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Die Sprache der Schatten

Zynrae Ky'Alur

Zynrae fiel erneut durch Dunkelheit und Schatten, nur gelegentlich von einem matten Leuchten durchbrochen, das für einen kurzen Augenblick an ihr vorüberglitt. Wenn sich der erste Teil der Prüfung ähnlich wiederholte, blieb ihr etwas Zeit. „Sich auf das konzentrieren, was möglich ist“, wiederholte sie leise. Zunächst galt es abzuschätzen, wie es um ihre Fähigkeiten stand. Sie streckte ihren Geist nach den Schatten aus, die um sie herum waberten. Auch dieses Mal reagierten sie viel zu träge. Doch wenn sie sich nicht täuschte, war die Verbindung deutlich besser als zuvor. Als wäre die Wand zwischen ihr und ihrer Magie ein Stück dünner geworden. Für Zauber würde es dennoch nicht reichen. Innerlich akzeptierte sie diesen Zustand sofort. Es brachte nichts, dagegen anzukämpfen. Darauf schien sie keinen Einfluss zu haben. Annehmen, was man nicht ändern konnte. Genau das hatte die letzte Prüfung sie gelehrt. Gleichzeitig keimte leise Hoffnung in ihr auf. Sie machte Fortschritte.

Den nächsten Versuch richtete sie auf ihren eigenen Schatten. Wieder reagierte ihre Magie nur langsam. Wieder viel zu langsam. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Ein Versuch war es wert gewesen. Plötzlich spürte sie, wie sich ein kleiner flammender Schatten aus ihrem eigenen löste und sich langsam an ihrem Körper emporwand. Geschmeidig schlängelte er sich bis zu ihrem linken Arm. Dort begann die kleine Schlange über ihre Haut zu gleiten. Immer wieder bildete sie neue Muster über der Stelle, unter der sich der Stein befand. Es sah aus wie Runen. Und doch wieder nicht. Als gehörten sie zu einer Sprache, die sie nie gelernt hatte. Fasziniert beobachtete Zynrae den Tanz der Zeichen und versuchte, sich möglichst viele davon einzuprägen. Ihre Umgebung geriet dabei völlig in Vergessenheit. Nach einer Weile löste sich der Schatten von der Stelle und glitt den gesamten Arm entlang. Plötzlich erstarrte der kleinen Körper. Langsam öffnete das Wesen die Augen. Golden musterten sie die Drow. Abwartend. Vorsichtig ließ Zynrae etwas Mana in den Schatten fließen. Ihr Geist formte Licht. Tatsächlich begann die Schlange heller zu werden, bis sie ein warmes Schimmern ausstrahlte. Beim nächsten Versuch formten ihre Gedanken Feuer. Die Gestalt veränderte sich erneut. Dunkle Flammen tanzten über ihre Haut. Von ihnen ging eine deutliche Hitze aus, die sie bis in ihr Gesicht spüren konnte. Die Haut darunter blieb jedoch kühl. Ein kleines Schmunzeln erschien auf ihren Lippen. Damit ließ sich doch etwas anfangen.

