Heute hat er gehört, was ich bin. Das Schlimmste an mir, in voller Größe, über seinem Dach. Und er ist nicht weggelaufen. Du hast nie geantwortet, all die Nächte, in denen ich gefragt habe. Aber heute brauche ich deine Antwort nicht mehr.
Sie kamen an einem grauen Nachmittag, zu dritt.
Nefatina war im Schuppen, als sie die Pferde hörte.
Drei Reiter, schwer, mit Waffen am Gürtel, Männer die nicht fragten sondern sich nahmen was sie wollten.
Sie roch sie, ehe sie sie sah; Leder, kaltes Metall, alter Schweiß und diese harte, ungeduldige Witterung von Leuten, die es gewohnt waren, dass man vor ihnen Angst hatte.
Sie blieb im Schatten und wurde ganz still.
„Alter Mann!"
Der Größte schwang sich vom Pferd und ließ den Blick über die Lichtung schweifen.
„Im Herbst sind hier zwei von unseren Leuten verschwunden. Jäger. Du lebst hier draußen, du hast was gesehen, was gehört, irgendwas."
Ohm stand in der Tür, die milchigen Augen ins Leere gerichtet, ruhig wie er immer war, selbst in dieser Situation.
„Ich bin blind, Herr. Und allein. Ich sehe nichts mehr und höre wenig, hier kommt keiner vorbei."
„Ein Blinder."
Der Mann lachte, kurz und freudlos und trat näher, die Hand am Schwertknauf.
„Dann wirst du auch nicht sehen, was wir mit deiner Hütte machen, wenn du uns nicht gibst, was wir wollen."
Er packte Ohm grob am Arm und riss ihn aus der Tür ins Gras.
„Durchsucht alles...", sagte er zu den anderen. „Und wenn nichts da ist..."
Er zog das Schwert ein Stück aus der Scheide „...dann hatte der Alte eben einen Unfall."
Und in Nefatina, im Schatten, brach etwas auf.
Sie kannte dieses innere zerbrechen.
Sie hatte es ihr Leben lang gefürchtet, das Reißen der Türen, das Aufspringen der Schlösser.
Doch zum ersten Mal lief sie nicht davon. Diesmal hielt sie keine der Tür zu.
Sie dachte an Ohm, der ihr Tee reichte und nie fragte.
An die Hände, die ihr gesagt hatten, dass sie zum Machen gemacht waren.
An ein Zuhause, das erste ihres Lebens, das diese Männer gerade zerschlagen wollten.
Dann nimm mich, dachte sie zu dem Ding in sich, das sie immer von sich weggestoßen hatte. Dieses eine Mal, nimm mich, und mach es gut.
Was aus dem Schuppen trat, war keine junge Frau mehr.
Der Erste, der sie sah, schrie.
Es war kein Wort, nichts Menschliches, nur der nackte, uralte Laut eines Tieres, das begreift, dass es nicht mehr oben in der Ordnung steht.
Der Krenos richtete sich auf,bis er die Männer hoch überragte, ein Schatten der den grauen Tag verschluckte.
Und er stieß einen Laut aus, der den Pferden die Beine wegriss und die Männer zu Boden warf.
Sie rannten...
Sie ließen die Pferde, sie ließen ihre Schwerter, sie ließen alles wofür ein Mann sonst kämpft, und rannten in blanker Todesangst.
Ihr Geschrei hallte noch lange durch den Wald, nachdem sie verschwunden waren.
Irgendwann, irgendwo würden sie von einem Ungeheuer am Waldrand erzählen. Und keiner würde ihnen glauben. Und keiner von ihnen würde je wiederkommen, so hoffte Nefatina.
Der Krenos stand auf der leeren Lichtung und atmete.
Und dann... langsam... wandte er den Kopf herum.
Da war noch Wärme.
Noch ein Herzschlag, dicht, klein, am Boden... der alte Mann der sich aufrappelte, blind, hilflos, mitten im Gras.
Das Wesen kannte keinen Unterschied zwischen Feind und Freund. Es kannte nur, was sich bewegte und atmete.
Es machte einen Schritt auf Ohm zu, die Krallen tief im Moos vergraben.
Und da stellte sich die alte Hündin ihm in den Weg.
Sie kam aus dem Schuppen, steif und schwer, das graue Fell gesträubt, so gut das alte Fell sich noch sträuben ließ.
Sie war winzig vor dem Krenos, ein Nichts, ein Häufchen Knochen und Treue.
Sie stellte sich zwischendem Ungeheuer und den alten Mann, die trüben Augen nach oben gerichtet, dorthin wo der Kopf der Bestie war, und sie knurrte.
Ein dünnes, brüchiges, altes Knurren, das vor Angst zitterte und trotzdem nicht wich.
