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Unter der Haut

Zynrae Ky'Alur

Als sie sich von Ruchi verabschiedet hatte, ging sie mit langen Schritten auf ihr Schlafzimmer zu. Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, bereute sie, nicht zuerst das Badehaus aufgesucht zu haben. Das hätte ihr zumindest eine kurze Verschnaufpause verschafft. Die Drow zog die Maske, die meist auf ihrem Gesicht lag, enger und ließ einen gelangweilten Ausdruck erscheinen. Dann trat sie mit entschlossenen Schritten in den Raum und starrte die Schattengestalt auf ihrem Bett an.

Heute hatte sie sich wieder für Ruchis Gestalt entschieden. Und nun ja sie hatte eher weniger als mehr an.

Verfluchte Scheiße.

Zynrae hielt den Blick starr auf die vertrauten violetten Augen gerichtet. Sie hasste diese Spielchen. Gleichzeitig machten sie ihr Sorgen. "Oder ich werde dich dazu zwingen". Die Worte der Schattengestalt hallten erneut durch ihren Geist. Sie selbst zu bestrafen, würde ihre Forschung lediglich verlangsamen. Doch sie musste den Gedanken nicht weiterführen, als ein Schauer über ihren Rücken lief. Sie würde alles tun, um das zu verhindern. Und plötzlich war es wieder da. Die Kälte. Sie breitete sich in ihrem Körper aus, genau wie damals in der Höhle, als Ruchi zu stürzen drohte. Sie hieß sie auch jetzt willkommen. Die Kälte spülte ihre Angst fort.

„Also“, sagte sie ruhig und hob herausfordernd eine Augenbraue. „Was willst du?“

Noch während sie sprach, begann sie ihre Lederrüstung abzulegen. Das Leder klebte unangenehm an ihrer Haut. Sie brauchte dringend ein Bad. Scheiß auf das alles hier. Wenn Nacktheit eine Provokation war, dann zog sie sich einfach ebenfalls aus.

Ein leises Lachen erklang. Dann richtete sich die Gestalt langsam auf, setzte sich an die Bettkante und streckte auffordernd eine Hand aus. Zynrae griff in ihre Tasche, zog den Stein hervor und legte ihn schweigend hinein. Die Gestalt schloss die Augen. Einen Moment geschah nichts.

Zynrae nutzte die Stille und spürte der Kälte in ihrem Körper nach. Sie war nicht unangenehm. Eher klar. Als würde sie sich wie eine Schicht über ihre Emotionen legen und darunter einfach alles zu Eis erstarren lassen. Übrig blieben nur Berechnung und die Klarheit ihrer eigenen Gedanken. Also wäre der ganze andere Rest komplett überflüssig. Ein Zustand der nützlich und gleichzeitig gefährlich war.

„Sicher ist dir aufgefallen, wie der Stein die karmatische Energie um sich beeinflusst. Er muss bei seiner Trägerin bleiben, also werden wir ihn besser abschirmen müssen, sonst wird er früher oder später auffallen und ich dulde keine Einmischung.“ Die Kälte spülte auch die Emotionen bei Ruchis Stimme und dem Wort Trägerin einfach davon.

„Was muss ich tun?“ Ihre eigene Stimme klang viel zu ruhig.

„Erschaffe einen Ritualkreis für drei Zauber. Wirke Schutz und Unsichtbarkeit. Alles andere übernehme ich.“

Zynrae nickte mechanisch. Sie zog ihren Dolch hervor und führte die Klinge routiniert über ihren Unterarm. Blut quoll aus der Wunde. Noch bevor es den Boden erreichen konnte, nahmen ihre Schatten es in sich auf. Während sie über ihre Haut glitten, bemerkte sie, dass sie sich verändert hatten. Sie wirkten heller und gleichzeitig dichter, fast stofflich. Wie von selbst folgten sie ihren Gedanken und zeichneten einen komplizierten Ritualkreis aus ineinander verschlungenen Linien. Zynrae griff nach den Reagenzien aus ihrer Tasche und legte sie sorgfältig in zwei der drei Kreise. Das Blut, das weiter ihren Arm hinablief, ignorierte sie. Die Gestalt trat in den Kreis und legte den Stein genau in dessen Mitte. Dann nickte sie der Drow auffordernd zu.

„Uus Sanct.“ Klar und deutlich formte Zynrae den Zauber. Die Schatten nahmen die Reagenzien des ersten Kreises in sich auf. Über dem Edelstein entstand eine durchsichtige Kugel, die wenige Fingerbreit über ihm schwebte.

