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Das verborgene Licht

Zynrae Ky'Alur

Zynrae strich beruhigend über ihre Lederrüstung. Es würde schon alles gut gehen. Noch einmal atmete sie tief ein und aus und ließ Ruhe und Entschlossenheit ihr Gesicht einnehmen, auch wenn sie beides nur zum Teil empfand. Dann trat sie aus dem Haus und erblickte Ruchi, die bereits auf sie wartete.

Das Licht in der Dunkelheit. Seit ihrem Erwachen am gestrigen Tag ließ sie dieser Gedanke nicht mehr los. Plötzlich hatte sie gewusst, dass sich die Antwort bei dem verlassenen Tempel finden ließ, den sie erst vor Kurzem gemeinsam mit Ruchi entdeckt hatte. Sicherlich kein Zufall. Woher diese Gewissheit gekommen war, konnte sie nicht sagen. Dennoch war sie dankbar dafür und hatte unwillkürlich den Kopf geneigt. Sie hatte Ruchi aufgesucht und ihr von dem Auftrag erzählt, das Licht zu finden, sowie von ihrer Vermutung, dass der Tempel der richtige Ort sei. Die Priesterin hatte sofort ihre Hilfe angeboten und Zynrae hatte sie dankbar angenommen. Sie wusste nicht, wie weit sie diesem Auftrag allein mit ihrer Magie würde folgen können.

Als sie nun auf Ruchi zutrat, erfüllte sie ein wenig Zuversicht. Sie blieb vor ihr stehen und neigte leicht den Kopf. „Malla Yathrin.“ Zu viele andere waren anwesend, um auf die Förmlichkeit zu verzichten. Kaum hatte sie den Kopf jedoch wieder gehoben, schlich sich bereits ein Schmunzeln auf ihre Lippen. Das gleiche Schmunzeln erschien auch auf Ruchis Gesicht, als diese den Gruß ebenso höflich erwiderte.

„Gehen wir auf die geplante Exkursion? Noch kannst du es dir anders überlegen.“ Ruchi betrachtete sie aufmerksam.

Unwillkürlich spannte sich Zynrae an. Sie wollte Ruchi nicht in Gefahr bringen. Gleichzeitig schwebte die Drohung des Schattenwesens wie eine Schlinge über ihr. Nervös strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Nau. Wir sollten uns das genauer ansehen.“ Es gab keine andere Wahl. Innerlich entschuldigte sie sich bei Ruchi. Das hier war allein ihre Schuld. Und deshalb würde sie alles tun, was in ihrer Macht stand, um die Priesterin zu schützen.

Ruchi nickte langsam. „Xas. Es war beunruhigend.“ Mit den Gedanken kehrte auch Zynrae zu der ersten Entdeckung des Tempels zurück.

„Xas, das war es. Schauen wir es uns an und entscheiden vor Ort, wie wir weiter vorgehen.“ Sie konnten immer noch umkehren, wenn die Situation zu gefährlich wurde. Mit einer kurzen Handbewegung rief Zynrae ihre Schatten. Die Dunkelheit verschluckte den Raum.

Nur einen Augenblick später standen beide Drow vor dem verlassenen Tempel. Noch war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Ruchi schloss die Augen und ließ für einen Moment Ruhe einkehren. Leise glitt ein Gebet über ihre Lippen und klerikale Energie breitete sich von ihr aus. Ein Schutz. Für sie beide. Zynrae nickte der Priesterin dankbar zu. Dann rief sie ihrerseits die Schatten. Dunkle Schwaden begannen um sie zu kreisen.

Kaum hatten sie wenige Schritte auf den Tempel zugemacht, brachen plötzlich mehrere Spinnen aus ihren Verstecken hervor. Ohne zu zögern überzog Zynrae die Tiere mit Schatten und Feuer, während Ruchi nach ihrer karmatischen Energie griff und die Angreifer zurückdrängte. Wenig später lagen die Spinnen tot um sie herum. Ruchi kniete sich sofort zu einem der Tiere hinunter und begann es zu untersuchen. Auch Zynrae ließ ihre Schatten durch die Kadaver gleiten. Nichts.

