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Ein stiller Beobachter

Frederik Greifenhorst

Die ersten Sonnenstrahlen lagen auf der Stadt wie ein Versprechen, das nicht für ihn gedacht war. Er war früh unterwegs gewesen, ohne klares Ziel. Die Stadt erwachte langsam, doch er hielt sich abseits, ging dort, wo wenig los war. Auf seinem Weg hielt er kurz beim Schmied. Der Klang von Werkzeug auf Material. Ordnung im Werden. Er blieb einen Moment stehen und sah zu, wie sich Metall verformte, Stück für Stück. Es hatte etwas Beruhigendes. Etwas Endgültiges.

Dann ging er weiter. Seine Schritte führten ihn durch die noch ruhigen Straßen, vorbei an Häusern, die langsam zum Leben kamen. Stimmen, gedämpft. Türen, die sich öffneten. Rauch, der aufstieg. Er wusste nicht genau, warum er stehen blieb, als er die Kirche sah. Vielleicht war es die Stille. Vielleicht die offenen Türen, oder vielleicht etwas anderes. Frederik trat näher. Nicht ganz bis zur Schwelle. Nur weit genug, um hineinsehen zu können. Drinnen war es ruhig. Das Licht fiel schräg durch den Türspalt, Staub lag in der Luft wie ein Schleier. Und dort, vor dem Altar, kniete ein Mann in Rüstung. Nicht irgendein Mann, denn Frederik erkannte ihn. Es war der Hauptmann von Minnersbach. Mollog Talfar.

Er hatte ihn schon gesehen, aus der Ferne. Auf dem Übungsplatz. Auf den Mauern. Immer in Bewegung. Immer beschäftigt. Ein Mann, um den sich Dinge drehten. Doch hier war er anders. Still. Nicht wie ein Hauptmann. Nicht wie ein Lord. Mehr wie… etwas anderes. Frederik hielt den Atem an, ohne es zu merken. Er sah, wie der Paladin den Kopf senkte. Hörte die Worte, die er sprach nicht, aber er verstand genug. Es war kein Gespräch für andere Ohren. Und trotzdem blieb er. Vielleicht einen Moment zu lange. Ein Gedanke bzw. ein Wort formte sich in ihm.

Paladin.

Das Wort hatte Gewicht. Mehr als nur Stahl und Rang. Mehr als Befehle und Kämpfe. Es war etwas, das darüber hinausging. Etwas, das Frederik nicht benennen konnte – aber spürte. Er stellte sich vor, wie es wäre, dort zu knien. Nicht als Beobachter, sondern als Teil davon. Ein Knappe vielleicht. Der Gedanke kam ihm schnell und blieb. Seine Finger spannten sich leicht an. Ein Schritt nach vorn wäre genug gewesen. Ein Wort. Nur eines.

Doch er bewegte sich nicht. Stattdessen wich er zurück. Langsam und vorsichtig. So, als könnte schon ein falsches Geräusch diesen Moment zerstören. Sein Blick senkte sich von selbst, denn natürlich gehörte er nicht hierher.

Nicht an diesen Ort.
Nicht in diese Rolle.

Er drehte sich um und seine Schritte waren leise, fast zu leise, als wollte er sich selbst nicht hören. Hinter ihm blieb die Kirche still. Frederik ging weiter durch die Straßen Minnersbachs. Der Tag hatte begonnen, und mit ihm kehrte das Leben und die Lautstärke zurück. Stimmen wurden lauter und das alltägliche Gewusel nahm zu.

Doch er nahm es nur am Rand wahr, denn seine Gedanken blieben bei dem Mann im Licht der Kirche zurück. Bei der Ruhe, die er dort gesehen hatte und bei dem, was er nicht getan hatte. Seine Hand ballte sich kurz zur Faust, dann löste sie sich wieder.

Feigheit, dachte er. Oder Vernunft? Er wusste es nicht. Aber der Gedanke ließ ihn nicht los. Als er schließlich stehen blieb, sah er noch einmal zurück. Die Kirche war kaum noch zu erkennen zwischen den Häusern. Ein Teil von ihm wollte umkehren, aber tat es nicht. Noch nicht..

Stattdessen richtete er sich ein wenig auf. Nicht viel, aber genug, um den Gedanken festzuhalten. Morgen, sagte er sich. Vielleicht morgen. Dann würde er nicht stehen bleiben, sondern hineintreten.

Dann würde er sprechen.

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