Rückblickend...
war nur eine Handvoll beider Seiten zurückgeblieben. Manche gezwungenermaßen, andere aus Zweifel, wieder andere,
weil sie schlicht nicht würdig gewesen waren und nicht wussten, wohin, als die Reise der beiden Gilden begann.
Viele verbanden diesen Tag mit anderen Geschichten der Schattenwelt, des öfteren fiel das Wort der Götterdämmerung.
Ob dies Zufall war oder nicht, vermochte niemand mehr mit Gewissheit zu sagen.
Unter den Zurückgebliebenen befand sich Paranax, treuer Begleiter Almandinas, Ardor und eine Hand voll Diener.
Gharun und er waren damals die Klingen der Hohepriesterin Almandina Jikhbar gewesen.
Doch während beide ihr dienten, war der persönliche Bezug von Paranax zu ihr tiefer als alles andere.
Er hatte niemanden mit einem vergleichbaren Stellenwert in seinem Leben gehabt, weder vor seinem Beitritt zum Orden noch danach.
Sie mochte es kaum bemerkt haben, doch er hatte ihr sein Leben verschrieben. Bis zu jenem Moment, in dem sie seines plötzlich verließ.
Die Reise
Am Tag vor der Abreise des Ordens sprach Almandina noch zu einem Schmied der Insel, mit ruhiger Stimme, ohne Pathos:
„Jeder Ordensbruder, sei es Magier, Handwerker, Schütze, Geweihter, Ritter oder
Knappe möge gottgefällig leben und die Lehren des Ordens verbreiten in Wort und Tat.
Der Orden möge die weltliche Hand des Ritus sein und die geistliche Kraft des Glaubens
stützen und bewahren vor den häretischen, unheiligen und verdammenswerten Schergen
der falschen, ketzerischen und unheiligen Kirchen.
Der Orden steht im Weltlichen, wo die Priesterschaft im Geistlichen steht;
er hütet die Reliquien und Stätten des Glaubens
und ficht mit Schwert und Schild gegen das Unheilige, die Häresie und den Unglauben.“
Kurz darauf ließ sie auch Gharun zu sich rufen, eine ihrer beiden Leibwachen.
Auch ihm gab sie Worte mit auf den Weg, für die Schlachten, die noch kommen würden.
Manchmal waren gut gewählte Worte für einen Zwergen mehr wert als das edelste Metall.
„So sei Dir gesagt und geboten, im Kampfe nicht zu sprechen,
keine Gesänge oder Hymnen auf den Lippen zu führen
oder Dich lauthals zu gebärden, um den Gegner zu schrecken.
Sei Dir stets bewusst, in wessen Namen Du die Waffe führst;
denn in der Stille liegt die Macht und die Kraft des Herrn des Jenseits,
Furcht unter Seine Feinde zu tragen.
Waffenklirren und Schnauben, das Trommeln der Hufe
und das Rasseln der Kettenpanzer sind unsere Stimme und Laut genug,
dem Gegner Furcht zu bringen.“
Danach wurde der Zwerg allein gelassen. Für den Rest des Tages zog sie sich in die Bibliothek zurück und empfing verschindenste
Ordensmitglieder, darunter gewöhnliche Diener und selbst die Wikinger, die sie sich unterworfen hatte. Viele kamen und lauschten ihr gebannt,
während sie von vergangenen Kämpfen erzählte und von Wegen sprach, die nicht offen benannt wurden.
So wurden zumindest Teile des Ordens darauf vorbereitet, dass etwas bevorstand auch wenn nur wenige den ganzen Umfang erahnten.
Am Tag darauf sind sie aufgebrochen, der Orden samt der Ordensführung, darunter Thoryl, dem weltlicheb Propheten Malions und Daedron, einem weiteren Hohepriester.
Durch eines der letzten Portale gen Iomien, tief verborgen im Sand, freigelegt in einer geheimen Operation durch die Malionarmee.
Begleitet wurden sie von vielen würdigen Ordensmitgliedern und auch jenen Wikingern die sie für ihre Sache überzeugen konnte.
Sie durchschritten das vielleicht letzte aktive Portal, dessen genauer Standort, zwar irgendwo in der Wüste, aber dennoch bis heute unbekannt ist.
Malion und Ryonar, Brüder im ewigen Krieg, waren nach Iomien verbannt, und mit ihnen zogen alle Brüder und Schwestern, die dem Ruf folgen durften,
um Zeugen ihres endlosen Kampfes zu sein. Es gab seit diesem Tag keinen bekannten Pfad mehr zu ihnen, keine Portale und keine Zeichen.
