Worte in der Dunkelheit
Zynrae Ky`Alur
Zynrae bemerkte die Unruhe neben sich. In diesem schwebenden Zustand zwischen Schlaf und Wachheit griffen ihre Hände beinahe instinktiv nach Ruchi und zogen sie sanft näher an sich. Einen Arm um ihre Hüfte gelegt und Ruchis Kopf gegen ihren Oberkörper gelehnt, fuhr ihre andere Hand langsam und beruhigend über ihren Kopf und den Rücken hinab. Erst als ihr Verstand wieder näher an die Wirklichkeit rückte, wurde ihr bewusst, was sie gerade tat. In diesem kurzen Moment raste plötzlich Energie durch ihren Körper. Kurz hielt sie die Luft an, während ihre Hand weiterhin über das weiche Haar strich. Ruchi atmete ruhig und tief. Offenbar schlief sie einfach weiter. Wieso nur hatte sie das getan? Weil der Körper manchmal Begrenzung braucht, damit der Geist zur Ruhe kommen kann, beantwortete sie sich die Frage selbst. Und vielleicht, weil sie beide das brauchten. Mit einem kleinen Seufzen stieß sie leise die Luft aus und zwang sich zu langsameren Atemzügen. Ach verdammt ich muss mich wirklich besser unter Kontrolle haben. Jetzt war wohl erstmal nichts mehr mit Schlafen, auch wenn ihr Körper weiterhin danach rief. Dunkelheit und Stille schienen den Raum weiter einzunehmen. Zynrae drehte leicht den Kopf und blickte auf ihren Schatten hinab. Da war es wieder. Dieses alte Gefühl von Angst, vor dem sie so lange davongelaufen war, selbst in diesem ruhigen Moment. Vielleicht war es die Wärme von Ruchis Körper an ihrem oder die monotone, beruhigende Bewegung ihrer eigenen Hand. Doch in diesem Moment verstand Zynrae plötzlich, dass es nicht darauf ankam, keine Angst zu empfinden. Vielleicht lag die Herausforderung nicht darin, die Angst zu besiegen, sondern sie auszuhalten. Sie nicht länger als etwas zu sehen, vor dem man davonlaufen musste, sondern als ehrliche Reaktion auf das, was vor ihr lag. Und dann begann Zynrae zu erzählen. Worte, die nur in der Dunkelheit gesprochen werden konnten. Worte, die im Beisein einer Person ausgesprochen werden mussten, ohne wirklich gehört zu werden. „Es war spät, als ich mich zum Gebet an Lloth hingekniet hatte. Meine Mutter war ebenfalls Priesterin und wir hatten einen Raum mit einem eigenen kleinen Altar. Obwohl ich die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt hatte, bemerkte ich es sofort. Ich denke heute, dass es wie Elir einfach aus meinem Schatten herausgetreten war. Damals verstand ich das aber noch nicht. Ein Wesen, nur geformt aus dunklen Schatten. Die Gestalt waberte ständig und veränderte immer wieder ihre Form. Nur die schwarzen Augen blieben die ganze Zeit auf mich gerichtet.“ Zynraes Finger strichen weiterhin ruhig über Ruchis Rücken. „Es strahlte eine solche Stärke und Überlegenheit aus, als würde man nackt vor einem gefährlichen Raubtier stehen. Und es schien die kniende Position, in der ich mich befand, irgendwie zu genießen. Verängstigt versuchte ich nur, nicht zu zittern. Es stellte mir nur eine einzige Frage: Wem dienst du? Ich konnte es nur anstarren. Ich war unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn zu antworten. Dennoch schien das Wesen eine Antwort erhalten zu haben. Vielleicht war mein Schweigen bereits Antwort genug gewesen.“ Kurz hielt die Drow inne. „Es machte nur eine kleine Handbewegung und Schatten stoben auf mich zu. Sie drangen in meinen Mund und meine Nase. Kalt und dicht nahmen sie mir die Luft zum Atmen. Panik erfüllte mich und ich griff nach meiner Magie. Aber sie prallte regelrecht an den Schatten in meinem Inneren ab. Jeder Winkel meines Körpers schien von ihnen erfüllt zu sein. Ich habe gespürt, wie mein Körper langsam starb, unfähig Luft zu holen.“ Für einen Moment breitete sich wieder Stille aus, bevor Zynrae weitersprach. „Als ich erwachte, lag ich vor dem Altar auf dem Steinboden. Ich wusste sofort, dass etwas mit mir nicht stimmte. Schatten waren schon immer meine Form der Magie gewesen, formbar und meinem Willen unterworfen. Aber danach fühlte es sich anders an. Die Dunkelheit war plötzlich erfüllt von Leben. Stimmen, leise und laut, sprachen durcheinander. Schatten bewegten sich unabhängig von Licht und Dunkelheit ohne dass ich Magie wirkte. Und manchmal, wenn ich zu lange in die Finsternis starrte, schien sich darin ein Auge zu öffnen und zurück zu blicken.“ Ein feiner Schauer rann über ihren Rücken. „Vor zwei Tagen war das Schattenwesen wieder da. Es stand plötzlich neben mir und warnte mich vor der Veränderung in der Schutzbarriere. Und es sprach von Schuldgefühlen. Als wären wir alte Freunde und es hätte mich nicht beim letzten Mal beinahe erstickt.“ Zynrae schloss für einen Moment die Augen. „Ich weiß weder, was es ist, noch was es will oder was all das bedeutet. Aber ich glaube, die Zeit ist gekommen, es herauszufinden.“ Als die letzten Worte verklangen, spürte Zynrae, wie etwas von dem Druck in ihr nachließ. Noch nie hatte sie diese Erinnerungen in Worte gefasst. Macht und Stärke waren unter den Drow willkommen, Andersartigkeit dagegen machte einen angreifbar. Vielleicht hatte sie zu lange geglaubt, dass darin Wahrheit lag. Zynrae lauschte auf Ruchis ruhige Atemzüge und ließ sich von der langsam zurückkehrenden Ruhe wieder in den Schlaf ziehen. Beiträge in diesem Thread
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