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Tod und Verderben in Minoc

Endos

Es war spät am Abend. Endos saß noch immer vor seinem Haus auf der steinernen Treppe, die Pfeife in der Hand, und starrte gedankenverloren in die Dunkelheit. Dünne Rauchschwaden zogen träge durch die kühle Luft, während seine Gedanken immer wieder um seinen neuen Auftrag kreisten.

Eine besondere Rüstung war verlangt worden. Wieder einmal etwas Außergewöhnliches. Der Kunde wollte eine Rüstung aus der härtesten bekannten Legierung – eine Verbindung aus Schwarzfeld und Unverwundbarkeit, vereint zu etwas nahezu Unzerstörbarem. Doch damit nicht genug: Das fertige Werk sollte in strahlendem Gold erleuchten, ohne dabei auch nur im Geringsten an Widerstandskraft einzubüßen.

Schwierig.
Sehr schwierig.

Doch Endos hatte den Auftrag angenommen.
Nichts war unmöglich, wenn man das Syndikat im Rücken hatte.

Langsam drifteten seine Gedanken ab, verloren sich zwischen Möglichkeiten, Berechnungen und Erinnerungen an frühere Arbeiten. Dabei nahm er zunächst kaum bewusst wahr, dass sich etwas verändert hatte.

Geräusche.
Leise zuerst, dann deutlicher.
Ein tiefes, kehliges Gruchsen, das ihm nur allzu bekannt war. Dazu das schrille, unangenehme Kreischen, das sich darunter mischte.

Ettins.
Trolle.
Vielleicht sogar Harpyien.

Endos verharrte und lauschte genauer. Er kannte diese Laute. Zu gut.

Auf der anderen Seite des Passes hatten sich diese Kreaturen niedergelassen. Oft genug hatte er sie aus der Ferne gehört, wenn er zu den Minen im Gebirge unterwegs gewesen war, nicht weit entfernt von seinem Haus. Einmal hatte er sich sogar zu einer Erkundung hinreißen lassen, hatte den Pass überschritten und ihr Lager aus sicherer Entfernung betrachtet.
Der Anblick hatte ihm gereicht.

Noch am selben Tag hatte er den Behörden von Minoc geschrieben.
Doch es war nichts geschehen.

Die Kreaturen waren geblieben, aber sie hatten bislang keine Anstalten gemacht, sich über den Pass hinweg oder durch die dichten, südlich gelegenen Wälder auszubreiten.
Bis jetzt.

Denn die Geräusche kamen diesmal nicht vom Pass. Sie kamen aus dem Wald im Süden.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Ohne lange zu überlegen, löschte er die Laterne neben sich und drückte auch die Pfeife aus. Die Dunkelheit schloss sich enger um ihn, während er angestrengt versuchte, etwas zu erkennen.

Doch ebenso plötzlich, wie die Geräusche aufgekommen waren, verklangen sie wieder. Stille.

Langsam ließ Endos sich wieder auf die Stufen sinken, doch die Ruhe war trügerisch geworden. Seine Gedanken kreisten nun nicht mehr um Metall und Handwerk, sondern um das, was er gehört hatte.
Ob das tatsächlich Ettins und Trolle gewesen waren?

Am nächsten Tag würde er nach Minoc gehen müssen. Die Behörden mussten informiert werden. Wenn sich diese Kreaturen bereits bis in die Wälder vorgewagt hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch die Siedlung bei den Minen erreichten.

Der Stadtrat musste endlich handeln.


Am nächsten Tag machte sich Endos auf den Weg nach Süden, in Richtung Minoc. Bereits auf dem Weg dorthin machte sich erneut ein ungutes Gefühl in ihm breit, das ihn mit jedem Schritt stärker begleitete. Der sonst vertraute Pfad wirkte stellenweise völlig verändert. Der Boden war aufgerissen und ausgetreten, als hätten schwere Kreaturen ihn immer wieder durchpflügt. Abgeknickte Bäume lagen quer über dem Weg, einige waren sogar vollständig entwurzelt, und tiefe, breite Spuren zogen sich durch den Waldboden – deutliche Zeichen dafür, dass hier nicht nur einzelne Wesen, sondern eine ganze Horde großer Monster hindurchgezogen sein musste.

