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Tee bei Mondenschein II

Loretta von Auenstein

Loretta hatte Sziedeyna einige Tage nach ihrem ersten Treffen einen Brief unter der Haustür hinterlassen. Darin stand:

Werte Sziedeyna,

ich möchte Euch hiermit herzlich einladen zu einer weiteren Tasse Tee im Mondenschein. Ich würde mich sehr freuen über Eure Anwesenheit am nächsten Vollmond.

Hochachtungsvoll
Eure Nachbarin
Loretta von Auenstein

Loretta hatte lange beim Schreiben überlegt, wie ihre Formulierungen lauten sollten. Am Ende hatte sie sich für einen eher schlichten und zweckdienlichen Tonfall entschieden, mit dem sie sich dennoch nicht so wohl fühlte. Aber sie war sich auch unsicher gewesen, ob sie mehr Persönlichkeit hätte zeigen sollen. Nein, sie war zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser Brief besser zur Adressatin passen würde. Keine Schnörkel, keine überbordenden Affekte. Nur eine schlichte Einladung. Loretta behielt ihre Affekte für sich.

Heute war Vollmond und sie hatte sich gefragt, ob Sziedeyna überhaupt kommen würde, da sie ihr die Einladung nie bestätigt hatte. Jetzt saß Loretta wie beim letzten Mal wieder auf dem Balkon der Villa Auenstein und wartete. Aber ihre Gästin ließ auf sich warten. Es war schon eine halbe Stunde später als beim letzten Mal. Immerhin war diese Nacht nicht so kalt wie damals. Der Sommer kündigte sich allmählich an. Loretta saß in eine der Decken gehüllt da und ließ den Blick schweifen.

Da hörte sie etwas. Ein Flattern. Dem Geräusch folgend erblickte sie bald eine Fledermaus, die über dem Haus ihre Runden drehte. Die Flugbahnen erschienen ihr nach einer Weile seltsam geordnet. Sodann verschwand das Flattern hinter dem Haus und war nicht mehr zu hören.

Kurze Zeit später vernahm Loretta auf der Straße sanfte Schritte. Ihr Blick ging zum Eingangstor der Villa Auenstein, und dort erschien endlich die Person, auf die sie gewartet hatte: Sziedeyna. Sie trug ein schlicht geschnittenes dunkles Kleid, das aber seltsam im Mondlicht zu schimmern schien. Beide schauten sich wieder in die Augen wie bei ihrem ersten Treffen. Ein erneutes Bekenntnis beider, dass sie über eine übermenschliche Wahrnehmung verfügten.

Loretta eilte alsbald nach unten, um Sziedeyna Einlass zu gewähren. Diese wartete regungslos wie ein toter Baum vor dem Tor. Loretta sperrte es auf und öffnete es.

"Seid erneut gegrüßt, werte Sziedeyna, tretet bitte ein", begrüßte Loretta ihre Gästin mit einem freundlichen Lächeln.

Sziedeyna bestätigte die Aufforderung mit einem kurzen Nicken und trat auf das Grundstück der Villa Auenstein. Danach verschloss Loretta wieder das Tor und begleitete Sziedeyna ins Haus und zum Balkon. Da Sziedeyna nicht zum ersten Mal hier war, verzichtete Loretta auf die sonst obligatorische Hausführung. Beide setzten sich wieder auf dieselben Plätze wie schon zuvor.

"Ja, also wie gehabt, falls euch kalt werden sollte, hier liegen Decken. Ich habe mir schon eine genommen", sprach Loretta mit einem deutlichen Lächeln.

Sziedeyna quittierte das erneut mit ihrer typischen Knappheit.

Loretta fuhr daraufhin fort: "Darf ich euch heute wieder mit einer neuen Teesorte überraschen?"

Sziedeyna schien kurz nachzudenken und entgegnete dann: "Ja, überrascht mich mit einem besonders heißen Tee."

Loretta empfand es zwar als eigenartig, hier die Temperatur hervorzuheben, aber sie erinnerte sich auch an das letzte Mal, als Sziedeyna überhaupt erst Tee gewollt hatte, nachdem Loretta den wärmenden Effekt erwähnt hatte.

