Ich habe das Feuer gezähmt, das mich einmal verbrannt hat. Und in den Nächten, in denen ich nicht ich bin, gehe ich fort — weit, tief in den Wald —, damit er nie erfährt, was ich dort draußen werde. Ist es eine Lüge, wenn man schweigt, um jemanden zu schonen?
Nefatina blieb.
Sie hatte nicht vor zu bleiben, Doch sie blieb einfach, Tag um Tag, weil sie jeden Morgen einen anderen Grund fand doch noch nicht zu gehen.
Das Ohr der Hündin musste versorgt werden. Der Zaun war schief. Der Alte ... Ohm, hieß er, fand immer etwas, das seine alten Hände nicht mehr konnten und sie tat es.
So wurde aus „nur noch heute" ein „nur noch diese Woche" und schließlich stellte sich die Frage mehr.
In den ersten Tagen wollte Ohm ihre Schulter "sehen".
Er hatte es vom ersten Atemzug an gehört, das einseitige Atmen, das Schonen der Schulter.
„Lass mich mal", sagte er und tastete sich heran. Seine alten, sicheren Schmiedefinger fanden die Wunde unter dem zerschlissenen Stoff... offen, schwarz an den Rändern, eine Wunde, die längst hätte zugehen müssen und es nicht tat.
Er drückte vorsichtig rings um die Stelle herum... Sein Gesicht wurde ernst.
„Da steckt was drin, Kind. Tief. Metall."
Vierzig Jahre am Amboss hatten ihm Hände gegeben, die ein Stück Metall durch die Haut hindurch erkannten, wie andere eine Münze in der Tasche ertasten.
„Das gehört heraus. Solange das drinsteckt, wird es niemals heilen. Ich hab ein ruhiges Händchen, ich bekomme das raus, doch wenn du stillhältst."
Nefatina wich zurück, ehe sie sich dafür entschied.
Denn sie wusste, was da in ihrer Schulter steckte.
Kein gewöhnliches Eisen. Es war Silber, ein Splitter des Bolzens, der sie in jener Nacht getroffen hatte, zu tief im Fleisch, wo ihre eigene Heilung ihn nicht hinausschob, sondern an ihm scheiterte.
Das Heiligste ihrer Mutter und das Tödlichste, ein und derselbe Stoff, mitten in ihr. Und sie konnte Ohm nicht hineingreifen lassen — nicht in das Silber, nicht in das was es über sie verraten würde.
„Lass es", sagte sie leise. Es klang fast unhöflich, doch sie konnte nicht anders.
Ohm zog die Hand zurück und drängte sie nicht. „Wie du meinst", sagte er nur. „Aber so eine Wunde vergisst nicht. Sie meldet sich, immer wieder."
Er hatte recht. Sie meldete sich. Jeden Vollmond aufs Neue.
Schmied war Ohm gewesen, vierzig Jahre, bis die das Licht der Augen verging.
„Ein blinder Schmied taugt nichts", sagte er und zuckte mit den Schultern, als hätte er vom Wetter gesprochen.
„Zu viel Feuer, zu wenig Sehen. Jetzt rostet's. Schade um den guten Stahl."
Hinter der Hütte stand der Schuppen mit der kalten Esse, dem Amboss, dem Werkzeug an den Wänden, das niemand mehr berührte.
Nefatina stand lange davor. Eine gefühlte Ewigkeit.
Feuer war das Einzige im Wald, vor dem ihr Blut fürchtete.
In jener Nacht war Feuer zwischen den Stämmen gewesen, und sie wusste, was Feuer aus ihr machte. Allein der Gedanke, es zu wecken, ließ etwas in ihr zurückweichen.
Aber ihre Hände... ihre Hände sahen die Werkzeuge an und sie juckten förmlich.
Am nächsten Morgen weckte sie die Esse zu neuem leben.
