Zynrae schlug schlagartig die Augen auf, als ein merkwürdiger Geruch ihre Sinne streifte. Vor ihr saß Ruchi und hielt ihr eine Tasse an die Lippen. Die Drow blinzelte mehrfach irritiert, trank dann aber beinahe automatisch einen Schluck. Erst als Ruchi die Tasse wieder sinken ließ, wurde ihr die Situation wirklich bewusst. Zynrae blickte sie an und versuchte abzuschätzen, ob es tatsächlich Ruchi war oder ob sich hinter ihrem Gesicht erneut eine andere Präsenz verbarg. Viel zu lange hielt sie den Blick, beobachtete jede Regung, jede Reaktion. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. Das Schattenwesen würde ihr vermutlich keinen Tee einflößen. Im nächsten Moment ging ein Ruck durch ihren Körper. War das alles nur ein Traum gewesen? Schnell zog sie den Stoff an ihrer Schulter zur Seite und fuhr mit den Fingern über die Haut. Die alte Narbe war verschwunden. Ihr Blick verharrte auf der Stelle. Als könnte ihr Geist den Gedanken noch nicht richtig festhalten, sprach sie ihn laut aus. „Die Narbe ist weg.“ Dann schob sie den Ärmel hoch und fuhr über ihren Unterarm. Auch dort, keine Spur, keine Narben. Magier besaßen nur selten sichtbare Narben. Die meisten Verletzungen konnten sie selbst versorgen, lange bevor sie bleibende Spuren hinterließen. Eine Narbe bedeutete meist eher, dass man seine Magie nicht ausreichend beherrschte. Dennoch hatte Zynrae einige wenige behalten, bewusst, weil sie Erinnerungen oder Lektionen gewesen waren. Nun waren auch sie verschwunden. Sie betrachtete ihre Hände. Keine Hornhaut vom Training, die Haut war weich. Empfindlich. Neu. Ein Schauder rann ihr über den Rücken. Das war kein Traum gewesen. Sie blickte zur Seite wo sich ihr Schatten manifestierte. Vorsichtig streckte sie ihren Geist danach aus und spürte wieder das Zupfen an ihrem Verstand. Ein kleiner flackernde Schatten löste sich, wand sich ihre Gestalt empor und strich langsam über ihren Unterarm. Keine Hitze, keine Schmerzen, nur ein leichter Druck. Und da war noch etwas anderes. Kontrolle. Warum war das plötzlich möglich? Sie hätte ihn greifen und vermutlich auch zerfetzen können, nach dem was er ihr angetan hatte. Vielleicht wenn sie ihn ausreichend untersucht hatte. Langsam glitt ihr Blick zurück zu Ruchi. Wie sollte sie diese Situation überhaupt erklären? Und sollte sie das? Immerhin hatte sie sich in den letzten Augenblicken vermutlich seltsam aufgeführt. War es leichtsinnig Ruchi mit hinein zu ziehen? Tat sie es nur um sich selbst besser zu fühlen? Zynrae räusperte sich und versuchte einen sinnvollen Laut hervorzubringen. Doch ihre Stimme versagte ihr. Also griff sie kurzerhand nach der Tasse und nahm einen großen Schluck. Prompt verschluckte sie sich, ihre Kehle fühlte sich noch wund an. Ein heftiger Hustenanfall folgte. Erst als sie sich wieder beruhigt hatte, hob sie den Blick und sah Ruchi in die Augen. Ihr ganzer Körper und ich Geist fühlen sich irgendwie ausgefranzt an, als würde der Übergang zwischen ihr und ihrer Umgebung verschwimmen, als wäre die natürliche Barriere irgendwie eingerissen worden. Vielleicht konnte sie deshalb die Gedanken in ihrem Geist nicht halten. Als die Szenen sich wieder in ihrem Kopf abspielten, fasste sie sie für Ruchi in Worte. Sprach die Worte noch einmal, die sie nachts zu ihr gesagt hatte und beschrieb was in den Schatten passiert war. Nur den Anteil, in dem es um Ruchi gegangen war, hielt sie eher vage. Das war ein Gespräch für ein anderes Mal. Den Blick hielt sie dabei die ganze Zeit den sich windenden Schatten auf ihrem Arm gerichtet. Sie hätte erwartet, dass es sich Anspannung in ihr ausbreiten würde. Das Gegenteil war der Fall, es half ihr ihre Gedanken zu sortieren und Abstand zu gewinnen. Als sie geendet hatte, lehnte sie sich entspannt zurück und nahm noch einen großen Schluck von dem gut duftenden Tee. Den hatte sie hier noch nie gesehen, verbarg Ruchi den etwa absichtlich vor ihr? Ein Lächeln umspannte ihr Gesicht und sie fühlte sich mehr wie sie selbst. Sie hob den Blick zu Ruchi. „Was denkst du hat das zu bedeuten?“ Während sie die Yathrin betrachtete, wurde ihr plötzlich etwas anderes bewusst. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie in den Schatten gefleht oder gebetet, sie war nicht mal auf die Idee gekommen. War das gut oder schlecht? Und hätte es überhaupt einen Unterschied gemacht? Wenn ihre Magie dort unterdrückt worden war, galt das dann auch für karmatischen Einfluss? Sofort begann ihr Geist wieder zu arbeiten. Eine lange Liste neuer Fragen drängte sich in ihre Gedanken. Fragen, denen sie später nachgehen würde. In Ruhe. „Denkst du ich hätte beten sollen?“ Den Gedanken musste sie dennoch aussprechen. Gleichzeitig wurde ihr die Komik der Frage bewusst, eine Priesterin nach der Notwendigkeit von Gebeten zu fragen. Sie war einfach noch nicht wieder auf der Höhe. Erst jetzt bemerkte sie auch, wie nah Ruchi eigentlich vor ihr saß. Ein seltsamer Geruch hing um sie herum. Essen und Alkohol. Kurz schmunzelte die Drow. Zumindest eine von ihnen hatte offenbar einen angenehmen Abend verbracht. Zynrae versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln. „Ich danke dir.“ Die Worte waren viel zu wenig, um auszudrücken, was sie wirklich empfand. Fast unbewusst fuhr sie mit den Fingern über die Haut zwischen Ringfinger und kleinem Finger. Dort, wo sie den Anker gesetzt hatte. Dort, wo die Erinnerung noch immer fest in ihr verankert war. Viel zu wenig. Beiträge in diesem Thread
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