"Gern!", entfuhr es Loretta enthusiastisch mit einem leichten Grinsen, und sie verschwand in die Küche.

Dort angekommen stellte sie Wasser auf dem Herd auf und durchstöberte das Teeregal. Sie war versucht, wieder ihren Lieblingstee mit den feinen Blüten zu wählen, aber sie wollte Sziedeyna mit etwas Neuem überraschen. Da fiel ihr Blick auf den Blutrosentee. Das war ein Tee, den nicht viele kannten.

Blutrosen zeichneten sich durch ihre intensiven blutroten Blüten aus, die bei Nacht eher schwarz wirkten. Sie wuchsen bevorzugt in der Nähe von Gräbern. Eigentlich war es ungewöhnlich, dass Loretta im Besitz eines solchen Tees war. Sie hatte eine solche Rose einst durch Zufall entdeckt und mit nach Hause genommen. Als Loretta Bertha nach einer Vase gefragt hatte, hatte diese die Pflanze sofort erkannt und überrascht reagiert.

Daraufhin hatte sie Loretta über das seltene Gewächs aufgeklärt und ihr zu verstehen gegeben, dass viele es aufgrund der Verbindung zu Gräbern und Friedhöfen unheimlich fanden. Aber Loretta hatte die Rose vor allem als besonders schön empfunden und sie behalten wollen. Bertha hatte ihr später verraten, wie man aus den Blüten einen äußerst aromatischen Tee zubereiten konnte, und über die Zeit immer wieder mal neue Blüten gesucht und getrocknet.

Normalerweise hätte Loretta es nicht gewagt, Gästen Blutrosentee zu servieren, aufgrund des Rufs der Pflanze. Manche hielten sie für giftig, andere für verflucht. Aber Loretta wusste, dass nichts dergleichen zutraf. Sie hatte ein besonderes Verhältnis zu Pflanzen und konnte sie auf eine spezifische Weise spüren. Die Blutrose kam ihr nicht vor wie etwas Gefährliches. Dennoch strahlte sie ein gewisses Mysterium aus, das Loretta direkt in den Bann gezogen hatte, als sie der Pflanze zum ersten Mal begegnet war.

Aber bei dieser Gästin schien es Loretta fast, als wollten die Blutrosen diese Nacht in Wasser schwimmen. Der Gedanke, Sziedeyna diesen Tee zu servieren, fühlte sich seltsam aufregend an, als der zarte Duft der getrockneten Blüten ihre Nase erreichte. Loretta durchfuhr ein sanfter Ruck der Vorfreude. Kurz darauf goss sie den Tee in zwei Tassen auf und ging wieder nach oben. Der nun intensive Blumenduft folgte ihr.

Loretta reichte Sziedeyna den Tee, und diese nahm ihn mit einem dankenden Nicken entgegen. Loretta wickelte sich wieder in ihre Decke ein und schnupperte an ihrem Tee. Sie atmete diesmal tiefer ein als beim letzten Besuch, da sie nun etwas weniger nervös war. Schließlich war ihre Gästin ein zweites Mal ihrer Einladung gefolgt. Ganz so viel falsch konnte sie also nicht gemacht haben.

Ihre Augen gingen neugierig zu Sziedeyna, gespannt, wie diese auf den Tee reagieren würde. Diese setzte ihn direkt an den Mund, hielt dann aber plötzlich inne. Dann setzte sie ihn wieder ab und sprach: "Diesen Geruch kenne ich. Blutrose."

Loretta schaute Sziedeyna freudig überrascht an und entgegnete: "Ihr kennt sie!"

Sziedeyna erläuterte: "Ja, dort, wo ich arbeite, begegnet man ihr immer wieder."

Loretta fragte daraufhin: "Darf ich fragen, wo das ist? Eure Arbeit." Sie sah Sziedeyna interessiert an.

Diese antwortete nach einer kurzen Pause: "Oft sind es alte Totenäcker."

Loretta schaute überrascht und stellte fest: "Ihr kennt sie wirklich. Ich hatte ein gutes Gefühl, euch diesen Tee zu servieren." Sie lächelte heiter.

