Er wachte schreiend auf.Mit einem Laut, der zu groß... zu laut... für den Raum war. Die Dachschräge über ihm hielt den Laut fest wie ein Deckel. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war, nur dass seine Kehle brannte. Sein Herz raste, als hätte es gerade erst begriffen, dass es noch schlagen musste. Dann kam der Geruch zurück: kalter Rauch, süßer Wein, abgestandener Schnaps, das bittere Nachklingen des Opiums in der Pfeife, die irgendwo auf dem Boden neben dem Bett lag.
Er richtete sich mühsam auf. Flaschen lagen umgestürzt auf dem Boden, manche leer, einige mit einem unschönen Rest. Er griff nach einer und stürzte den Inhalt herunter. Das Fenster stand einen Spalt offen, gerade genug, dass der Wind hineinkroch und mit ihm Geräusche der Stadt. Stimmen, Schritte, das ferne Läuten einer Glocke. Als würde selbst das schöne Trinsic ihn nicht mehr ganz erkennen wollen.
Er lachte trocken und brach den Laut ab, als er merkte, dass er dabei den Atem anhielt.
„Rhajadan von Löwenstein“, murmelte er und verzog das Gesicht. Der Name schmeckte wie eine Lüge. Er war zu schwer für das, was von ihm übrig war, zu sauber für Hände, die gezittert hatten, als sie an Ketten gezogen wurden, und zu stolz für Nächte, in denen er schweißgebadet aus Träumen von Elashinn gerissen wurde. Er träumte immer von Stein, von Dunkelheit, von Augen, die ihn musterten, als sei er ein Werkzeug, das man brechen konnte, um zu sehen, wie es gebaut war.
"Merovan von Nirgend", war ein passender Name für eine rastlose Gestalt wie ihn.
Er warf die Decke zurück und stand auf, schwankend, den Blick auf den Boden geheftet, als müsse er vermeiden, etwas Wichtiges zu zertreten. An der Wand stand das Regal. Sein Regal. Dort, wo die Magiebücher standen, die ihn einst definiert hatten, ordentlich, vertraut, wie alte Freunde, die ihm nun nichts mehr sagten. Er blieb davor stehen und seufzte schwer, ein Laut, der mehr war als Müdigkeit. Er ballte die Faust und traf die Wand. Seine knöchel bluteten und er unterdrückte einen Schluchzer.
Alles verloren. Die Stellung, die Titel, die Akademie. Vor allem aber hatte er die Gewissheit verloren, dass Wissen schützte, oder Macht war.
Und schuld daran waren sie alle. Der eingebildete Fatzke aus Duesterhafen, mit seinem Gerede von Notwendigkeit und Ordnung. Die hochnäsige Chimäre, dieses… Etwas, das es wagte, seinen Platz einzunehmen, als wäre er austauschbar gewesen. Die krummbeinige Hexe aus Elashinn. Eine Dunkelelfe mit ihrer kalten Stimme und noch kälteren Entscheidungen. Der Zorn kam wie eine Welle. Er ballte die Faust und wollte die Wand treffen, doch auf halben Wege ließ er sie bereits wieder sinken. Sein Zorn war heiß und nutzlos, und verebbte, noch bevor er Kraft entwickeln konnte.
Sein Blick blieb an einem Buch hängen.
Es stand schief im Regal, der Einband dunkel, das Leder unversehrt, als wäre es nie berührt worden. Er war sicher, es noch nie gesehen zu haben. Sicher genug, dass ihm kalt wurde. Langsam zog er es heraus, wog es in der Hand, spürte das unerwartete Gewicht. Kein Titel auf dem Rücken. Keine Markierung.
Er setzte sich, schlug es auf.
Die Seiten beschrieben Inseln. Ein Archipel, keine bekannte Küste, zerstreut über ein Meer, das in keiner seiner Karten verzeichnet war. Namen tauchten auf, fremd und doch klar, Strömungen, die anders liefen, Magie, die nicht nach den bekannten Gesetzen floss. Er vergaß zu trinken. Vergaß den Rauch. Las, Seite um Seite, während draußen der Tag voranschritt.
Irgendwann legte er die Hand auf das Papier und schloss die Augen.
Das was er gelesen hatte, hatte ihm Hoffnung gegeben. Nun galt es einen Weg zu finden diese Hoffnung zu wecken und zu finden was er gerade gelesen hatte. Aber dafür würde er Hilfe benötigen, und Mittel...