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Wer keine Angst hat - Teil 4: Die fremde Kundin

Nefatina

Er macht aus meinen Händen etwas, das baut, statt zu brechen. Zum ersten Mal taugen sie zu mehr als zum Töten. Und doch frage ich mich, wenn ich nachts zum Mond hinaufsehe: Würdest du bleiben, wenn du sehen könntest, was ich bin? Oder bleibt nur, wer nicht hinsieht?


Der Sommer ging, der Herbst kam, und dann lag Schnee auf der Lichtung, und Nefatina war noch immer da.

Nur die alte Hündin blieb, so wie sie war.
Hunde wurden in einer solchen Jahreszeit grauer, steifer, langsamer — doch sie nicht.
Sie war alt gewesen, als Nefatina kam, und sie war keinen Tag älter, als der erste Schnee fiel. Nefatina dachte sich damals nichts dabei.
Sie war nur froh, dass die Alte noch da war.

Aus den verbogenen Nägeln waren längst andere Dinge geworden.
Messer, die sauber schnitten. Beschläge, Scharniere, ein neues Schloss für die Tür. Sicheln, die die wenigen Bauern aus den Tälern abgeholt hatten, wenn sie den weiten Weg auf sich nahmen.

Sie staunten, dass der alte blinde Ohm wieder etwas geschmiedet hat, bis sie das Mädchen am Amboss sahen.
Dann wurden sie sehr still. Nefatina kannte diese Blicke: das kurze Stocken, das Mustern ihrer dunklen Haut, ihrer fremden Augen, die im Halbdunkel der Esse das Feuer auffingen wie die eines wilden Tieres.
Eine Dunkelelfe, so weit oben am Waldrand, unter ehrlichen Leuten.
Manche legten ihr Gold wortlos hin und gingen rasch.
Manche kamen nicht wieder und schickten beim nächsten Mal einen Boten.
Und im nächsten Tal, das wusste sie, erzählte man sich längst von der dunklen Hexe, die beim blinden Schmied hauste.

Ohm merkte es an den Stimmen.
„Lass dich nicht ärgern", sagte er einmal, als wieder einer zu schnell gegangen war.
„Die fürchten dein Gesicht. Ich hab das Glück, dass ich keins mehr sehe."
Er sagte es leicht, fast spöttisch. Aber Nefatina hörte, was darunter lag, und es war das ehrlichste, das je jemand zu ihr gesagt hatte: Der Einzige, der keine Angst vor ihr hatte, war der Einzige, der sie nicht sehen konnte.

Sie blieb fortan im Halbschatten des Schuppens wenn Fremde kamen, überließ Ohm das Reden.
Das war besser so. Es war immer besser so gewesen.

Ohm fuhr mit den Fingern über jedes Stück, das sie herstellte.
Und nach einem Jahr fuhr er über die Klinge eines Jagdmessers, lange, prüfend, und nickte.

„Du bist Meisterin des Schmiedens", sagte er. „Hör das Wort und werd nicht übermütig, eine Großmeisterin wirst du hier draußen nicht. Das macht man nicht am Waldrand, das macht man in Städten, mit großen Aufträgen und großer Eitelkeit. Aber Meisterin..." Er legte das Messer zurück. „Deine Hände sind gut geworden. Besser, als meine es je waren. Und das sage ich nicht leicht."

Nefatina sagte nichts. Aber in jener Nacht, als alle schliefen, schmiedete sie ihm etwas: ein schmales Messer, mit einem Griff der genau in seine alte Hand passte mit drei feinen Kerben darin, damit er die Schneide im Dunkeln fand.
Sie legte es neben seinen Platz. Am Morgen fand er es, fuhr mit den Fingern darüber, fand die drei Kerbee, doch sagte den ganzen Tag lang kein Wort, sondern trug es nur am Gürtel, wo seine Hand immer wieder danach tastete.

Es war ein gutes Leben. Ein ehrliches Leben.

Sie hätte nie gedacht, dass es so etwas für sie jemals geben würde.
Tage, die einander glichen und gerade deswegen schön waren.
Ohm, der von früher erzählte, von Stahl und von einer Frau, die lange tot war. Die alte Hündin, die jetzt bei ihr schlief, am Rand der Lichtung, weil es ihr drin zu warm wurden.
Die jeden Morgen einen vergrabenen Handschuh ausgrub und ihn Nefatina stolz vor die Füße legte, als hätte sie ihn den Handschuh persönlich erlegt.

Nur einmal im Monat verschwand Nefatina im Wald.
Und jedes Mal, wenn sie zurückkam, hohl und zerkratzt, schob ihr Ohm den Hammer in die Hand und die Hündin sich an ihre Seite. Es wurde immer schwerer zu ertragen.

Einmal und dann öfter über die Jahreszeiten, kam eine Kundin, die anders war als die Bauern aus den Tälern.

