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Wer keine Angst hat - Teil 1: Der blinde Mann

Nefatina

An den Mond, der mich nicht aus seinem Lied lässt:
Ich habe getan, wovor du mich bewahren wolltest. Siehst du mich überhaupt noch — oder nur das, was aus mir herausbrach? Ich bitte dich nicht um Vergebung. Ich frage nur, ob ich noch jemand bin, den man ansehen kann.


Nach jener Nacht ging Nefatina einfach weiter.

Sie wusste nicht, wie viele Tage.
Der Wald wechselte, der Mond nahm ab und die durch das Silber verursachte Wunde an ihrer Schulter blieb offen und schwarz an den Rändern.
Zählen war etwas für jene, die wussten, wohin sie gingen.

Sie jagte nicht.
Der Hunger war zwar da und zeigte sich durch ein dumpfes Ziehen tief im Bauch, doch jedes Mal, wenn sie eine frische Fährte witterte, sah sie wieder ihre Händen das rot bis an die Gelenke und der Hunger verging ihr.
Sie hat nur gegessen, was der Wald hergab ohne dass etwas dafür sterben musste...

Wurzeln, Beeren, einmal Pilze, von denen sie hoffte, dass es die richtigen waren...

Es reichte um zu überleben, das war ihr genug.

Die Tiere ließen sie ohnehin nicht mehr nah heran. Sie roch noch immer nach jener Nacht. Kein Wasser dieser Welt hätte es abschwaschen können, weil es nicht auf der Haut saß.
Wo sie ging, verstummten die Vögel. Wo sie sich hinlegte, machte die Tiere einen Bogen um sie.
Tiere hatten sie nie einfach übersehen, etwas an ihr ließ sie schon immer innehalten, den Kopf senken, ausweichen, als spürten sie drei Räuber in einem einzigen Körper und wussten, dass sie keinem davon gewachsen waren.
Doch früher war das eine ehrfürchtige Scheu gewesen, ein Abstand mit gesenktem Blick. Jetzt war es blanke Panik.

Sie nahm es ihnen nicht übel. Sie hätte auch einen Bogen um sich gemacht wenn sie gekonnt hätte.

So war sie das geworden, wovor sie als Kind am meisten Angst gehabt hatte. Etwas, das ganz allein durch den Wald geht und bedrohlich ist.

Den Rauch roch sie, lange bevor sie die Hütte sah.

Es war ein dünner, grauer Faden über den Bäumen, und darunter, in einer Lichtung, eine niedrige Hütte aus Holz und Lehm, ein schiefer Zaun, ein paar Beete davor aufgereiht.
Ein Ort, an dem ein Mensch lebte.
Nefatina blieb am Rand der Bäume stehen, und alles in ihr schrie; geh weiter. Menschen hatten Pfeile. Menschen hatten Feuer.
nd sie hatte gerade erst gelernt, was sie mit Menschen tat.

Sie wollte sich schon abwenden, als sie ihm sah.

Ein alter Mann kniete zwischen den Beeten, die Hände tief in der Erde gesteckt soweit sie es erkennen konnte, er tastete sich an den Reihen entlang.
Sein Haar weiß, der Rücken krumm. Und als er den Kopf hob, in ihre Richtung, sah sie seine Augen; zwei matte, milchige Steine, die ins Leere blickten,an ihr vorbei.

Er war blind.

„Da ist jemand", sagte er ruhig, ohne zu erschrecken, und stützte sich auf seinem Spaten auf.

„Ich höre dich atmen. Schwer atmest du... und einseitig. Du bist verletzt, oder?"

Nefatina rührte sich nicht. Sie war sprungbereit, jeden Muskel auf Flucht eingestellt und wartete auf das, was immer kam, wenn ein Mensch sie bemerkte: das Erstarren, das Zurückweichen, der Griff nach irgendetwas.
Bei ihm kam es nicht. Er stand nur da, das Gesicht in ihre Richtung gewandt, und wartete seinerseits, geduldig, als wäre eine Fremde am Waldrand das Selbstverständlichste der Welt.

„Du musst nicht reden", sagte er nach einer Weile.
„Die meisten, die bis hier herkommen, wollen nicht reden. Ist ein weiter Weg bis zu mir, den nimmt keiner auf sich ohne Grund."
Er deutete mit mit seiner hand einladent hinter sich, zur Hütte. „Da ist Suppe am Feuer. Wenn du Hunger hast, ess etwas. Wenn du nur stehen willst, dann steh... Mir ist beides recht."

Dann bückte er sich wieder zu seinen Beeten, Er hat alles gesagt, was zu sagen war für ihn.

Nefatina stand lange am Rand der Bäume und beobachtete.

Sie wusste nicht, was sie mit diesem Mann anfangen sollte. Mit Furcht konnte sie umgehen, Furcht war immer ehrlich, Furcht wusste, was sie war.
Mit Pfeilen konnte sie umgehen, mit Geschrei, mit deder Panik in den Augen eines Tieres, das floh.
Aber ein alter Mann, der sie nicht sah und nicht roch und einfach... stehen blieb?
Der ihr Suppe anbot, als wäre sie ein Mensch,die von weit her kam, und nicht das, was sie war?

Dafür hatte sie keine Antwort.

Über der Lichtung stand der abnehmende Mond, blass... gleichgültig, und legte ein dünnes Licht auf das schiefe Dach.
Aus der offenen Tür roch es nach etwas Warmem, nach Kräutern und Wurzeln.

Sie machte keinen Schritt nach vorn. Sie machte auch keinen zurück.

Zum ersten Mal seit jener Nacht stand sie still, weil sie bleiben wollte — und nicht, weil sie zu müde zum Weitergehen war.

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