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Ein Blinzeln des Reiches

Des Reiches dunkle Augen

Augen schließen sich – Augen öffnen sich. Ein Blinzeln.
Brustkorb hebt sich – Brustkorb senkt sich. Ein Atemzug.
Fuß hebt sich – Fuß tritt auf. Ein Schritt.
Elektrische Spannung – elektrische Entspannung. Ein Gedanke.

Manchmal war ein Gedanke alles, was nötig war, damit ein Rad sich zu drehen begann.

Die Zofe war aufgefallen.

Vollkommen anders als ein Edelmann auffiel, der mit zu lauter Stimme durch die Hallen schritt. Anders als ein Ritter, der seine Sporen über den Steinboden schleifen ließ, damit jeder hörte, dass er gekommen war. Anders als ein Bote, der außer Atem durch das Tor hastete und schon durch seinen Schweiß verriet, dass seine Nachricht Gewicht besaß.

Sie war leiser aufgefallen.

Und das war gefährlicher.

Annara Taugrund hatte sich bewegt. Erst kaum merklich, wie Staub in einem Sonnenstrahl, dessen feine Struktur im vollen Sonnenschein zutage trat. Ein Haus näher an den Mauern. Ein Schild an einer Tür. Ein Blick aus einem Fenster. Ein Gedanke, der nicht mehr nur Gedanke bleiben wollte. Villa Taugrund. Ein Name auf Holz. Ein Name an Stein. Ein Name im Blickfeld derer, die sich einbildeten, durch Nähe bereits Bedeutung gewonnen zu haben.

Vielleicht glaubte sie, der Hof sei ein Ort, an dem man nur nahe genug an den richtigen Türen stehen musste, um zu hören, was hinter ihnen gesprochen wurde. Oder sie dachte, dass Mauern Schutz bedeuteten. Vielleicht sogar, dass ein Fenster, das auf den Festplatz blickte, ihr erlaubte, das Reich zu sehen.

Ein leises Lachen schlich durch den stillen Flur des Schlosses. Es war kaum mehr als ein Hauch, gefangen zwischen Wandteppichen, poliertem Holz und dem kalten Stein alter Herrschaft. Doch es war vernehmbar für jene, die gelernt hatten, nicht nur Worte zu hören.

Fenster blickten nicht nur hinaus, sondern auch hinein.

Die Gestalt stand dort, wo das Licht der Fackeln nicht hinreichte, und betrachtete den Gang asl wäre er eine Ader. Eine von vielen, die durch den Leib des Schlosses führten. Türen waren Klappen eines Herzens. Treppen waren Gelenke. Der Hof atmete, auch wenn die meisten zu töricht waren, um seinen Rhythmus zu spüren.

Augen schließen sich – Augen öffnen sich.

Ein Diener, der einen Krug trug. Eine Schreiberin, die zu lange an einer Ecke verharrte. Ein Stallbursche, der den Blick senkte, bevor er gegrüßt wurde. Ein alter Gardist, der scheinbar nichts bemerkte und gerade deshalb alles sah.

Das Reich hatte Augen.

Nicht alle trugen Farben. Nicht alle hatten Namen, die man bei Hofe laut aussprach. Nicht alle wurden zu Festen geladen oder in Listen geführt. Manche standen am Rand. Manche knieten, um Asche aus Kaminen zu fegen. Manche brachten Tinte, Brot, Wasser oder Wein. Manche verbeugten sich so tief, dass niemand sich fragte, was sie beim Niederbeugen gesehen hatten.

Annara war eine Zofe, nicht mehr.

Eine Zofe, die zu viel Rot nutzte. Rot am Saum. Rot im Gedanken. Rot im Anspruch. Rot im Gesicht. Rot war die Farbe der Nähe zur Krone, wenn sie von der Krone gewährt wurde. Rot war die Farbe der Treue, wenn Treue schweigen konnte. Rot war die Farbe der Würde, wenn Würde wusste, an welcher Schwelle sie endete.

Rot konnte jedoch auch warnen.

Es war nicht das erste Mal, dass jemand glaubte, sich zwischen eine Herrscherin und jene stellen zu müssen, die das Reich zusammenhielten. Dass jemand Namen sammelte, Gerüchte bündelte, Blicke deutete und darin einen Auftrag erkannte. Es war nicht einmal das erste Mal, dass eine treue Seele sich einbildete, Treue allein mache sie unangreifbar.

Treue war ein schönes Wort.

Gefährlich wurde es erst, wenn es gegen Ordnung gewendet wurde.

Ein Fuß hob sich – ein Fuß trat auf.

Die Gestalt ging langsam und ohne Hast weiter. Hats war etwas für jene, die auf Ereignisse reagierten. Wer lange genug im Schatten stand, musste nicht reagieren. Er sah, wohin der erste Schritt führen würde, bevor der zweite gesetzt war.

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