Wie man einen Beamten gewinnt
Maeve Greifental
Als Maeve das Büro des Beamten verließ, folgten ihr nur ein leises Schnarchen und der süße Duft feinsten Eisweins, der noch immer auf ihren Lippen lag. Zufrieden schulterte sie ihre Laute und schüttelte sich die braunen Locken aus dem Gesicht. Anders als erwartet war das ein ausgesprochen angenehmer Nachmittag gewesen und einer, der ihr weit mehr Erkenntnisse beschert hatte, als sie zu hoffen gewagt hatte. Früher an diesem Tag hatte sie noch vor der Tür des Beamten gestanden. Sie kniff sich sanft in den Oberschenkel. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Mit einem tiefen Atemzug stieß sie die Tür auf, stolperte mehr hinein, als dass sie einen Fuß vor den anderen setzte, und landete prompt halb auf dem Schoß des Beamten, dessen kleines Büro kaum größer war als eine Schreibstube. Mit großen, blau schimmernden, tränennassen Augen hielt sie seinen Blick fest, während sie sich hastig aufrappelte, natürlich nicht, ohne dabei auch noch seine Tasse Tee quer über den Schreibtisch zu verteilen. Überschwänglich begann sie, sich zu entschuldigen, tupfte hektisch über Papiere und Tischplatte und bemühte sich nach Kräften, den Schaden wieder gutzumachen. Ihr Gegenüber war derart aus der Fassung gebracht, dass er nicht einmal fragte, weshalb sie überhaupt in seinem Büro stand. Während ihre Hände beschäftigt wirkten, ließ Maeves Blick unauffällig durch den Raum schweifen. Das Büro war spartanisch eingerichtet. Nur ein kunstvoll gearbeitetes Modell eines Segelschiffes fiel aus der Nüchternheit heraus, offenbar der einzige wirklich persönliche Gegenstand. Augenblicklich griff sie den Faden auf, bekundete ehrliches Interesse und streute einige Fachbegriffe ein, die sie irgendwann einmal aufgeschnappt hatte. Genug, um glaubwürdig zu wirken. Schon bald fachsimpelten sie über unterschiedliche Schiffstypen, Takelage und Rumpfformen. Der Beamte gehörte zu jener Sorte Mensch, die sich selbst am liebsten reden hörte und fest davon überzeugt war, jeder Anwesenden an Verstand weit überlegen zu sein. Maeve musste irgendwann nur noch lächeln, an den richtigen Stellen nicken und hin und wieder eine geschickte Frage einwerfen. Der Rest erledigte sich von allein. Er ließ Tee bringen. Dankbar legte sie für einen flüchtigen Moment eine Hand auf seinen Arm. Als er sie milde anlächelte, die Lippen selbstzufrieden zusammenkniff und seinen Vortrag nahtlos fortsetzte, musste sie ein Grinsen unterdrücken. Es ging ihm längst nicht mehr um sie. Er brauchte lediglich ein Publikum für seine eigene Großartigkeit. Umso besser. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, die Angelegenheit zu beschleunigen und seinen Tee mit einer kleinen Zutat aus ihrer Tasche zu verfeinern. Doch dann erwachte ihr Ehrgeiz. Es reizte sie zu sehen, wie weit sie allein mit Geduld und einem offenen Ohr kommen würde. Schließlich schenkte er ihnen den ersten Likör ein. Nach dem zweiten Glas, das sie selbstverständlich nur scheinbar leerte, lenkte Maeve das Gespräch geschickt auf den Ursprung seiner Leidenschaft für Segelschiffe. Er erzählte bereitwillig von seiner Kindheit, vom Duft des Hafens und dem ersten kleinen Schiffsmodell, das sein Vater mit ihm gebaut hatte. Nach dem vierten Glas entkorkte er voller Stolz eine Flasche Eiswein. Seine Wangen glühten inzwischen, seine Augen waren gerötet und seine Bewegungen hatten jene angenehme Schwere angenommen, die guter Wein mit sich brachte. Maeve bugsierte ihn mit einem besorgten Lächeln zurück auf seinen Stuhl und schenkte großzügig nach. Den Eiswein gönnte sie sich auch selbst. Er war tatsächlich ausgezeichnet, samtig, fruchtig und viel zu gut, um ihn verkommen zu lassen. Mittlerweile war das Gespräch längst von Schiffen zu Flüssen, von Flüssen zur Heimat und schließlich zu dem kleinen Dorf gewandert, aus dem der Beamte stammte. Maeve kannte einige der alten Lieder, die dort einst in den Tavernen gesungen worden waren. Also nahm sie ihre Laute zur Hand und ließ vorsichtig die ersten Töne erklingen. Zu ihrer Überraschung begann der Beamte tatsächlich mitzusingen. Sie musste sich ein Lachen verkneifen. Ja, guter Alkohol löste so manche Zunge. Gemeinsam sangen sie mehrere alte Weisen. Er stimmte sogar eigene Lieder an, holprig zwar, aber mit ehrlicher Begeisterun und Maeve begleitete ihn mühelos. Für einen kurzen Moment vergaß sie beinahe, weshalb sie überhaupt hier war. Es war schwer, jemanden nicht ein wenig zu mögen, wenn er mit glänzenden Augen die Melodie seiner Kindheit anstimmte. Als seine Stimme schließlich brüchig wurde und einzelne Silben ineinander verschwammen, wechselte sie zu ruhigeren Klängen. Sanfte Akkorde füllten den kleinen Raum, schwebten zwischen Regalen und Aktenstapeln hindurch und trugen den Beamten, gemeinsam mit reichlich Eiswein, sicher in den Schlaf. Erst als sein Schnarchen gleichmäßig durch das Büro rollte, legte Maeve die Laute behutsam beiseite. Mit routinierten Griffen durchsuchte sie Schubladen und Aktenstapel. Die benötigten Unterlagen verschwanden rasch in ihrer Tasche. Anschließend stellte sie das leere Glas so auf den Tisch, als wäre nichts geschehen und verließ das Büro auf leisen Sohlen. Ein breites Lächeln lag auf ihren Lippen. Das hier hatte tatsächlich mehr Spaß gemacht, als sie erwartet hätte. Vermutlich würde der Beamte ihr in den nächsten Tagen verschwörerisch zuzwinkern, sobald sich ihre Wege kreuzten, überzeugt davon, einen herrlichen Nachmittag mit ihr verbracht zu haben. Lachend schüttelte Maeve den Kopf. Sie drehte zunächst noch eine gemächliche Runde durch die Burg. Einige wachhabende Gardisten nahmen Notiz von ihr, grüßten oder nickten ihr flüchtig zu, genau wie sie es beabsichtigt hatte. Erst als sie sicher war, dass man sich später an ihre unauffällige Anwesenheit erinnern würde, steuerte sie die Räumlichkeiten an, in denen sie Annara vermutete. Beiträge in diesem Thread
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