Mit dem Verschwinden der Gefährten des Adlers und des Nok’Tau Orden Malions aus der Schattenwelt erlosch auch ihre Präsenz,
als hätte man sie aus der Geschichte dieser Welt gestrichen und die wenigsten hatten überhaupt bemerkt, dass etwas fehlte.
Der, dem der Ruf verwehrt blieb
Die Erzählungen über diesen Tag verfolgten Paranax noch eine lange Zeit, denn er war nicht dabei gewesen, nicht eingeladen zu folgen.
Als er wenige Tage nach der Abreise das nahezu verlassene Gelände des Ordens erreichte und ihm ein niederer Diener
berichtete das sie alle aufgebrochen seien, brach er enttäuscht zusammen. Es sollte sein letzter Tag im Orden sein.
In den ersten beiden Jahren nach dem Zerfall des Ordens widmete sich Paranax mit fanatischer Konsequenz einer einzigen Aufgabe: nämlich der Suche nach Almandina.
Sie war seine Ausbilderin gewesen, seine Führung, sein Halt und über Jahre hinweg der Mittelpunkt seines Lebens.
Er hatte sie begleitet, beschützt, geschwiegen und gehandelt, in ihrem Namen und im Namen des Furchteinen.
Ihre Worte getragen und ihren Willen sowie den Willen Malions vollstreckt.Er konnte nicht begreifen, warum man ihn zurückgelassen hatte.
Und so suchte er nach Antworten, wo immer sie zu finden waren.
Paranax nutzte jede ihm mögliche Verbindung, um Hinweise auf den Verbleib zu erhalten.
Durch sein Handwerk und seinen Sammlertrieb pflegte er seit Jahren gute Beziehungen in viele der große Städte und
entlegenen Orte der Schattenwelt. Vom zwergischen Schmied, über fahrende Händler, raue Seemänner, all jene, die kamen und gingen, hörten seine Fragen.
Er suchte in Tavernen, ebenso wie in Archiven, stets hoffend, einen Namen, ein Gerücht oder eine Spur zu finden. Ein kleiner Anhaltspunkt hätte genügt.
Eine riesige, blauhäutige Wikingerin von außergewöhnlicher Erscheinung und unmöglich zu übersehen.
Ihre Präsenz hatte Räume gefüllt und beim Anblick einen jeden Fremden innehalten lassen.
Monate der Suche folgten, doch sie blieben ohne Ergebnis.
Keine Spur, auch kein verlässliches Gerücht und kein Zeichen, das Bestand gehabt hätte. Der Zweifel wuchs von Tag zu Tag an.
War er schlicht nicht würdig gewesen, den weiteren Weg mit ihr zu beschreiten?
Nicht berufen, auch nicht auserwählt und einfach zurückgelassen ohne Erklärung, ohne einen vernünftigen Abschied.
Auf diese Fragen hatte er keinen Antworten und er würde sie auch nicht mehr finden.
Denn von Trinsic, über Britain und Minoc, bis nach Düsterhafen hatte er gesucht, Leute gefragt und belauscht, doch niemand wusste etwas.
Am Ende gab er auf. Nicht nur die Suche, sondern auch sich selbst.
Sein einst unerschütterlicher Glaube begann langsam zu zerbröckeln, erst unmerklich, dann mit jedem weiteren Tag der verging, spürbarer.
Er war allein geblieben, körperlich wie geistlich, ohne eine Führung, ohne Richtung. Wie ein Schaf, zurückgelassen fern der Herde,
unfähig zu erkennen, welchen Weg es nun gehen sollte.
Im Schatten der Götterdämmerung
...Sechs Jahre nach der "Götterdämmerung".
Paranax lebte zurückgezogen in der Nähe von Cove in seinem Anwesen.
Fernab anderer Menschen und der Wege, die einst von Ordensbrüdern beschritten worden waren,
lebte er dort in stiller Selbstversorgung. Seine Tage füllten einfache Arbeiten, sein Geist jedoch war selten zur Ruhe zu bringen.
Er hielt Abstand zu Menschen ebenso wie zum Glauben, den er einst getragen hatte, und verbrachte zu viel Zeit mit seinen Gedanken.
Nur selten wurde diese Abgeschiedenheit durchbrochen, denn Ardor Deif besuchte ihn gelegentlich,
wenn seine eigenen Wege es zuließen. Dann saßen sie beisammen und erinnerten sich gerne an Shyonaru’, den den letzten großen Sitz des Ordens.
