Fremder Wille
Zynrae Ky'Alur
Zynrae wollte gerade ein Tor nach Elashinn öffnen, als sich ihr Schatten kräuselte. Genervt fuhr sich die Drow durch ihre weißen Haare, die noch von roten Spritzern gesprenkelt waren. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie hatte ihre Jagd soeben erst beendet. Müdigkeit zeichnete sich deutlich in ihrem Gesicht ab, jene angenehme Schwere, die sie trotz all ihrer Gedanken vermutlich schnell in den Schlaf gezogen hätte. Verfluchter Mist. Das ist gar nicht gut. Ich bin sowas von nicht bereit. Was würde eigentlich passieren, wenn sie sich einfach weigerte? Wenn sie nicht durch den Schatten trat? Würde man sie irgendwann an den Haaren hindurchschleifen oder einfach direkt bestrafen? Die Drow straffte die Schultern und sah noch einmal an sich hinab. Ihre Lederrüstung war mit Blut und Eingeweiden überzogen. Nun, immerhin hatte die Jagd Spaß gemacht. Sie hatte dieses Mal vor allen mit ihren Dolchen gekämpft. Es war wichtig, sich nicht nur auf die Magie zu verlassen. Immerhin werde ich einen gewissen Eindruck hinterlassen. Ein schmales Grinsen glitt über ihren Mund. Dann trat sie in ihren Schatten. Sie schloss die Augen und ein Ruck ging durch ihren Körper. Der Raum um sie herum zog sich zusammen und dehnte sich im nächsten Moment wieder aus. Als Zynrae die Augen öffnete, war sie erneut von Schatten umgeben. Eine dunkle Kuppel wölbte sich über ihr und nur diffuses Licht drang durch die Dunkelheit. Eine Gestalt darin gewann langsam an Festigkeit und kam auf sie zu. Eine sehr junge Drow mit roten stechenden Augen. Eine aufwendig bestickte Robe hüllte den zierlichen kleinen Körper ein. Die langen weißen Haare reichten fast bis auf den Boden. Zynrae hielt ihrem Blick stand und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Die Drow ließ sich von der Aufmachung nicht täuschen, auch wenn sie neben dem Kind deutlich eindrucksvoller wirken mochte. Die Schwäche war lediglich eine Fassade. „Ich wusste nicht, wie eilig du es hast.“ Süffisant grinste die Drow. Sie wusste nur zu gut, wie übel sie gerade auch riechen musste. „Also, wie kann ich dir dienen?“ Ein lautes Lachen erklang als Antwort. „Mir gefällt das wirklich. Auch wenn ich es ebenfalls mochte, wie du vor Angst gezittert hast.“ Immerhin schaffte die Gestalt es nie, die Sprache an die ausgewählte Form anzupassen. Was Zynrae wiederum auf eine gewisse Art beruhigte. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Wie dem auch sei. Was soll ich tun? Verschwenden wir nicht unser beider Zeit.“ Wieder erklang dieses Lachen. „Du amüsierst mich, ich sollte dich zu einem Tee einladen.“ Zynrae zog eine Augenbraue hoch. „Und möchtest du mich davor oder danach bedrohen?“ Die letzten Worte waren eher geknurrt als gesprochen. So langsam verlor sie wirklich die Geduld. Die Gestalt grinste nur breit und streckte dann die Hand in eine unbestimmte Richtung in der Dunkelheit aus, als wäre das Thema für sie damit beendet. „Du musst dich nur dem stellen, was dich dort erwartet.“ Ohne zu zögern trat Zynrae an dem Kind vorbei in die Schatten. Sie ahnte, dass es keine Rolle spielte wie weit sie laufen würde. Entfernung existierten hier vermutlich genauso wenig wie Zeit. Daher blieb sie irgendwann stehen und sah sich abwartend um. Dann spürte sie den ersten Angriff. Nicht auf ihren Körper. Auf ihren Geist. Sofort riss sie eine innere Barriere hoch, so wie sie es gelernt hatte. Eine schimmernde Kuppel legte sich schützend um ihr Bewusstsein. Der nächste Angriff. Sie spürte die Erschütterung, doch die Barriere hielt. Ein weiterer folgte. Dann noch einer. Jedes Mal nur eine leichte Irritation des Schildes. Nicht so