Immer wieder dieser Birk Roswylde!Meridon war auf dem Weg in den Wald. Endlich hatte er einen Großauftrag erhalten. Tausende Ster Holz wurden benötigt, und er hoffte, diese liefern zu können. Er musste liefern – denn andernfalls würden er und seine Gruppe große Mühe haben, genügend Gold für die dringend benötigten Waffen und Rüstungen zusammenzubekommen. Normalerweise mied er Menschen und Siedlungen. Er bevorzugte die Gesellschaft der Urvölker, fernab von Spott und misstrauischen Blicken. Zu oft hatte er erlebt, dass man sich über ihn lustig machte oder ihn gar für ein Monster hielt. Groß und kräftig gebaut, wirkte er auf viele eher wie ein kleiner Troll als wie ein Mensch. Seine Gruppe hatte ihn ausgewählt, das Holz für den Auftrag zu schlagen, und ihm dafür eine vorübergehende Bleibe organisiert – bei einem undankbaren alten Schmied, dessen Haus nicht direkt, aber immerhin nah genug am Wald lag, um die Arbeit zu ermöglichen. Doch je näher er dem Wald kam, desto härter wurde sein Blick und desto steifer sein Gang. Nicht schon wieder… Dieser Wicht. Dieser unsägliche Mensch, der es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatte, ihm jede gute Arbeit zunichte zu machen. Immer wieder fällte dieser Kerl genau die Bäume, die Meridon sich am Abend zuvor sorgfältig ausgesucht hatte – gerade, kräftige Stämme, die sich perfekt für den Auftrag eigneten. Zurück ließ er nur krumme, widerspenstige Gewächse, die kaum zu gebrauchen waren und ein Vielfaches an Mühe erforderten. Wie konnte das sein? Der Wald war riesig. Und dennoch traf er jeden einzelnen Tag genau auf diesen einen Mann, und immer schien es, als wäre er ihm einen Schritt voraus. „Birk Roswylde, aus der Familie Roswylde“, lautete die Antwort. Der Name sagte Meridon nichts. Und doch ärgerte er ihn. Die Art, wie der Fremde ihn ausgesprochen hatte, ließ darauf schließen, dass dieser Birk ein Städter war – vielleicht sogar jemand von Bedeutung, womöglich ein Adliger oder zumindest einer von denen, die sich für wichtig hielten. Tag für Tag wuchs der Ärger in ihm. Mehr als einmal spielte er mit dem Gedanken, dem Mann einfach die Axt über den Schädel zu ziehen und dem Problem ein Ende zu setzen. Doch er wusste, was das bedeuten würde: Flucht, Verlust des Auftrags, Verlust der Unterkunft – und vermutlich weit mehr als das. Also biss er die Zähne zusammen und fügte sich zähneknirschend in die Situation. Einige Tage später, wiederum früh am Morgen, belauschte Meridon zwei Händler, die mit Pferd und Karren hastig durch den Wald eilten, als wären sie auf der Flucht vor etwas, das ihnen dicht auf den Fersen lag. Ihre Stimmen waren unruhig, fast überschlagend, und jedes ihrer Worte war von Angst durchzogen. Sie sprachen von Monstern in Minoc, von Tod und Zerstörung, von einer Stadt, die über Nacht ins Chaos gestürzt worden war. Meridon blieb stehen und lauschte noch einen Moment, bis die Stimmen im Dickicht des Waldes verklangen. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen. Vielleicht ergab sich ein Auftrag, eine Gelegenheit – oder zumindest etwas, das sich zu seinem Vorteil nutzen ließ. Als er die Stadt erreichte, hielt er sich zunächst im Schatten der äußeren Häuser. In seinen Umhang gehüllt bewegte er sich vorsichtig und unauffällig durch die Straßen, stets darauf bedacht, nicht unnötig Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Blick wanderte aufmerksam über die Umgebung – über eingestürzte Dächer, über verkohlte Balken, über reglose Körper, die achtlos auf den Wegen lagen, und über verstreute Gegenstände, die hastig zurückgelassen worden waren. Er hielt Ausschau. Nicht nur nach Gefahren, die noch immer irgendwo lauern konnten, sondern auch nach Gelegenheiten, die sich inmitten dieses Chaos boten. Langsam arbeitete er sich tiefer in die Stadt vor, Schritt für Schritt, stets wachsam, stets bereit, im richtigen Moment zuzugreifen oder sich zurückzuziehen. Sein Blick hatte etwas erfasst. Birk Roswylde. Offensichtlich schwer verletzt, bewusstlos – doch noch am Leben. Meridon trat einen Schritt näher, langsam und ohne Eile, und betrachtete den Mann genauer. Der Körper war von Blut bedeckt, Kleidung und Haut gleichermaßen gezeichnet, doch eine klar erkennbare, tödliche Wunde war nicht auszumachen. Wahrscheinlich war er durch die Gegend geschleudert worden, gegen Möbel oder Wände geprallt, vielleicht mehrfach, bis er schließlich hier zum Liegen gekommen war. Für einen kurzen Moment regte sich ein Gedanke in ihm. Kaum entstanden, verblasste er wieder, wurde von anderen, kälteren Überlegungen verdrängt. Langsam richtete Meridon sich wieder auf, wandte sich ohne ein weiteres Zögern ab und spürte, wie sich eine leise, beinahe warme Zufriedenheit in ihm ausbreitete. Für die nächste Zeit, so wusste er, würde er seinen Wald nicht mehr mit diesem Mann teilen müssen. Beiträge in diesem Thread
|