Sie entspannte ihren Körper und beruhigte ihren Geist durch langsame Atemzüge. Ihr Fall verlangsamte sich, zunächst kaum merklich, aber dann immer deutlicher. Bis sie schließlich fast schwerelos in der Dunkelheit schwebte. Dann verschwand unter ihr selbst das matte Licht. Nur Dunkelheit blieb. Im nächsten Augenblick berührten ihre nackten Füße kalten Stein. Die Finsternis schloss sich lautlos um sie. Vorsichtig machte sie einige Schritte in verschiedene Richtungen und tastete mit ihren Sinnen nach den Grenzen des Raumes. Er schien klein zu sein. Wände und Boden bestanden aus demselben glatten Stein. Während sie sich langsam bewegte, bemerkte sie, dass auch sämtliche Geräusche verschluckt wurden. Zynrae atmete ruhig weiter und zwang sich zur Gelassenheit. Die Dunkelheit selbst machte ihr nichts aus. Aber sie musste ihre Sinne beschäftigen, sonst würde ihr Geist irgendwann beginnen, Dinge zu sehen, die nicht existierten. Da ihr nichts Besseres einfiel, begann sie schließlich langsam und ruhig mit ihren Kampfübungen. Jede Bewegung bewusst ausgeführt. Die vertrauten Abläufe gaben ihr Sicherheit und Kontrolle. Sie konzentrierte sich auf ihre Muskeln, auf die Spannung der Sehnen und das gleichmäßige Atmen. So gab sie ihrem Geist genügend Reize, damit er sich nicht an der Dunkelheit oder der vollkommenen Stille festklammerte. Irgendwann verlor sie jedes Gefühl für Zeit. Es mochten Stunden vergangen sein, vielleicht sogar ein ganzer Tag. Es spielte keine Rolle. Die Zeit schien hier anderen Gesetzen zu folgen.

Sie hatte sich vollkommen in den Bewegungen verloren, als der Raum plötzlich deutlich kälter wurde. Trotz der Übungen begann ihr Körper zu zittern und die Muskeln spannten sich unwillkürlich an. Zunächst versuchte sie weiterzumachen, doch schon nach wenigen Augenblicken spürte sie, wie mit der Kälte auch die Müdigkeit kam. Das war gar nicht gut, wenn sie hier einschlief, würde sie vermutlich nie wieder erwachen. Sie zwang sich weiter zu machen, bis ihre Beine schließlich nachgaben. Langsam sank sie zu Boden und zog die Knie eng an den Körper, um möglichst viel Wärme zu bewahren. Es hatte keinen Sinn, sie musste beginnen, Mana zu verbrauchen, ihre Finger und Zehen fühlten sich bereits taub an. Erneut streckte sie ihren Geist nach der schattenhaften Schlange auf ihrem Arm aus. Wärme. Sofort spürte sie sie auf ihrer Haut, wie tausende feine Nadelstiche bahnte sich die Hitze ihren Weg durch ihren ausgekühlten Körper. Immer wenn sie die Position des Schattens veränderte, zog sie scharf die Luft ein. Jedes Mal derselbe Schmerz und dieses Mal fügte sie ihn sich selbst zu. Welche Ironie. Aber sie würde hier ganz sicher weder Finger noch Zehen verlieren. Gleichzeitig merkte sie, wie ihre Kräfte schwanden. Es fiel ihr immer schwerer, die Wärme aufrechtzuerhalten. Sie zog selbst an ihren letzten Reserven, nur um den Strom nicht abreißen zu lassen, während sich die Hitze weiterhin wie unzählige Nadeln durch ihren Körper bohrte. Dieses Mal konnte sie der Situation nicht entfliehen. Konnte sie das lange genug durchhalten? Selbst als sie glaubte, kein Mana mehr zu besitzen und den Schmerz kaum noch ertragen zu können, machte sie weiter. Das hier war noch nicht genug. Nur noch ein Atemzug. Dann noch einer. Und noch einer. Wieder verlor die Zeit jede Bedeutung.

Plötzlich veränderte sich wieder etwas. Es war, als streckte ein Wesen seinen Geist nach ihr aus. Ein erleichtertes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Schnell griff Zynrae nach der Verbindung. Ein zweiter Schatten glitt über ihren Körper. Dann ging ein Ruck durch sie. Mit einem Mal verschwanden Dunkelheit und Kälte. Zynrae bemerkte, dass sie wieder in ihrem Bett lag. Mit letzter Kraft zog sie die Decke über sich. Ihr letzter Blick fiel auf ihre rechte Hand. Dort wand sich eine zweite Schlange aus Schatten um ihre Haut. Sie wirkte beinahe kristallin und war tiefschwarz. Aber das letzte was Zynrae sah, waren die eisblauen Augen, die sie ruhig beobachteten, bevor der Schlaf sie unaufhaltsam wieder in die Dunkelheit zog.

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