schlimm wie erwartet. Im nächsten Augenblick wurde die Barriere in unzählige kleine Teile gerissen. Es waren so viele Angriffe gleichzeitig, dass Zynrae sie nicht einmal hätte zählen können. Wie unzählige Splitter schlugen die Angriffe gleichzeitig in ihren Geist. Die Drow ächzte und versuchte sich gegen die Übermacht zu stemmen. Doch mit jedem Aufbäumen wurde ihr Geist nur weiter zurückgedrängt. Dann verschwand das Gefühl für ihren Körper. Sie konnte nichts mehr sehen. Nichts hören. Nichts fühlen. Verfluchte scheiße. Zynrae zog sich in den letzten kleinen Winkel ihres Geistes zurück, der noch ihr gehörte. Mit aller Kraft errichtete sie dort eine winzige Barriere und hielt sie fest. Das hier war gar nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Sie hatte innerhalb weniger Lidschläge die vollständige Kontrolle über ihren Körper verloren. Wie war so etwas überhaupt möglich? Noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, zog sich der Raum um sie herum zusammen und dehnte sich wieder. Zynrae wusste, was das bedeutete. Die Schatten machten mit ihrem Körper einen Ausflug. Innerlich kauerte sich die Drow hinter ihrer kleinen Barriere zusammen. Die Angriffe hatten aufgehört. Vermutlich wurde sie überhaupt nicht mehr als Gefahr wahrgenommen. Und vielleicht ist genau das meine Chance. Sie musste nur abwarten. Vielleicht würde sich eine Gelegenheit ergeben. Nach und nach drangen einzelne Eindrücke ihres Körpers zu ihr durch. Sie spürte ihre Hände. Dolchgriffe lagen darin. Ihr Herz schlug schnell. Etwas Warmes spritzte ihr ins Gesicht. Wieder ein Ruck. Dann Anstrengung. Kleine, scharfe Schmerzen an mehreren Stellen ihres Körpers. Vermutlich war sie verletzt. Ab und zu drangen auch Bilder zu ihr durch. Blut. Dunkelheit. Eine Bewegung. Dann wieder ein Ruck. Dieses Mal konnte sie ihre Umgebung riechen. Sie mussten zurück sein. Zurück in ihrer Welt. Plötzlich hörte sie ein lautes Fauchen und Toben. Krallen schrammten über eine harte Oberfläche und ein schwerer Körper warf sich immer wieder gegen etwas Festes. Elir. Der schattenhafte Panther versuchte zu ihr zu gelangen. Immer wieder warf er sich gegen die Barriere, die ihn von ihr trennte, und ließ seinen Frust mit lautem Fauchen an ihr aus. Und dann geschah es. Für den Bruchteil eines Augenblicks flimmerte die Dunkelheit. Eine kleine Schlange schoss daraus hervor. Ihre dunklen Schuppen schimmerten golden, ebenso wie die Augen, die sofort Zynraes Blick fanden. Die Drow griff nach der Verbindung, kaum dass sie sie spürte. Die Schlange schoss ihren Körper empor und überzog ihn mit Hitze. Eine Welle des Schmerzes überrollte ihren Körper. Zynrae wich nicht zurück, aber die Schatten in ihrem Bewusstsein schienen zurück zu schrecken. Die Drow ergriff die Gelegenheit und rief auch ihre schwarze Schlange, die sich ebenfalls durch die kleine Öffnung der Barriere zwängte. Nun blickten auch die eisblauen Augen zu ihr auf. „Hol Hilfe. Ich versuche, den Körper irgendwie hierzubehalten.“ Schon wurde die Verbindung wieder schwächer. Sie richtete sich an die goldenen Augen. Hitze. Wieder überrollte Schmerz ihren Körper und die Schatten zuckten zurück. Die tiefschwarzen Schuppen verschwanden in der Dunkelheit. Zynrae wusste nicht, ob ihre Botschaft angekommen war. Sie konnte nur hoffen, dass die Schlange sie verstanden hatte. Die goldenen Augen fanden wieder ihre. War das Mitleid? Sie brauchte dringend Hilfe. Sie würden diesen Zustand nicht lange halten können, schon jetzt wurden die Schatten in ihrem Inneren wieder aktiver. Sie dachte an Ruchi und flehte sie innerlich an „bitte beeil dich“.
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