Als Endos schließlich den Hügel erreichte und von dort hinab auf Minoc blickte, blieb er stehen. Und wurde blass.

Dichte Rauchsäulen stiegen an vielen Stellen in den Himmel auf, schwarz und schwer, viel zu groß, um von einem gewöhnlichen Feuer zu stammen. Am Rand der Stadt konnte er bereits erkennen, dass mehrere Häuser eingedrückt oder vollständig zerstört worden waren. Selbst aus der Entfernung drangen vereinzelte Schreie zu ihm hinauf – Laute voller Schmerz, Angst und Verzweiflung.
Ohne weiter zu zögern eilte er den Hügel hinab.

Als er die ersten Häuser hinter sich ließ und tiefer in die Stadt gelangte, wurde er für einen Moment starr.
Das Ausmaß der Verwüstung traf ihn unvorbereitet.

Feuer loderte an mehreren Stellen, Gebäude waren zerstört oder halb eingestürzt, und überall lagen Körper auf dem Boden – viele reglos, andere blutüberströmt und kaum noch bei Bewusstsein. Menschen torkelten durch die Straßen, stützten sich gegenseitig oder suchten verzweifelt Halt zwischen den Trümmern. Überall lagen zerbrochene Gegenstände, verstreutes Hab und Gut, Zeichen einer überstürzten Flucht oder eines gewaltsamen Kampfes.
Auf dem großen Platz vor der Bank lagen mehrere gewaltige Leiber. Fleischberge, die einst Trolle und Ettins gewesen waren, nun reglos und zerschmettert, aber selbst im Tod noch furchteinflößend.
In einer nahegelegenen Seitengasse sah Endos eine Gruppe Wachen, deren Rüstungen und Gesichter von Blut verschmiert waren. Mit Piken und Hellebarden drängten sie einen offenbar noch lebenden Ettin zurück. Das Monster, selbst schwer verwundet, gab Schreie von sich, die durch Mark und Bein gingen, während es sich ein letztes Mal aufbäumte. Schließlich brach es zusammen, schwer und unkontrolliert, und hätte dabei beinahe einen der Männer unter sich begraben.
Endos blieb stehen und atmete schwer aus.

Es waren also tatsächlich Ettins und Trolle gewesen, die er gehört hatte.
Warum nur hatte niemand auf ihn gehört?

Er hatte die Behörden gewarnt. Er hatte sie darauf hingewiesen, was sich jenseits des Passes zusammenbraute. Und doch hatte niemand gehandelt.
Wut stieg in ihm auf, vermischte sich mit einer tief sitzenden Verzweiflung. Er war kein Mensch, der sich leicht von Gefühlen leiten ließ, und gewöhnlich hielt er Abstand zu den Sorgen anderer. Doch das, was er hier sah, ließ ihn nicht kalt.

So viel Leid.
So viel Schmerz.
So viel Tod und Zerstörung.
Und all das – unnötig.

Sein Blick wanderte weiter, bis er in einiger Entfernung eine Frau entdeckte, die eine kleine Gestalt auf den Armen trug. Das Kind hing schlaff in ihren Armen, regte sich kaum noch.
Ohne zu zögern eilte Endos zu ihr.

Gemeinsam legten sie das verletzte Kind vorsichtig auf den Boden. Mit ruhigen, geübten Bewegungen öffnete Endos seine Tasche, zog einige Bandagen hervor und begann, die Wunden so gut es ging zu versorgen, während die Frau neben ihm kniete und mit zitternden Händen half.
Für einen Moment konzentrierte er sich ganz auf diese eine Aufgabe.

Dann hob er den Blick.

Langsam ließ er ihn über die zerstörte Stadt schweifen – über die Verletzten, die brennenden Häuser und die erschöpften Überlebenden, die zwischen Trümmern und Blut umherirrten.

Hier würde noch sehr viel Hilfe benötigt werden.

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