Sziedeyna schien einmal am Tee zu nippen und nickte Loretta anerkennend zu. Ihr Blick wurde ernster und sie fragte: "Und was sagt euch euer Gefühl noch so?"

Loretta nahm diese leichte Atmosphärenverschiebung umgehend wahr und spürte, dass in dieser Frage mehr Gewicht lag, als die bloßen Worte es suggerierten. Sie spürte Unsicherheit in sich aufkeimen und schaute Sziedeyna nur stumm an. Sziedeynas Blick schien sich in sie zu bohren. Oder war es nur der Umstand, dass diese Frage zugleich unverfänglich und seltsam intim wirkte?

Loretta musste sich entscheiden. Entweder sie versuchte, der Frage auszuweichen, oder sie nutzte die unvermittelte Aufforderung zu mehr Tiefe. Eine Tiefe, die sie nicht gewohnt war in Gesprächen. Aber auch eine Tiefe, der eine gewisse Verlockung anhaftete.

Vielleicht lag es am Duft der Blutrosen, aber Loretta entfuhr endlich eine Antwort auf die Frage ihres Gegenübers: "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, aber ihr, und entschuldigt bitte die Direktheit, wirkt auf mich ähnlich faszinierend wie eine Blutrose."

Loretta taumelte innerlich. Sie hatte sich herausgewagt aus ihrer sicheren Fassade. Aber es war, als hätte etwas an ihr gezogen in diesem Moment, und es zog noch. Sziedeyna spiegelte ihr Aufmerksamkeit bei diesen Worten, und nach einer kurzen Pause erschien auf ihrem Gesicht wieder dieses seltsame, nicht ganz ausmachbare Lächeln, das Loretta schon beim letzten Treffen nicht ganz hatte loslassen wollen.

Sziedeyna sprach: "Wisst ihr, warum man die Blutrose so nennt?"

In Lorettas Blick machte sich Faszination breit, und ihr entfuhr nur ein knappes: "Nein."

Sziedeyna fuhr fort: "Es heißt, sie zieht das Blut aus den Toten und bekommt daher ihre namensgebende Farbe."

Loretta war Sziedeyna inzwischen sehr zugewandt und machte große Augen. Dann entfuhr Sziedeyna ein Schmunzeln und sie schloss die Erläuterung ab: "Aber das ist völliger Unsinn."

Loretta hatte den Eindruck, dass Sziedeyna noch etwas mehr lächelte, aber ganz sicher war sie sich noch immer nicht. Vielleicht war es eine Täuschung, die auf Lorettas starkem Fokus auf Sziedeynas Gesicht beruhte. Nach einer erneuten Pause vermochte Loretta endlich eine Frage zu formulieren: "Woher wisst ihr das?"

Sziedeyna blickte Loretta fest an und sprach: "Ich weiß es eben."

Aber Loretta war mit dieser Antwort unzufrieden und, ganz untypisch für sie, fragte sie: "Aber wie? Woher wisst ihr, dass es kein Blut ist?"

Loretta schaute neugierig wie ein Kind. Sziedeyna musterte sie und schien abzuwägen. Sie wartete etwas ab, den Blick auf Loretta lastend, bevor sie endlich sprach: "Wenn ihr euch mit etwas auskennt, dann wisst ihr, wenn etwas nicht stimmt."

Loretta entgegnete sofort: "Und was ist das, mit dem ihr euch hier auskennt? Blut?"

Loretta erschrak etwas über sich selbst. Was platzten ihr hier für Worte heraus? Aber gleichzeitig elektrisierte sie dieser Moment auch ein wenig. Sie spürte Gänsehaut, die nicht unbedingt der Kälte geschuldet war.

Eine weitere Pause entstand. Sziedeynas Blick traf sie prüfend. Sie fühlte sich etwas unwohl dabei, hielt ihm aber stand. Jene Unsicherheit, die sie nur zu gut kannte, beschlich sie zunehmend. Was bedeutete der Blick ihres Gegenübers? Und obwohl wohl nur wenige Augenblicke vergingen, kam es Loretta wie eine Ewigkeit vor.

Auf einmal legte Sziedeyna den Kopf leicht schief und eine Antwort auf die zuvor gestellte Frage bildete sich auf ihren Lippen: "Ja."