Sie kam zu Fuß, aus einer Richtung, in der eigentlich kein Weg lag, hochgewachsen, in einen grauen Mantel gehüllt, die Kapuze tief im Gesicht gezogen.
Sie kaufte nie viel; einmal eine Nadel, einmal ein kleines Messer, einmal sogar gar nichts.
Doch sie blieb länger, als nötig war, und sah dem stillen Mädchen am Amboss zu, mit einer Aufmerksamkeit, die Nefatina den Nacken kribbeln ließ.

Die alte Hündin knurrte nicht. Sie ging zu der Fremden, schwerfällig, und legte ihr den grauen Kopf in die Hand, eine schmale, dunkle Hand, dunkel wie Nefatinas eigene, wie die ihrer Mutter.
Eine Drow. Die Fremde beugte sich hinab und sagte etwas zu der Alten, zu leise, um es zu verstehen, selbst für Nefatina ihre geschärften Sinne.

„Schöne Arbeit", sagte sie einmal, als Nefatina ein Jagdmesser aus dem Öl-Eimer hob.
Ihre Stimme war dunkel und warm — und hatte etwas, das Nefatina nicht greifen konnte, als läge ein zweiter, höherer Ton dahinter.
„Hände, die heilen, Hände die schmieden, in einem einzigen Körper. Das ist selten mein Kind. Sehr selten."
Unter dem Rand der Kapuze schimmerte für einen Atemzug etwas Helles, Haar vielleicht, hell wie geschmolzenes Silber, hell wie der Mond auf Wasser.
Eine Dunkelelfe mit silbernem Haar. Und nie... kein einziges Mal, stockte sie bei Nefatinas Anblick, wie alle anderen stockten, als wäre an einem dunklen Gesicht mit Tieraugen nichts, wovor man zurückweicht.
Als kenne sie es längst.

Dann war sie gegangen. Nefatina sah ihr nach, bis zwischen den Bäume, der Boden auf dem die Fremde gestanden hatte, trug keine einzige Spur von ihr.

„Die kommt manchmal", sagte Ohm und zuckte mit den Schultern.
„Kauft nie viel. Aber sie zahlt gut, und sie ist freundlich zur Alten. Frag mich nicht, woher sie kommt. Ich hör sie erst, wenn sie schon da ist."
Er tastete nach seinem Tee. „Komische Kundschaft hat ein blinder Schmied am Waldrand."

Nefatina sagte nichts. Aber in jener Nacht, als sie zum Mond hinaufsah und ihren stummen Brief an ihn dachte, fragte sie sich zum ersten Mal, ob er vielleicht doch zuhörte und ob er ihr näher war, als ein Himmelzelt je sein konnte.
Sie verscheuchte den Gedanken. Es war nur eine Kundin gewesen. Eine seltsame aber freundliche Kundin.

Bestimmt.

An einem Winterabend, griff Ohm nach ihrer Hand, um ihr einen Griff zu zeigen, und seine Finger fuhren über die Knöchel, über die zu langen Fingernägel, über etwas an ihr, das in keine Menschenhand gehörte. Er hielt inne.

„Du bist nicht von hier", sagte er leise. „Das wusste ich vom ersten Atemzug."

„Und wenn du sehen könntest, was ich bin?", flüsterte Nefatina. „Würdest du dann auch bleiben?"

Ohm schwieg lang, sehr lang. Doch dann sagte er; „Das Meiste wovor Menschen Angst haben mein Kind, das sind sie selbst"
Er drückte ihre seltsame Hand und ließ sie sanft los. „Ich seh dich nicht. Aber ich hör dich jeden Tag. Und das was ich höre, hat keine Angst nötig."

Dann, fast zu leise, um es zu hören: „Ich hab lange auf jemanden gewartet, weißt du. Wusste nie, auf wen."
Er lächelte in die Glut, als teilte er einen alten Scherz mit jemandem
Nefatina hielt es für das Gerede eines müden alten Mannes. Erst viel später, als es zu spät war, ihn zu fragen, fragte sie sich, was er gemeint hatte.

Sie wusste noch immer nicht, ob das ein Trost war oder das Gegenteil. Vielleicht ertrug sie nur, wer nicht hinsah. Vielleicht würde sie das nie erfahren.

Sie sollte es früher erfahren, als ihr lieb war.

Es begann mit Spuren...

Stiefelabdrücke am Bach, wo keine hingehörten.
Die kalte Asche eines Feuers, zwei Tage alt.

Und beim nächsten Bauern, der eine Sichel abholte die Gerüchte, die Nefatina das Blut gefrieren ließ: Im Herbst seien zwei Männer in diesen Wäldern verschwunden — Jäger, hieß es, oder Wilderer, so genau wisse das keiner und will auch niemand wissen und nun seien Leute unterwegs, die nach ihnen suchten. Gefährliche Leute. Sie fragten in jedem Tal, an jeder Hütte.

Nefatina sah zwischen die Bäume, dorthin, wo die Spuren herkamen, und in ihr regte sich etwas, das lange geschlafen hatte.

Etwas, das nicht summte...

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