„Die Spinnen gehören nicht Lloth.“ Ruchis Stimme erreichte sie, während sie sich gerade über eine weitere tote Spinne beugte.

„Dann war es in Ordnung, sie zu töten?“ Wenn Zynrae ehrlich war, spielte es für sie keine Rolle, wem die Spinnen dienten. Wer sie oder Ruchi angriff, starb. So einfach war die Sache.

„Ich fürchte, wir waren sogar dazu verpflichtet.“ Die Magierin nickte. Umso besser.

Auch an den übrigen Kadavern fanden sie keine weiteren Hinweise. Gemeinsam traten sie an den Eingang des Tempels. Ein verwittertes Schild deutete darauf hin, dass dieser Ort einst Osten geweiht gewesen war, lange bevor die Spinnen ihn zu ihrem Zuhause gemacht hatten. Gemeinsam drangen sie tiefer in den Tempel vor. Immer wieder begegneten ihnen Spinnen unterschiedlicher Größe und Art. Keine von ihnen zögerte, anzugreifen. Als die letzte gefallen war, führte eine steinerne Treppe sie in die obere Ebene.

In einem der Räume saß eine ungewöhnlich große Spinne allein in ihrem Netz. Langsam näherten sich die beiden Drow. Die Spinne beobachtete sie mit ihren unzähligen Augen, rührte sich jedoch nicht.

Ruchi trat vorsichtig näher. Sie nahm ihre Kapuze ab und fuhr sich nachdenklich über das Gesicht. „Für diese Spinne scheint noch Hoffnung zu bestehen.“ Leise begrüßte sie das Tier. „Dos phu ratha jil ilha.“

Während sich die Priesterin langsam näherte, ließ Zynrae den Blick durch den Raum schweifen. Alte Gemälde hingen an den Wänden. Zu verwittert und beschädigt, um noch etwas darauf erkennen zu können. Sie griff in ihre Tasche und übergab den Schatten die Reagenzien. „Wis Quas.“ Leise formte sie den Zauber. Die dunklen Schwaden breiteten sich über die Wände aus, verdichteten sich zu feinen schwarzen Adern und zogen sich wie ein Netz durch das Gestein. Plötzlich erreichte ein kurzer Eindruck ihren Geist. Ein Licht. Es fühlte sich merkwürdig an. Alt. Sie hätte nicht sagen können, weshalb sie diesen Eindruck hatte. Was auch immer es war, es befand sich nicht in diesem Raum. Nur ein schwacher Einfluss drang bis zu ihr.

„Ein merkwürdiges Licht. Hier scheinen mehrere Kräfte um die Vorherrschaft zu ringen.“ Ruchis Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Xas. Das scheint mir auch so.“ Nachdenklich betrachtete Zynrae die große Spinne. „Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Sonst würde sie uns ebenfalls angreifen, xor?“

Ruchi strich mit den Fingern über die kalte Steinwand. „Hier ist etwas, das dieser Spinne einen Teil ihres Verstandes bewahrt.“

„Oder etwas, das den anderen den Verstand raubt.“ Zynraes Blick traf den ihren. „Sie sind kleiner. Vielleicht ist ihr Wille schwächer.“

„Wie passt das in deine Studien?“

Unwillig schüttelte Zynrae den Kopf. „Gar nicht.“ Sie seufzte leise. „Der Auftrag lautet, das Licht in der Dunkelheit zu finden. Mehr weiß ich bisher nicht.“

„Das Licht … Lloths?“

„Nau.“ Sofort schüttelte Zynrae den Kopf. „Der Schatten war diesbezüglich eindeutig. Außerdem ist dies ein alter Tempel Ostens. Vielleicht geht es um sein Licht.“

Ruchi nickte langsam. „Xas. Dennoch ist Lloth irgendwann ebenfalls hier eingezogen. Sonst gäbe es diese Spinnen nicht.“ Nachdenklich ließ sie den Blick erneut durch den Raum gleiten. „Ich frage mich, ob dieser Ort wertvolle Steine birgt. Steine nehmen Geschichte auf. Sie bewahren sie.“

Zynrae nickte langsam. Vielleicht hatte Ruchi einen Teil der Wahrheit gefunden. Vielleicht suchten sie tatsächlich nach einem Stein. Sie vertraute auf Ruchis Eingebung. „Bist du bereit weiterzugehen?“ Fragend sah sie die Priesterin an.