Das war alles? Einfach nur dieses "Ja"? Loretta stutzte, und das sah man ihr an. Nun beugte sich Sziedeyna vor und schaute Loretta tief in die Augen. Diese wich nicht zurück, und so waren beide nur rund eine Elle voneinander entfernt.

"Blut...rosen? Ernsthaft?", entfuhr es Sziedeyna so kalt, dass es Loretta einen Schauer über den Rücken jagte.

Loretta wich zurück und schaute Sziedeyna ratlos an. "Ich weiß nicht, was...", rang Loretta sich daraufhin unsicher ab, nicht recht wissend, welchen Vorwurf Sziedeyna ihr mit der Frage machen wollte. Aber es klang wie einer.

Sziedeynas Blick wurde wieder prüfend. Loretta erstarrte in ihrer Haltung und musste schlucken. Da lag etwas Unheimliches in Sziedeynas Blick. Nach einer Weile verengte Sziedeyna die Augen und brach die Stille: "Ihr wisst wirklich nicht... Hmm."

Loretta fragte unsicher: "Wa... was denn?"

Sziedeyna antwortete prompt: "Nichts, schon gut."

Sodann schien Sziedeyna sich zu entspannen und lehnte sich wieder zurück. Loretta hatte das Gefühl, als fielen ihr gerade irgendwelche Ketten ab. Sie atmete kurz durch und lockerte sich etwas.

Erneut entstand eine Pause.

"Wollt ihr denn den Tee gar nicht trinken?", wagte Loretta dann zu fragen, in der Hoffnung, wieder in unverfänglicheres Gesprächsterrain zu gelangen.

Doch wie sich der Blick ihrer Gästin auf einmal änderte, fühlte sich an, als würde etwas in ihr gefrieren. Ein Ruck des Schrecks ging durch ihren Körper, als sie das laute Geräusch der Tasse vernahm, die Sziedeyna auf einmal neben sich auf die Bank knallte, sodass ein Teil des Tees herausschwappte und sich wie eine Spiegelfläche um die Tasse verteilte. Loretta wusste nicht, was los war, und starrte Sziedeyna nur verunsichert an, die sie erneut zu prüfen schien.

Dann sprach Sziedeyna knapp: "Ich kann den Tee nicht trinken."

Loretta fand nun auch ihre Worte wieder: "Oh! Das... wusste ich nicht. Bitte verzeiht! Ich werde euch umgehend einen anderen machen."

Sie stellte geschwind ihre Tasse ab, doch als sie gerade aufspringen wollte, fuhr Sziedeyna dazwischen: "Nein."

Loretta fror ein und ließ sich erst langsam wieder nieder.

"Ihr braucht euch wegen mir keine Umstände machen", glättete Sziedeyna das Wort im Nachhinein, als wäre es ihr etwas zu schroff entkommen.

Loretta spürte, dass es bei ihrem Gegenüber keinen Sinn ergab, hier auf die höfliche gastgeberische Geste zu bestehen, also ließ sie sich endgültig auf ihren Platz nieder und nickte Sziedeyna leicht zu, während sie um ein Lächeln rang.

Loretta schob ihre Tasse etwas beiseite, als Sziedeyna sprach: "Ihr könnt euren ruhig trinken. Ich rate es euch sogar."

Der letzte Satz hatte etwas Merkwürdiges für Loretta. Zunächst mochte es einfach wirken wie eine freundliche Geste Sziedeynas, die nicht wollte, dass ihr Verzicht auch den Verzicht für ihre Gastgeberin bedeutete, aber den zweiten Satz wusste sie nicht zu deuten. Wieso raten?

Loretta lächelte verlegen und fragte nach, obwohl sie die Frage innerlich bereits bereute: "Wieso ratet ihr mir das?"

Sziedeyna ließ wieder eine unangenehme Pause für Loretta entstehen und fixierte sie.