Sie sprachen von gemeinsamen Schlachten, von Nächten am Feuer mit den anderen und von einer Zeit, in der ihre Wege klar gewesen waren.
Paranax hatte gelebt, trainiert, gearbeitet und schlicht überdauert.
Er hatte Holz bearbeitet, Metallteile instandgesetzt und vieles unausgesprochen gelassen.
Innere Glaubensfragen mied er über die Jahre, so gut es ihm möglich war.
Neben all dem blieb er dem Reiche Namoths treu, jenem Landstrich,
an dem er schon lange vor seiner Zeit im Orden gelebt hatte und der nun der einzige feste Punkt war, an dem er noch Halt fand.
An einem recht trüben Morgen stand er wie so oft in seiner Schreinerwerkstatt. Ein feiner Holzstaub, aufgewirbelt vom Schleifen der Bretter,
hing in der Luft und lag auf einem Großteil der Einrichtung darin.
Mit ruhigen, geübten Bewegungen setzte er einem kleinen Nachttisch die letzten Nägel und
brachte ihn zur Vollendung. Jeder Schlag mit dem Hammer perfekt, fast gedankenlos, ein Handgriff wie so viele zuvor.
Als er fertig war, lehnte er sich gemütlich gegen die Werkbank, betrachtete das vollendete Stück und
ließ die Hände sinken. Sein Blick verharrte darauf, dann verlor er sich langsam in Gedanken und ließ in weiterschweifen,
hinüber zur Wand, wo eine Auswahl feinster geschliffener Klingen ihren festen Platz gefunden hatte, sorgsam gepflegt und stets griffbereit.
Von dort glitt sein Blick weiter, hinab zu einer der prachtvollen Kisten am Boden.
Andere standen ordentlich gestapelt in den Regalen darüber, doch seine Aufmerksamkeit verharrte einzig allein auf dieser einen.
Er stieß sich von der Werkbank ab, trat näher und öffnete sie langsam.
Eingehüllt in schwarzen Leinen, kam eine schwer vom Kampf gezeichnete Plattenrüstung zum Vorschein,
gefärbt in den dunkelgrauen Farben des Ordens und überzogen mit den Siegeln der Nok’Tau.
Daneben lagen sorgfältig von ihm gefaltete Ordensroben, ein paar
Niederschriften und verschiedene Andenken welche er mitgenommen hatte,
stumme Zeugen einer Zeit, die längst vergangen war.
Paranax kniete nieder.
Er legte die Handfläche auf den Brustpanzer und verharrte einen Augenblick, reglos, mit gesenktem Blick.
Dann ballte er die Hand zu einer Faust und schlug auf den Brustpanzer ein.
Eine einzelne Träne spiegelte sich in seinen Augen wider, ehe er den Blick abwandte.
Die Truhe wurde geschlossen, zur Seite geschoben und verborgen.
Der Krieger, welche jede Klinge meisterlich zu führen wusste,
konnte nicht weiter im Stillstand verharren, diese Zeit war vorbei.
Er nahm den fertigen Nachttisch an sich und stellte ihn vor die Türe,
verfasste eine kurze Nachricht und legte diese in die oberste Lade.
Darauf war folgendes zu lesen:
„Ardor, dein Stück ist fertig. Doch auch ich bin fürs Erste fertig hier.
Ich reise über Cove nach Düsterhafen und
werde mich erstmal unter das Volk mischen, mal sehen was die Zeit bringt.
Wir sehen uns hoffentlich in einer der Städte wieder.
Ich wünsche dir eine gute Reise, alter Freund.“
Anschliessend wandte er sich einer der großen Vitrinen im Vorzimmer zu. Darin ruhte nun über Jahre hinweg eine pechschwarz-glänzende Plattenrüstung,
gefertigt aus dem besten Material das der Berg zu bieten hatte. Rüstung und Waffen hergestellt durch die Hand des Zwergenschmiedemeisters Donnerfaust aus Umrazim,
und dem Wappen der Familie Kord. Das Schwert in der Scheide, Turmschild und Kriegsaxt auf dem Rücken,
alles hatte seinen bestimmten Platz. Gold und Proviant wurden sorgsam beisammengelegt und in einem Beutel verstaut.
Alles was er für den weiteren Weg benötigen würde. Er ledgte seinen Schmuck an und schloss die Türen des Anwesens hinter sich.
Es war Zeit den alten Staub der Vergangenheit abzustreifen und einen neuen Weg einzuschlagen.