Ein Schmunzeln erschien auf Ruchis Lippen. „Ich bin bereit zu sterben, Faern Zynrae.“

Zynrae zog scharf die Luft ein. „Ich denke nicht, dass dieser Tag gekommen ist.“ Ihre Stimme wurde fest. „Und ich werde ganz sicher nicht zulassen, dass du hier stirbst.“ Jedes einzelne Wort meinte sie ernst. Lieber würde sie selbst an diesem Ort sterben.

Gemeinsam stiegen sie die letzte Treppe hinauf und erreichten eine erhöhte Plattform. Zynrae ließ erneut die schwarzen Adern ihrer Schatten über den Stein wandern. Dann hielt sie inne. Eine Stelle entzog sich der Dunkelheit. Direkt dort, wo einst ein Altar gestanden haben musste. Langsam kniete sie sich nieder, strich mit den Fingern über den kalten Boden und streckte ihren Geist aus. Xas. Da war etwas. Schwach. Behutsam hob sie eine der Bodenplatten an. Ein sanftes Leuchten drang ihr entgegen. In seiner Mitte ruhte ein heller Edelstein, durchzogen von feinen dunklen Schlieren. Trotz der Schatten schimmerte tief in seinem Inneren noch immer ein kleines Licht. Vorsichtig hob Zynrae den Stein auf und hielt ihn Ruchi auf ihrer geöffneten Hand entgegen. Die Priesterin betrachtete ihn eingehend.

„Die Macht des Steins scheint begrenzt“, sprach Zynrae ihre Gedanken aus.

Ruchi nickte nachdenklich. „Selbst die Götter scheinen sich über diesen Ort uneinig zu sein.“ Einen Moment schwieg sie. „Dennoch könnte er uns weiterbringen. Steine bewahren oft Dinge, die unseren Augen verborgen bleiben.“

Zynrae beobachtete das schwache Licht im Inneren. Vielleicht hatten sie tatsächlich gefunden, wonach sie gesucht hatte.

Zwischen ihnen entstand für einen kurzen Moment Stille.

„Vielleicht behalten wir das vorerst für uns.“ Zynraes Stimme war ruhig. Eigentlich wusste sie, dass diese Bitte kaum notwendig war.

„Xas.“ Ruchi nickte. „Diese Studie ist wertvoll.“ Dann wurde ihr Blick ernst. „Aber mache Fortschritte.“

Die Worte trafen Zynrae wie kaltes Wasser. Unwillkürlich kehrte das Gefühl der Schlinge um ihren Hals zurück. Sie trat einen halben Schritt zurück und erwiderte den Blick nur noch mit der förmlichen Ruhe einer Magierin. Für einen kurzen Augenblick glaubte sie Enttäuschung auf Ruchis Gesicht zu erkennen. Dann war sie verschwunden.

Gemeinsam sammelten sie einige der Spinnen für spätere Untersuchungen ein. Zynrae ließ ihre Schatten die Kadaver aufnehmen, bevor die Dunkelheit den Raum erneut verschlang.

Nur wenige Augenblicke später standen sie wieder vor ihrem Haus.

„Zynrae.“ Ruchis Stimme war leise. „Das war aufschlussreich.“

Zynrae trat einen Schritt auf sie zu und strich ihr sanft über den Handrücken.

„Das war es.“ Sie lächelte schwach. „Hab Dank für deine Begleitung.“

„Xas, Zynrae.“ Ein warmes Schmunzeln erschien auf Ruchis Lippen. „Jederzeit. Auch wenn du einmal etwas anderes brauchst.“

Für einen Moment hielt Zynrae ihren Blick fest. Dann erschien das gleiche Schmunzeln auf ihrem eigenen Gesicht. „Xas.“ Sie neigte leicht den Kopf. „Etwas anderes.“ Ruchi schüttelte amüsiert den Kopf, bevor sie sich schließlich umdrehte und davonging.

Zynrae blieb noch einen Augenblick stehen. Der Stein. Wieder mehr Fragen als Antworten. Doch zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, tatsächlich einen Schritt vorangekommen zu sein.

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