Loretta spürte wieder einen Kloß im Hals und musste unweigerlich schlucken. Während Sziedeyna beim letzten Besuch eher sozial unbeholfen gewirkt hatte, schien ihr hier heute ein ganz anderes Gegenüber zu sitzen. Sziedeyna hatte etwas Raubtierhaftes für sie bekommen, und sie fühlte sich irgendwie wie... Beute. Aber Loretta wagte nicht, dieses Gefühl zu äußern, schließlich hatte Sziedeyna ihr keine echten Anzeichen dafür geboten. Sie schämte sich für dieses Gefühl, wie sie sich für viele Gefühle schämte, die sie nicht auszusprechen wagte, weil sie damit rechnete, dass niemand sie ernstnahm.

Endlich durchbrach Sziedeyna die Stille: "Nennt es... Intuition."

Diese Antwort war glatt, zu glatt, fand Loretta. Sie empfand sie als ausweichend, und schon die ganze Zeit kam es ihr vor, als tanzten beide um etwas Unaussprechliches herum, das niemand benennen wollte. Loretta konnte es nicht, weil sie es schlichtweg nicht wusste. Aber sie hatte das Gefühl, dass Sziedeyna ihr immer wieder etwas andeutete und dann doch im Nebel verschwinden ließ.

Vielleicht war es besser so, dachte Loretta sich. Vielleicht wollte sie es lieber gar nicht wissen. Aber was sollte sie nun mit Sziedeyna machen? Normalerweise würde man sich leicht über Alltägliches unterhalten, und über schrittweises Öffnen würde man sich besser kennenlernen, bis man vielleicht so etwas wie eine Freundschaft hatte. Aber Sziedeyna war anders. Sie hatte etwas Intensives an sich, und das machte Loretta durchaus Angst, aber gleichzeitig schien es auch die Quelle jener Faszination zu sein, die sie so fesselte.

"Ihr scheint viel zu wissen", versuchte Loretta die Atmosphäre aufzulockern, und versuchte wieder zu lächeln, was ihr auch halbwegs gelang.

"Zu viel", entgegnete Sziedeyna.

Loretta stutzte erneut. Da war es wieder.

"Wollt ihr mir etwas sagen, Sziedeyna?", brach es nun aus Loretta heraus, und sie fuhr energisch fort: "Ihr deutet immer etwas an, doch wenn ich nachfrage, kommt eine nebulöse Antwort. So sprecht doch klar, ich bitte euch!"

Sziedeyna schaute sie gefasst an, der Blick wieder prüfend, aber nicht so schwer auf Loretta lastend wie zuvor. Sie entgegnete: "Nun, ich dachte zunächst, ihr wisst mehr."

Sziedeyna setzte nun ein beschwichtigendes Lächeln auf. Loretta empfand das wieder als unbefriedigend und legte nach: "Und was, wenn ich mehr wüsste?"

Sziedeyna antwortete bestimmt: "Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ihr es nicht tut."

Man konnte Loretta ansehen, wie sie rot vor Wut wurde und sich nur mühsam im Zaum halten konnte. So legte sie erneut nach: "Hmpf! Ihr hört aber auch nicht auf damit, mich auf die Folter zu spannen! Das empfinde ich als höchst frustrierend."

Die Worte wurden im letzten Satz immer leiser und brüchiger, denn Loretta befiel ob dieses verbalen Gefühlsausbruchs wieder Scham, und sie schaute Sziedeyna unsicher an.

Nach einer inzwischen gewohnten Pause sprach Sziedeyna: "Ihr wollt eine Freundin?"

Diese Worte schienen in Loretta eine endlose Hallfahne zu erzeugen. "Freundin", das Wort hatte Sziedeyna schon einmal gebraucht und Loretta damit sehr präzise ertappt in ihrem Bedürfnis. Doch war Sziedeyna wirklich die richtige Person dafür? Mit dieser Direktheit? Mit dieser bisweilen einschüchternden Unheimlichkeit? Aber auch so faszinierend. Auf eine fast verbotene Weise intim, wie Loretta es noch nie erlebt hatte.

Sie stand wieder vor dem Scheideweg, hier jetzt entweder herumzudrucksen oder sich ein Herz zu fassen und die Chance zu ergreifen, die sich hier ganz offenbar auf dem Silbertablett bot. Oder warum hatte Sziedeyna sonst diese Frage gestellt? Vielleicht war es eine Fangfrage? Aber ehe es in die nächste Grübelschleife gehen konnte, entglitt es Lorettas innerster Sehnsucht, als hätte Sziedeynas Frage direkt an ihr gezerrt: "Ja."

