ein Rückgrat für jene, die sonst keines haben.

Er atmete tief ein.

„Das alte Leben liegt hinter mir. Doch das, was vor mir liegt, ist größer als alles, was gewesen war.“

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