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Der Krieg änderte sein Gesicht nicht

Jahr um Jahr, Schlacht um Schlacht, hielt der Gleichstand zwischen Malion und Ryonar an. Dämonische Heere brandeten gegen Legionen aus Licht, Festungen wurden errichtet, belagert, vernichtet und erneut aus dem vernarbten Boden Iomiens gehoben. Die Welt blieb ein Kadaver, der nicht sterben durfte, weil zwei Brüder ihn als Schlachtbank benötigten.

Doch tief unter der Erde, fernab der Frontlinien, begann sich etwas zu verschieben.

In dem Berg aus schwarzem Gestein, dessen Inneres von Lavaadern durchzogen war, arbeitete Maranos van Ascheberg weiter. Unermüdlich. Besessen. Seine Forschungen an den Portalen waren kein linearer Fortschritt, sondern ein Pfad aus Irrtum, Opfer und Erkenntnis. Viele seiner Versuche scheiterten. Manche katastrophal.

Einmal kollabierte ein Riss, bevor er stabilisiert werden konnte, und riss ein ganzes Labor in die Leere zwischen den Welten. Ein anderes Mal öffnete sich ein Übergang nur für den Bruchteil eines Herzschlags – lang genug, um etwas hindurchblicken zu lassen, kurz genug, um jede Hoffnung zu zerschlagen. Dämonen verbrannten in fehlgeschlagenen Resonanzen, Runenkreise zerplatzten, und selbst Maranos trug Narben davon, die nicht heilten.

Doch aus jedem Fehlschlag lernte er.

Langsam begannen die Berechnungen zu stimmen. Die Resonanzen wurden stabiler. Die Welt selbst reagierte – widerwillig, knirschend, als würde sie sich gegen das Aufbrechen wehren. Maranos erkannte Muster: Die Schattenwelt antwortete anders als andere Sphären. Sie war näher. Verwundeter. Zugänglicher.

Und genau das blieb nicht unbemerkt.

Ryonars Gefährten spürten es zuerst. Seine Hohepriester, seine Lichtboten, Wesen, die an die Struktur der Realität gebunden waren. Sie fühlten das Ziehen, das Kratzen an den Grenzen Iomiens. Berichte häuften sich, von verzerrter Magie, von Flammen, die sich weigerten zu erlöschen, von Schatten, die sich falsch bewegten.

Ryonar selbst schwieg lange.

Doch als Maranos den entscheidenden Durchbruch erzielte,
blickte der Gott hinab.

Das Portal öffnete sich nicht explosionsartig. Es riss sich auf wie eine Wunde, langsam, schmerzhaft, begleitet von einem tonlosen Schrei der Welt. Für einen Atemzug – dann für mehrere – war sie da: die Schattenwelt. Nicht klar, nicht greifbar, aber real. Ein Pfad. Ein Weg hinaus.

Maranos stand im Zentrum des Rituals, die Hände erhoben, das Gesicht von Licht und Feuer gezeichnet. Er wusste, dass dies der Moment war. Für Malion. Für den Krieg. Für alles.

Dann bebte der Berg.

Nicht durch Magie.
Durch Willen.

Ryonar kam nicht mit einem Heer. Er kam selbst.

Der Himmel über dem Berg zerriss. Licht bohrte sich durch Stein, göttliche Macht traf auf dämonische Siegel, und für einen Moment widerstand das Bauwerk – dann brach es. Der Berg explodierte von innen heraus, Gestein, Lava und Magie wurden in die Luft gerissen. Festungen an seinen Flanken verdampften. Dämonen schrien und vergingen.

Maranos spürte keinen Schmerz. Nur Gewalt.

Die Rituale brachen. Das Portal kollabierte. Etwas riss ihn fort – ein Stoß, stärker als jede Explosion, als hätte ihn eine Hand aus reiner Existenz erfasst und fortgeschleudert. Seine Sinne versagten einer nach dem anderen. Geräusche wurden zu Druck. Licht zu Hitze. Gedanken zu Fragmenten.

Er wusste nicht mehr, wo oben war.
Oder unten.
Oder wann.

Zwischen Leben und Tod schwebend, unfähig zu sehen oder zu fühlen, nahm er nur noch Bruchstücke wahr: das Heulen der Luft, das Reißen der Welt, das ferne, triumphlose Dröhnen göttlicher Macht. Dann nichts mehr – nur Schwärze, die sich wie ein Schleier über alles legte.

Ein letzter Eindruck blieb.

Der Aufprall.

Ein Einschlag, als würde ein Feuerball den Boden treffen, alles erschütternd, alles verzehrend. Maranos wusste nicht, wo er war. Ob er gefallen oder geworfen worden war. Ob er noch in Iomien lag oder längst woanders.

Dann wurde auch dieser Gedanke ausgelöscht.

Schwarz schloss sich um ihn.

Und mit dem Verlust seines Bewusstseins endete nicht der Krieg –
sondern nur sein Wissen darüber,
wo er nun lag und welche Welt ihn als Nächstes empfangen würde.

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