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Antwort auf: Geteilter Himmel - geteilte Realität - Ein reisender Händler

Harmoniefehler

Ein reisender Händler 31.01.2026 13:46
Email: pardona at alte-schattenwelt (dot) de
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Ich kam kurz nach Sonnenaufgang nach Britain, zu der Stunde, in der der Marktplatz noch nicht laut ist, sondern nur beschäftigt. Die Stände standen schon, aber die Rufe der Händler tasteten sich erst aneinander heran. Da waren Berrik, ein Gewürzhändler, und Halvorn, Kupferstecher. Sonst Überbieten Sie sich zu dieser Zeit mit ihren Rufen, doch irgendetwas war heute anders. Ich erinnere mich daran, weil ich im ersten Moment dachte, es läge an mir, an der Müdigkeit der Reise oder an dem Staub, der mir noch in den Ohren saß.

Dann hörte ich die Vögel.

Sie sangen, wie sie es immer getan hatten, und doch lagen die Abstände falsch. Es klang irgendwie schief, nicht wirklich krank, lediglich...verschoben, als hätte jemand zwischen zwei Tönen einen winzigen Keil getrieben. Ein Spatz auf dem Brunnenrand begann einen Ruf, brach ab, setzte neu an, und der zweite Ton kam einen Hauch zu früh. Ich blieb stehen und sah mich um, ob jemand anderes innehielt, aber die Händler legten weiter aus, lachten, stritten, als sei nichts geschehen.

In der Schmiedegasse blieb ich stehen. Der Amboss dort ist alt und schwer. Ein Stück Geschichte. Ich erinner mich an Meister Ambrosius der noch vor einigen Jahren darauf hämmerte, nun gehört er seinem Sohn und ich kenne seinen Klang. Der Schmied hob den Hammer, ließ ihn fallen, und der Schlag lief durch mich hindurch wie immer – nur endete er anders. Der Ton hielt einen Herzschlag zu lang an, oder vielleicht nicht lang genug; ich könnte es nicht beschwören. Beim zweiten Schlag war es wieder da, dieses Gefühl, dass etwas Maß nahm, wo vorher Selbstverständlichkeit gewesen war.

Mir kam der Gedanke an die alte Geschichte, die man sich unter Gelehrten erzählt, von dem Mann, der an einer Schmiede vorbeiging und erkannte, dass Zahlen in den Klängen lagen. Ich stellte mir vor, wie er hier gestanden hätte, die Stirn gerunzelt, den Kopf leicht geneigt, und wie er gemerkt hätte, dass heute etwas nicht mehr ganz stimmte. Als hätte jemand die Saiten der Welt minimal nachgezogen.

Ich ging weiter über den Platz, lauschte auf Schritte, auf das Rollen eines Karrens, auf das Klirren von Münzen, und überall war diese feine Abweichung. Nichts war gebrochen. Nichts war laut. Aber alles hatte ein anderes Gewicht. Die Pausen zwischen den Geräuschen fühlten sich dichter an, und wenn zwei Dinge gleichzeitig geschahen, taten sie es mit einer Ordnung, die ich nicht kannte.

Als ich schließlich am Brunnen saß, hörte ich mein eigenes Atmen und erschrak, weil auch das mir fremd klang. Ich horchte bewusster hin, als hätte mir jemand ein Hörrohr in die Hand gedrückt und gesagt: Hör hin.

Ich weiß nicht, was sich geändert hat. Ich weiß nur, dass Britain noch Britain ist, der Markt noch steht und die Schmiede noch arbeitet. Aber irgendetwas in der Welt hat einen neuen Takt, einen neuen Ton gefunden, und wir alle gehen weiter, als hätten wir ihn schon immer gekannt.


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