Der Weg in die Schatten: Der Preis des Zögerns
Zynrae Ky`Alur
Die Drow saß neben der schlafenden Ruchi im Bett und blickte schweigend an sich hinab. Ihre Robe war von Ruchis Blut durchtränkt; der dunkle Stoff lag schwer und kalt auf ihrer Haut. Eine Hand lag auf dem Arm der Priesterin und ließ langsam heilende Energie in sie fließen. Der stetige Strom aus Mana pulsierte ruhig durch ihre Finger, während auf dem Boden Ruchis eigene, ebenfalls blutdurchtränkte Robe lag. Auch die Laken waren von roten Flecken gezeichnet. Zynrae ließ den Manastrom noch einmal sorgfältig über den Körper der Drow wandern, prüfte jede Verletzung und jede Regung. Dann nickte sie mechanisch. Sie brauchte nur Erholung und Wärme. Ihr Schlaf war tief und sie würde wohl nicht so schnell aufwachen. Das hier war auch ihre Schuld, und das wusste sie, egal, was das Schattenwesen gesagt hatte. Vielleicht wären die Ketten irgendwann ohnehin gebrochen. Vielleicht waren sie wirklich nur der Auslöser gewesen. Dennoch ließ der Gedanke sie nicht los. Wenn sie stärker gewesen wäre, hätte sie mehr tun können. Müde rieb sich die Drow über das Gesicht, bevor sie ihre Hand von Ruchi löste. Mit leisen, beinahe lautlosen Bewegungen ging sie zur Tür und schickte nach zwei der Dienerinnen aus der Sorcere. Als sich die beiden vertrauten Gesichter näherten, gab Zynrae kurze, ruhige Anweisungen. Schnell hatten sie alles vorbereitet, und Zynrae nutzte die Zeit, um sich selbst umzuziehen. Danach betraten sie zu dritt erneut Ruchis Schlafzimmer. Mit leisen, geübten Bewegungen wurde das Blut entfernt und die Laken gewechselt. Kein unnötiges Wort wurde gesprochen. Nachdem Ruchis Körper gewaschen und in frische Kleidung gehüllt worden war und er wieder unter den Bettlaken lag, neigte Zynrae entschuldigend den Kopf. Sie hatte überlegt, die Drow einfach so ruhen zu lassen, doch nun konnte sie sich wenigstens die Wunden an ihren Händen ansehen. Immerhin war Ruchi nicht erwacht. Die Wundränder hatten sich bereits geschlossen. Es würden wohl keine Narben zurückbleiben. Als sich die Dienerinnen sich zurückgezogen hatten, umfasste Zynrae den Dolch in ihrer Hand fester und zog die Klinge leicht über ihre Handfläche. Die scharfe Schneide brauchte kaum Druck und schon benetzten die ersten Blutstropfen das Metall. Sofort stoben Schatten auf, schlängelten sich an ihrer Gestalt empor und strichen kühl über ihre Hand. Als sie sich unter dem Bett ausbreiteten und ihre Finger wieder freigaben, war die Wunde bereits geschlossen. Die Schatten hatten das Blut mit sich genommen. Die Drow kniete sich vor das Bett. Die erforderlichen Reagenzien lagen bereits bereit. In Gedanken formte sie einen einfachen Ritualkreis, konzentriert und routiniert. Die Schatten zeichneten die Linien mit ihrem Blut auf den Boden: zwei freie Kreise in der Mitte. Als der Kreis sich schloss, leuchteten die Linien auf und ein pulsierendes Licht erfüllte den Raum. Bwael. Zynrae griff nach den Reagenzien und die Schatten legten sie in die freien Kreise. Es brauchte nicht viel ihrer Kraft. „In Mani Grav“, murmelte sie leise. Der erste Kreis nahm die Reagenzien langsam in sich auf. „In Flam Hur Grav.“ Die Schatten verschlangen die übrigen Reagenzien und die Luft innerhalb des Kreises heizte sich deutlich auf. Wärme erfüllt von einem grünen Leuchten breitete sich im Raum aus und ein wohliger Schauer rann über Zynraes Körper. Sie richtete sich behutsam wieder auf und setzte sich neben Ruchi auf das Bett. Ihr Rücken lehnte gegen die Wand, die Beine hatte sie über der Bettdecke ausgestreckt. Als die angenehme Wärme ihren Körper erfüllte, spürte sie erst richtig, wie erschöpft sie war. Irgendwann musste auch sie eingeschlafen sein, denn plötzlich zuckte sie zusammen, violette Augen musterten sie. Elir hatte es sich am Ende des Bettes bequem gemacht, den großen Kopf auf seinen Pfoten abgelegt. Der wachsame Blick des schattenhaften Panthers war auf die beiden Drow gerichtet. So langsam wird der Platz im Bett wirklich eng. Zynrae schmunzelte kurz leise, bis sie Elirs Blick genauer bemerkte. Er hielt ihren Blick fest und sah dann zu ihrem Schatten hinab, der im Rhythmus des leuchtenden Ritualkreises über den Boden tanzte. Ernst fing er ihren Blick wieder auf. Schuldgefühle fluteten wieder ihren Geist. Sie war schon zu lange weggelaufen und ihr Zögern hatte seinen Preis gefordert. Langsam wanderte ihr Blick über die schlafende Ruchi. Sie hatte heute Unglaubliches geleistet. Der Druck der karmatischen Energie, die sie erzeugt hatte, war enorm gewesen. Zynraes Blick glitt zurück zu den violetten Augen. Dann nickte sie ihm zu und er erwiderte die Geste ruhig. Es war an der Zeit und sie war längst bereit. Doch erst musste sie zu Kräften kommen. Müde streckte sie sich aus und fand schnell zurück in den Schlaf, in eine Dunkelheit, erfüllt von Schatten und Blut. Beiträge in diesem Thread
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