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Re: Eine denkwürdige Personalentscheidung

Tath'raen

Der Geruch traf mich noch bevor ich die Tür erreichte. Verbranntes Leder und geschmolzenes Metall. Diese trockene, bittere Note verkohlten Fleisches, die sich in der Kehle festsetzte und jedem, der auch nur einen Funken Verstand besaß, sofort sagte, dass hier kein gewöhnlicher Feuerzauber gewirkt worden war. Ich blieb im Türrahmen stehen und ließ meinen Blick langsam durch die Gasse gleiten. Ein einzelner Stiefel stand schief in einer Ecke, aus dem Schaft kräuselte sich noch dünner Rauch. Direkt daneben lag ein kleiner Haufen Asche auf den Steinplatten verstreut, als hätte jemand einen Sack grauen Staubs achtlos ausgeschüttet. Mehr war von Varkar offenbar nicht übrig geblieben. Hinter mir stockten Schritte. Die Sargtline drängte sich näher heran, doch niemand wagte es, an mir vorbeizugehen. Klug.

Ich trat langsam heran, spürte die Restwärme noch in der Luft flimmern und musste beinahe lächeln. Malla Ilharess. Natürlich. Wer sonst hätte einen Duergar mitten in Elashinn so vollständig ausgelöscht, dass nicht einmal genug von ihm übrig blieb, um ihn würdevoll zu bestatten? Wer sonst hätte die rohe Macht besessen, Stein zu schwärzen und Luft zu verbrennen, ohne dabei auch nur ansatzweise die Kontrolle zu verlieren? Mein Blick glitt über die schwarze Brandspur an der Wand und ich konnte sie beinahe vor mir sehen — ruhig, makellos, gelangweilt vielleicht sogar, während Varkar vermutlich begriffen hatte, dass seine letzten Sekunden angebrochen waren. Wahrscheinlich hatte er noch versucht zu sprechen. Vielleicht hatte er sogar geglaubt, Verhandlungen wären eine Option gewesen. Der arme Narr. „Beeindruckend“, murmelte ich schließlich. Sofort nickten hinter mir mehrere Köpfe. Niemand sagte ihren Namen. Niemand war dumm genug dafür. Trotzdem hing er unausgesprochen zwischen uns allen in der Luft wie der Rauch über dem Aschehaufen. Ich ging in die Hocke und ließ etwas der grauen Reste durch meine Finger rieseln. Noch warm. Göttin, sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, diskret zu sein. Und genau das machte es so absurd. Jeder in diesem Raum wusste, wer dafür verantwortlich war. Jeder einzelne. Aber die Ilharess war nicht einfach irgendeine Drow. Sie war eben malla Ilharess. Eine Naturgewalt mit hübschem Gesicht und genug Macht, dass selbst Gerüchte sich zweimal überlegten, ob sie ihren Namen in den Mund nahmen. Niemand würde ernsthaft behaupten, sie hätte einen Duergar ermordet. Nicht weil sie es nicht getan hätte. Sondern weil niemand lange genug leben wollte, um diese Anschuldigung zu Ende auszusprechen.

Ich erhob mich langsam und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Ein wahrhaft rätselhafter Mord“, erklärte ich mit ernster Stimme. Neben mir verschluckte sich Xar’vel beinahe an seiner eigenen Spucke, fing sich aber schnell wieder. „Absolut rätselhaft“, bestätigte er hastig. „Geradezu unmöglich aufzuklären“, fügte ein anderer hinzu. Ich musste den Blick senken, damit niemand das Grinsen bemerkte, das an meinem Mundwinkel zog. Bei allen Spinnen der Göttin — da lag buchstäblich noch der Abdruck eines infernalen Feuerzaubers im Boden. „Vielleicht“, sagte ich gedehnt und trat an dem rauchenden Stiefel vorbei, „war es ein Unfall.“ Stille. Dann ein vorsichtiges Räuspern. „Ein… Unfall“ Ich nickte langsam. „Der arme Varkar könnte spontan in Flammen aufgegangen sein.“ Jetzt wagte niemand mehr, mir direkt in die Augen zu sehen.

Ich betrachtete den kümmerlichen Rest dessen, was vor wenigen Minuten noch ein Duergar gewesen war. Ehrlich gesagt war das fast kunstvoll. Diese Präzision und völlige Auslöschung. „Das eigentlich Beeindruckende“, sagte ich leise, „ist die Effizienz.“ Einige meiner Leute nickten sofort. Andere wirkten, als würden sie lieber irgendwo sehr weit entfernt sein. Ich selbst verspürte ebenfalls keinerlei Interesse daran, meiner malla Ilharess Fragen zu stellen, deren Antworten vermutlich dieselbe Temperatur hätten wie die Flammen, die gerade noch einen Duergar aus der Existenz radiert hatten. Also stand ich wieder auf, strich mir ruhig den Staub von den Handschuhen und schenkte dem Aschehaufen einen letzten Blick. „Nun“, erklärte ich schließlich mit professioneller Ruhe, „ich fürchte, dieser Fall wird niemals aufgeklärt werden.“ Zustimmendes Murmeln ging durch den Raum. In Elashinn überlebten diejenigen, die genau wussten, wann man die Wahrheit besser verbrannt ließ.

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