Sosaria - so der Name des Kontinents auf dem Schattenwelt lag - war von außen betrachtet ein stiller Körper, ein dunkler Kontinent, der durch das Schwarz trieb. Licht fiel schräg über die Wüsten und Meere, glitt über Gebirge und Ebenen, Wälder und Städte, und für einen langen Moment wirkte alles abgeschlossen, in sich ruhend, als hätte diese Welt ihren Platz gefunden.
Dann erschien er - Der Komet.
Ein glühender Körper, dessen Bahn so gerade war, als wäre er mit Absicht geworfen worden. Er zog einen Schweif hinter sich her, der nicht das Licht reflektierte, sondern Verzerrung war, Just so, als würde er den Raum selbst mitnehmen. Dort wo er vorbeizog, kräuselte sich das Schwarz, als wäre es flüssig. Schattenwelt lag weiter still.
Der Einschlag ähnelte keinem den die Menschen Schattenwelts bisher wahrgenommen hatten. Jene die sich daran erinnerten als der Meteor bei Cove niederging konnten den Unterschied augenblicklich erkennen. Andere brauchten länger. Der Einschlag war keine Explosion, kein Feuer und kein Aufbäumen von Erde welche in alle Richtungen davon geschleudert wurde. Es folgten keine Erdbeben, Flutwellen oder andere Phänomene die eine derart gewaltige Druckwelle mit sich brachte. Der Kontinent wölbte sich, nicht sichtbar für das bloße Auge sondern für jene mit einem tieferen Gespür für "Magie" oder einer besonderen Gabe der Aufmerksamkeit. Das Licht brach falsch. Schatten lösten sich. Es schien als wäre eine zweite Sonne am Himmel erschienen als sich die Schatten verdoppelten. Oder schien es nur so? Nein, denn für einen Atemzug existierte Schattenwelt doppelt.
Zwei identische Welten lagen übereinander, vollkommen gleich und doch nicht mehr deckungsgleich, als hätten sie sich beim Aufprall minimal versetzt. Der Krater in der Wüste war in beiden vorhanden, exakt an derselben Stelle, und doch zog er in jede Richtung anders. Von außen war zu sehen, wie sich zwischen den beiden Kontinenten ein hauchdünner Spalt zwischen den Sphären bildete, kaum breiter als ein Gedanke, aber gedehnt von Zeit, die nicht mehr wusste, welchem Körper sie folgen sollte.
Dann begann das Auseinanderdriften.
Langsam, ohne Widerstand, schoben sich die beiden Welten voneinander weg. Die Verbindung zwischen ihnen zog Fäden, die sich dehnten, flackerten und schließlich rissen, einer nach dem anderen, jeder begleitet von einer leichten Verzerrung, als würde eine Erinnerung losgelassen. Bis auf eine. Dieser Faden zog sich zäh wie Teer, bis zum bersten gespannt. Wenige sahen ihn, viele spürten ihn. Den Drang diesen letzten Faden, dieses Filament, diesen letzten Ausweg zu finden, und zu begehen. Der Komet selbst war längst verschwunden, in beide Welten zugleich gefallen und in keiner geblieben, doch seine Wirkung blieb wie ein Nachhall im Raum.
Von außen wirkte es ruhig. Zwei Kontinente, vollkommen gleich, trieben nun auseinander, jede Spur von Gewalt bereits vergangen. Erst wer lange genug hinsah, erkannte, dass die Zeit zwischen ihnen unterschiedlich floss, dass kleine Abweichungen entstanden, kaum sichtbar, aber unumkehrbar.
Und beide Versionen setzten ihren Weg fort, jeweils überzeugt davon, die einzig echte zu sein.