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Wer keine Angst hat - Teil 2: Die alte Hündin

Nefatina

Heute hat sich etwas Lebendiges nicht von mir abgewandt. Ein altes, halbblindes Tier, das kaum noch riecht — vielleicht zählt es deshalb nicht. Aber es hat sich an mich gelehnt, und ich hatte verlernt, wie sich das anfühlt. Ich glaube nicht, dass du das warst. Und trotzdem danke ich irgendwem.


Nefatina blieb über Nacht.

Nicht in der Hütte, so weit reichte ihr Mut nicht.
Sie legte sich an den Rand der Lichtung, den Rücken an einen Stamm, dort, wo sie den alten Mann hören und im Sprung verschwinden konnte, falls es doch noch so kam, wie sie vermutet hatte.
Es kam nicht. Aus der offenen Tür fiel ein Streifen Feuerlicht ins Gras, und irgendwann hörte das Rascheln drinnen auf... der Wald wurde still.

Sie schlief nicht. Sie wachte, wie sie immer wachte, dass Feuer wurde immer kleiner.

Gegen Morgen kam der Hund...

Sie witterte ihn lange, ehe sie ihn sah, ein schweres, schlurfendes Tappsen, ein Atem, dann der pfiff des alten in ihren Ohren.
Eine alte Hündin, grau um die Schnauze, das Fell struppig, an den Hüften dünn. Sie kam aus der Hütte und streckte sich.

Ihre Augen waren trüb, fast so milchig wie die ihres herchens; auch sie sah kaum noch etwas. Sie hob den Kopf, prüfte die Luft. Nefatina erstarrte und wartete auf das, was jedes Tier tat: das Wittern, das Sträuben, die Flucht, die Panik vor den Ungeheeuer.

Doch die Hündin kam näher.

Sie kam langsam, steifbeinig, ohne Eile, als hätte sie in einem langen Leben jeden Grund zur Angst längst verloren.
Sie schnupperte an Nefatinas Fuß, an ihrem Knie, an der verletzten Schulter.
Und statt zurückzuweichen, ließ sie sich einfach ins Gras fallen, schwer und seufzend, die Flanke an Nefatinas Bein, sie legte den grauen Kopf auf ihren Schoß, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt.

Nefatina bewegte sich keinen Zentimenter.

Sie saß ganz still, die Hände weit von Tier weg, hilflos in der Gegend.
Sie hatte sie seither an nichts Lebendiges mehr gelegt, das nicht später starb.
Und jetzt lag ein warmer, atmender Kopf auf ihr und vertraute, ohne zu fragen, ohne zu wissen, ohne Augen.

Es dauerte lange, bis sie wieder zu atmen traute.

Dann, ganz langsam, legte sie eine Hand auf das struppige Fell.
Die Hündin seufzte leise und drückte sich fester an ihr.

Und während ihre Finger über den alten Körper strichen taten sie was sie immer taten, ehe Nefatina es selbst bemerkte: Sie tasteten ab. Da, hinter dem Ohr, eine heiße, geschwollene Stelle, verkrustet — ein alter Biss oder Dorn, der eitrig geworden war.
Das Tier trug das mit sich herum, seit längerer Zeit. Ohne nachzudenken begann Nefatina leise zu summen, dieses zweistimmige, das aus ihr kam wie Wasser aus einer Quelle, im Geist fand sie schon die benötigten Kräuter, die sie suchen wird, sobald es hell war.

Die Hündin schloss die trüben Augen.

„Sie mag dich wohl", sagte eine Stimme von der Tür her.

Sie zuckte zusammen.
Der alte Mann stand am Türrahmen gelehnt, das Gesicht ihr zugewandt.
Er konnte nicht sehen, was vor seiner Tür geschah.
Doch er hörte das Summen, und er hörte den Hund. Er lächelte, dass Lächeln eines Menschen, der vieles nicht mehr sieht und gerade dadurch doch das meiste mitbekommen hat.

„Die Alte geht zu keinem mehr", sagte er. „Seit Jahren nicht... Zu dir ist sie gegangen." Er stieß sich vom Türrahmen ab und tastete nach drinnen.
„Komm rein, wenn du magst. Es gibt Tee. Und wenn du der Alten das Ohr richten möchtest, sie schleppt das schon viel zu lange mit sich herum."

Er verschwand in der Hütte, ließ die Tür offen hinter sich.

Nefatina sah auf die schlafende Hündin auf ihrem Schoß. Auf ihre eigene Hand im dem grauen Fell, ruhig, sicher und vor allem ohne Blut.

Zum ersten Mal seit jener Nacht dachte sie nicht: was, wenn ich ihr wehtue.

Sie dachte: vielleicht kann ich ihr helfen.

Und das war ein so kleiner und so ungeheurer Unterschied, dass ihr für einen Moment die Augen brannten.

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