Sie fürchtete sich nicht vor dem Monster vor ihr.
Oder sie hatte alle Angst der Welt und blieb trotzdem stehen.
Denn unter dem Fell, unter den Krallen, unter dem fremden falschen Geruch des Krenos roch sie etwas, das sie kannte.
Etwas, das ihr einmal das Ohr gerichtet hatte. Etwas das ihr gehörte.
Und das verteidigte sie. Gegen alles. Sogar gegen das, was es selbst geworden war.
Der Krenos hielt inne.
Tief in ihm, hinter den drei Farben, im zersprungenen Geist, das einmal Nefatina gewesen war, rührte sich etwas.
Ein Bild. Ein grauer Kopf in ihrem Schoß, ein Morgen, ein Vertrauen, ohne Augen, ohne Furcht.
Das erste lebendige Wesen seit jener Nacht, das sich nicht abgewandt hatte. Und das jetzt vor ihr stand, winzig und zitternd, um sie zu beschützen.
Zum ersten Mal erreichte etwas den Krenos.
„Ruhig."
Ohms Stimme, von unten, vom Boden, ganz ohne zittern. „Ich hör dich. Ich kenn dich."
Er streckte eine alte, krumme Hand in die Richtung des Ungeheuers, das ihn hätte zerreißen können, und ließ sie offen in der Luft. „Du bist es. Komm zu uns zurück."
Und der Krenos, der nie zurückkam, der nur Schmerz hinterließ, der keine Stimme kannte als seine eigene, der Krenos senkte den riesigen Kopf.
Was dann geschah, würde Nefatina sich später nicht in Scherben erinnern, sondern ganz.
Wie das Fell zurückwich. Wie sie auf zwei Beinen im Gras kniete, zitternd, nackt und humanoid.
Wie die alte Hündin sich umdrehte und ihr über das Gesicht leckte, immer wieder, als wäre dort nie etwas anderes gewesen als das Mädchen, das ihr das Ohr gerichtet hatte.
Ohm tastete sich durch das Gras zu ihr.
Er fand ihre Schulter, ihre Wange, die Tränen darauf. Er erschrak nicht.
Er hatte alles gehört; das Brechen, das Wachsen, den Laut, der den Wald hatte erzittern lassen, das Größte und Schlimmste.
Er wusste jetzt, was sie war. Endlich, mit etwas das schärfer sah als seine Augen, wusste er es.
Und er hatte keine Angst.
„Da bist du ja", sagte er nur mit rauer Stimme.
Dann, nach einer Weile, leiser; „Ein Untier hätte mich den dreien überlassen. Ein Untier wäre gar nicht erst gekommen um mir zu helfen."
Er fand ihre Hand, die seltsame, falsche Hand, und hielt sie fest. „Was immer du da draußen wirst mein Kind, das hier, jetzt, bist auch du. Vergiss das nicht."
Nefatina weinte, diesmal weinte sie nicht aus Schmerz.
Über der Lichtung blass und stumm, stand der Mond, der nichts gesagt hatte, all die Nächte.
Sie sah nicht mehr zu ihm hinauf. Sie brauchte seine Antwort nicht.
Sie hatte sie. Von einem alten, blinden Mann und einer alten halbblinden Hündin, die beide gesehen hatten, was kein Mond und keine Göttin je gesehen hatte; nicht die Bestie, nicht das Monster.
Sondern sie.
In jener Nacht, beim Schein der Esse, ließ sie ihn endlich an ihre Schulter.
Es gab nichts mehr zu verbergen, er hatte das Schlimmste gehört und war geblieben.
Ohms ruhige Schmiedehände fanden den Splitter tief im Fleisch, das Silber, das seit jener Nacht in ihr saß und keine Heilung zugelassen hatte, mit der Geduld eines Mannes, der vierzig Jahre lang Metall gekannt hatte.
Er fragte nicht, was es war. Er legte ein sauberes Tuch auf die Wunde. „So", sagte er. „Jetzt wird es endlich heilen"
Und zum ersten Mal seit jener Nacht tat es das.
Am Morgen war aus der offenen, schwarzen Wunde eine schmale, helle Narbe geworden, blass wie Mondlicht. Doch Geschlossen.
Die erste Wunde ihres Lebens, die je geheilt war.
In jener Nacht schlief sie nicht mehr am Rand der Lichtung.
Ohm hatte ihr drin am Feuer einen Platz gemacht, ohne ein Wort. Als wäre es längst überfällig gewesen. Die alte Hündin rollte sich an ihrer Seite zusammen.
Das Letzte, was Nefatina hörte ehe der Schlaf sie nahm, war der ruhige Atem eines alten blinden Mannes der wusste was sie war und keine Tür mehr zwischen sich und ihr brauchte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie irgendwo angekommen.
Und sie blieb.