Sziedeyna, die nur darauf gewartet zu haben schien, legte nach: "Freundinnen bewahren die Geheimnisse der anderen, oder?"

Loretta ahnte nun, worauf Sziedeyna hinauswollte. Als Freundinnen würde Sziedeyna ihr vielleicht endlich verraten, worum sie bislang immer herumgeschlichen zu sein schien. Dies war ein wichtiger Augenblick, spürte Loretta. Sie musste sich erneut entscheiden. Ihr wurde hier Freundschaft angeboten von Sziedeyna. Aber Freundschaft war etwas, das Loretta sehr ernst nahm, und sie konnte sich nicht vorstellen, diese Freundschaft lediglich zu bestätigen, um an ein Geheimnis zu kommen. Sie schaute zu Boden und ging in sich.

Eine Weile verging, da hob Loretta wieder den Kopf und schaute Sziedeyna an. Sie sprach: "Ja. Geheimnisse sind heilig in einer Freundschaft."

Sziedeyna fügte umgehend an: "Nun, wollen wir Freundinnen sein?"

Lorettas Augen weiteten sich. Diese Direktheit war so entwaffnend. Sie blickte Sziedeyna eine Weile in die Augen, und ihr Blick klarte sich auf.

Loretta bestätigte die Frage mit einem affirmativen Nicken und einem entlasteten Lächeln. Sie schob nach: "Ja, sehr gern, werte Sziedeyna. Lasst uns von nun an Freundinnen sein. Ich würde ja gerne mit euch anstoßen, aber..."

Loretta brach den Satz ab und lächelte verschmitzt.

Sziedeyna bestätigte: "Gut, wir sind jetzt Freundinnen."

Nun schaute Loretta sie neugierig an und fragte: "Dann könnt ihr mir das Geheimnis jetzt vielleicht verraten?"

Sziedeyna entgegnete knapp: "Beim nächsten Mal... vielleicht."

Loretta atmete einmal tief durch und sagte: "Ja, ich möchte euch auch nicht drängen."

Daraufhin konnte Loretta sich ein hinter vorgehaltener Hand erfolgendes Gähnen nicht ganz verkneifen, und sie fragte Sziedeyna: "Wie schafft ihr das nur, so spät noch nicht müde zu sein?"

Sziedeyna antwortete: "Ich bin es gewohnt, nachts aktiv zu sein. Beruflich."

Loretta nickte langsam und sprach: "Verzeiht, aber ich bin derlei nicht derart gewohnt und bin, fürchte ich, nicht mehr lange eine gute Gesprächspartnerin." Sie lächelte leicht entschuldigend.

Sziedeyna entgegnete: "Ich muss euch auch nicht länger wach halten."

"Oh, bitte, wir können uns jetzt duzen", kam es Loretta plötzlich in den Sinn.

Sziedeyna korrigierte sich: "Nun gut, ich muss... dich nicht länger wach halten."

Loretta lächelte müde und gähnte erneut etwas verlegen hinter vorgehaltener Hand. Dann sprach sie: "Ich geleite euch... dich hinaus. Es war ein sehr..."

Sziedeyna unterbrach sie mit den Worten: "Nicht nötig. Schließ einmal die Augen."

Loretta schaute sie fragend an.

"Die Augen", wiederholte Sziedeyna knapp.

"Äh, ja", entfuhr es Loretta leise, und sie schloss die Augen.

Es verging ein Moment der Stille, da hörte Loretta ein Flattern. Sie öffnete die Augen, und zu ihrer Verblüffung war Sziedeyna vom Balkon verschwunden. Sie sah nur wieder diese Fledermaus von vorhin. Wie war das möglich? War das das Geheimnis? Loretta schaute der Fledermaus nach, bis sie hinter dem Haus verschwunden war.

Sie saß noch einen Moment auf dem Balkon, bis sie endlich ins Bett ging und die Gedanken über diese noch seltsamere zweite Begegnung sie wieder bis in den Schlaf verfolgten.

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