„An Lor Xen.“ Kaum waren die Worte gesprochen, verschlangen die Schatten auch die Reagenzien des zweiten Kreises. Feine Lichtreflexe erschienen innerhalb der Kugel. Sie drehten sich, bis die Form schließlich nicht länger zu erkennen war.

Ruchis Gestalt trat an den Rand des Kreises. Sie schloss die Augen und faltete die Hände. Ein Gebet? Weil es zur Gestalt passte oder wirklich Teil ihrer Macht war? Noch mehr Rätsel.

Dunkle Schwaden erschienen über dem Edelstein und füllten langsam das Innere der Kugel. Kurz darauf kamen einzelne Lichtpunkte hinzu und verbanden sich zu einem anmutigen Tanz aus Licht und Schatten. Der Edelstein löste sich langsam vom Boden. Als er den Rand der Kugel berührte, ging eine mächtige Welle aus Energie von ihm aus. Der Ritualkreis leuchtete grell auf. Er hielt stand. Langsam drang der Stein weiter in die Kugel ein. Licht und Schatten wurden an ihren Rand gedrängt und verschmolzen dort zu einer schimmernden Barriere. Zynrae erschien es mehr wie ein Ringen. Die Gestalt neben ihr knurrte leise. Dann, nach einem langen Augenblick, fügte sich alles zusammen. Das Leuchten verblasste. Die Schatten verschwanden. Auch das Licht im Inneren des Steines erlosch. Langsam sank der Edelstein zurück auf den Boden.

Mit einer schnellen Bewegung griff die Gestalt danach. Sie schien einen Moment auf etwas zu lauschen. Dann packte sie Zynraes Arm. Ohne jede Vorwarnung presste sie den Edelstein in die noch offene Wunde. Schmerz explodierte in ihrem Körper und Übelkeit stieg in ihr auf. Zynrae sank auf die Knie. Erst als die Kälte wieder ihren Körper erfüllte und den Schmerz fortspülte, konnte sie erleichtert ausatmen. Dunkle Schatten glitten über ihren Unterarm und verschlossen die Wunde innerhalb weniger Liedschläge. Langsam richtete sie sich wieder auf. Kalt funkelte sie die Schattengestalt an und ein Knurren glitt über ihre Lippen. Diese betrachtete sie nur wie ein Insekt unter einem Mikroskop. Als sie scheinbar jedes Interesse an ihr verloren hatte, wandte sie sich ab.

„Ich werde dich rufen, wenn alles vorbereitet ist.“ Ruchis Stimme hallte noch durch den Raum, während sich die Gestalt bereits in schwarze Schwaden auflöste.

Zynrae fuhr sich durch die schweißnassen Haare, griff nach einem Handtuch und schlang es sich nachlässig um den Körper, bevor sie das Haus in Richtung Badehaus verließ. Sie wagte es nicht, ihren Arm anzusehen. Sie wusste ohnehin, dass die Haut dort makellos aussehen würde. Nur das leichte Ziehen an ihrer Magie ließ sich nicht ignorieren.

Verfluchte Scheiße.

Sie trug jetzt diesen Stein unter ihrer Haut. Auch wenn er nur sehr schwach war. Sie würde Ruchi bitten müssen, die Wirkung auf sie zu untersuchen. Das würde auch sie noch tiefer in diesen Sumpf ziehen.

Wieder fluchte sie laut.

Die Dienerin im Badehaus sah sie erschrocken an und begann leicht zu zittern. Zynrae schenkte ihr keinerlei Beachtung und ließ sich langsam in das warme Wasser sinken. Als sich die Wärme in ihrem Körper ausbreitete, wich die Kälte allmählich zurück.

Als sie an die Szene zurückdachte, musste sie dennoch plötzlich laut auflachen. Das Lachen löste einen Teil der Anspannung, die noch immer auf ihr lastete, wenn auch nur kurz. Die Dienerin zuckte bei dem ungewohnten Geräusch zusammen, verbeugte sich hastig und verließ den Raum beinahe fluchtartig.

Zynrae schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Vielleicht sollte sie sich das nächste Mal nicht so schnell ausziehen. Aber da stand ihr ganz eindeutig der eigene Starrsinn im Weg. Immerhin hatte sie niemand gesehen. Das nächste Mal praktizierte sie ihre Magie wohl besser in Bekleidung.

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