Er macht aus meinen Händen etwas, das baut, statt zu brechen. Zum ersten Mal taugen sie zu mehr als zum Töten. Und doch frage ich mich, wenn ich nachts zum Mond hinaufsehe: Würdest du bleiben, wenn du sehen könntest, was ich bin? Oder bleibt nur, wer nicht hinsieht? Der Sommer ging, der Herbst kam, und dann lag Schnee auf der Lichtung, und Nefatina war noch immer da. Nur die alte Hündin blieb, so wie sie war. Aus den verbogenen Nägeln waren längst andere Dinge geworden. Sie staunten, dass der alte blinde Ohm wieder etwas geschmiedet hat, bis sie das Mädchen am Amboss sahen. Ohm merkte es an den Stimmen. Sie blieb fortan im Halbschatten des Schuppens wenn Fremde kamen, überließ Ohm das Reden. Ohm fuhr mit den Fingern über jedes Stück, das sie herstellte. „Du bist Meisterin des Schmiedens", sagte er. „Hör das Wort und werd nicht übermütig, eine Großmeisterin wirst du hier draußen nicht. Das macht man nicht am Waldrand, das macht man in Städten, mit großen Aufträgen und großer Eitelkeit. Aber Meisterin..." Er legte das Messer zurück. „Deine Hände sind gut geworden. Besser, als meine es je waren. Und das sage ich nicht leicht." Nefatina sagte nichts. Aber in jener Nacht, als alle schliefen, schmiedete sie ihm etwas: ein schmales Messer, mit einem Griff der genau in seine alte Hand passte mit drei feinen Kerben darin, damit er die Schneide im Dunkeln fand. Es war ein gutes Leben. Ein ehrliches Leben. Sie hätte nie gedacht, dass es so etwas für sie jemals geben würde. Nur einmal im Monat verschwand Nefatina im Wald. Einmal und dann öfter über die Jahreszeiten, kam eine Kundin, die anders war als die Bauern aus den Tälern. Sie kam zu Fuß, aus einer Richtung, in der eigentlich kein Weg lag, hochgewachsen, in einen grauen Mantel gehüllt, die Kapuze tief im Gesicht gezogen. Die alte Hündin knurrte nicht. Sie ging zu der Fremden, schwerfällig, und legte ihr den grauen Kopf in die Hand, eine schmale, dunkle Hand, dunkel wie Nefatinas eigene, wie die ihrer Mutter. „Schöne Arbeit", sagte sie einmal, als Nefatina ein Jagdmesser aus dem Öl-Eimer hob. Dann war sie gegangen. Nefatina sah ihr nach, bis zwischen den Bäume, der Boden auf dem die Fremde gestanden hatte, trug keine einzige Spur von ihr. „Die kommt manchmal", sagte Ohm und zuckte mit den Schultern. Nefatina sagte nichts. Aber in jener Nacht, als sie zum Mond hinaufsah und ihren stummen Brief an ihn dachte, fragte sie sich zum ersten Mal, ob er vielleicht doch zuhörte und ob er ihr näher war, als ein Himmelzelt je sein konnte. Bestimmt. An einem Winterabend, griff Ohm nach ihrer Hand, um ihr einen Griff zu zeigen, und seine Finger fuhren über die Knöchel, über die zu langen Fingernägel, über etwas an ihr, das in keine Menschenhand gehörte. Er hielt inne. „Du bist nicht von hier", sagte er leise. „Das wusste ich vom ersten Atemzug." „Und wenn du sehen könntest, was ich bin?", flüsterte Nefatina. „Würdest du dann auch bleiben?" Ohm schwieg lang, sehr lang. Doch dann sagte er; „Das Meiste wovor Menschen Angst haben mein Kind, das sind sie selbst" Dann, fast zu leise, um es zu hören: „Ich hab lange auf jemanden gewartet, weißt du. Wusste nie, auf wen." Sie wusste noch immer nicht, ob das ein Trost war oder das Gegenteil. Vielleicht ertrug sie nur, wer nicht hinsah. Vielleicht würde sie das nie erfahren. Sie sollte es früher erfahren, als ihr lieb war. Es begann mit Spuren... Stiefelabdrücke am Bach, wo keine hingehörten. Und beim nächsten Bauern, der eine Sichel abholte die Gerüchte, die Nefatina das Blut gefrieren ließ: Im Herbst seien zwei Männer in diesen Wäldern verschwunden — Jäger, hieß es, oder Wilderer, so genau wisse das keiner und will auch niemand wissen und nun seien Leute unterwegs, die nach ihnen suchten. Gefährliche Leute. Sie fragten in jedem Tal, an jeder Hütte. Nefatina sah zwischen die Bäume, dorthin, wo die Spuren herkamen, und in ihr regte sich etwas, das lange geschlafen hatte. Etwas, das nicht summte... Beiträge in diesem Thread
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