Beim ersten Auflodern fuhr sie zurück, das Herz im Hals, der Wolf in ihr mit angelegten Ohren.
Doch das Feuer in der Esse war nicht das Feuer der Fackeln.
Es loderte nicht auf sie zu. Es blieb, wo sie es hinlegte, gehorsam, in seinem Ring aus Stein. Ein Feuer, das man kontrollieren konnte. Und ganz langsam hörte ihr Atem auf zu rasen.
„Na also", sagte Ohm, der den Blasebalg gehört hatte und sich auf seinen Stuhl setzte.
„Wenn du schon bleibst, dann lernst du was Ordentliches. Halbe Sachen dulde ich nicht an meinem Amboss."
So fing es an...
Ihre ersten Stücke waren eine Katastrophe.
Ein Nagel, der sich bog wie ein Wurm. Ein Haken, der mehr Schlange war als Haken.
Ein Hufeisen, über das Ohm lange mit den Fingern fuhr, ehe er sagte: „Das ist kein Hufeisen. Das ist eine Beleidigung an den Stahl. Mach's nochmal."
Er lächelte dabei das trockene Lächeln eines Mannes, der genau wusste, wie lange es dauerte, bis aus solchen Händen etwas wurde — und der alle Zeit der Welt hatte.
Er sah nicht, was sie tat. Aber er hörte es. Am Klang des Hammers hörte er, ob der Stahl zu kalt war; er roch, wann die Kohle die richtige Temperatur hatte; er sagte ihr, wann sie schlagen und wann sie warten sollte, und seine Stimme führte ihre Hände, als hielte er den Hammer selbst.
Die alte Hündin war von Anfang an dabei. Sie lag im Türrahmen, in der Wärme, und sah zu.
Und wenn Nefatina einen der Handschuh ablegte, war er kurz darauf verschwunden. Sie fand ihn später im ihren Körpchen, sorgsam vergraben unter den Decken, wie einen Schatz.
Es wurde ein Spiel: Nefatina legte den Handschuh hin, die Alte schlich heran, und beide taten so, als bemerkten sie es nicht.
Es war, dachte Nefatina, das erste Spiel ihres Lebens.
Dann kam der erste Vollmond.
Sie spürte ihn drei Tage vorher, das Ziehen, das Brennen.
Und an dem Abend, an dem der Himmel sich füllte, legte sie den Hammer hin und sagte das Erste, was sie an diesem Ort von sich aus sagte: „Ich bin ein paar Tage fort."
Ohm hob den Kopf.
Er hätte fragen können, wohin, warum, ob sie wieder kommen würde. Er fragte nichts davon.
„Der Tee steht hier, wenn du zurück bist", sagte er nur. „Lass die Alte hier. Sie kommt nicht mehr gut zurecht auf weite Wege..."
Nefatina ging tief in den Wald, weiter, als ein Mensch zu Fuß in einer Nacht kam, an einen Ort, wo nichts Lebendiges war, dem sie hätte wehtun können.
Was dort geschah, gehörte nicht in Ohms Hütte. Drei Tage später kam sie zurück, hohl, zerkratzt, die Silberwunde noch immer pochend.
Ohm reichte ihr wortlos den Tee, schob ihr den Hammer wieder in die Hand und sagte: „Du warst lange genug faul. Der Stahl wartet."
Er fragte nie. Nicht ein einziges Mal.
Und gerade weil er nie fragte, hätte sie es ihm beinahe gesagt.
So vergingen die Wochen.
Sie schmiedete bei Tag, schlief bei Nacht am Rand der Lichtung, und einmal im Monat verschwand sie im Wald und kam als das zurück, was übrig blieb.
Es war ein Schweigen zwischen ihnen, doch kein kaltes. Das Schweigen zweier Menschen, die einander einen Rest ließen, den keiner anrührte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Nefatina so etwas wie ein Zuhause. Sie wagte nur nicht, das Wort zu denken.