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Eine letzte Expedition

Bareti

Ich saß auf den Stufen der Taverne. Nicht aus Sentimentalität – die Stufen waren schlicht der einzige Ort, an dem ich gleichzeitig denken, lesen und die Straße im Blick behalten konnte. Der Tisch im Schankraum war zu groß für Grübeleien, der Tresen zu ehrlich, und oben in den Zimmern hätte ich am Ende nur angefangen aufzuräumen. Das war ein sicheres Zeichen, dass ich etwas verdrängte.

Die Taverne war still. Nicht diese angenehme, geschäftige Ruhe zwischen zwei Abenden, sondern eine Stille, die blieb, auch wenn man sich bewegte. Schritte klangen darin fremd, fast unhöflich. Ich hatte mir angewöhnt, von der Taverne fast als eigenes Lebewesen zu denken. Nur zu denken, ich wagte es nicht, es gegenüber anderen auszusprechen. Allerdings gab es da auch fast Niemanden mehr. Und solange die Taverne still war, lebte sie noch. Sie atmete, nur eben sehr flach.

Der Bericht lag ungeöffnet in meinen Händen. Schwerer, als ein paar beschriebene Seiten eigentlich sein dürften. Ich merkte, dass ich meine Gedanken mit Absicht in andere Richtungen lenkte. Ich schien den Bericht nicht öffnen zu wollen. Vermutlich aus irgendeinem Gefühl der Angst, Angst, dass die Expedition keine Erleuchtung brachte, keinen neuen Weg aufzeigte.

Dabei war ich ehrlich erleichtert, ihn endlich zu haben. Wochenlang hatte ich gerechnet, verglichen, Gespräche geführt, Hinweise gesammelt, Muster gezeichnet, wieder verworfen. Zu viele davon hatten sich als Zufall entpuppt, zu wenige als belastbar. Die Expedition war kein verzweifelter Akt gewesen, auch wenn man mir das später vielleicht unterstellen würde. Sie war logisch, notwendig und weit überfällig. Wenn diese Welt noch Antworten zu bieten hatte, dann lagen sie nicht mehr in Bibliotheken oder Archiven.

Arven Caldor hatte sie angeführt. Ich hatte ihn als vernünftig und umsichtig kennengelernt. Jemand der nicht wollte, dass man ihn als Held in Erinnerung behielt, oder gar als Märtyrer. Er hatte nie von einem Gegenschlag gesprochen, nur von Erforschung und Beobachtung, von Grenzen, von dem, was man messen konnte, bevor es verschwand. Genau deshalb hatte ich ihm vertraut. Helden sterben zu schnell. Arven plante Rückwege.

Ich hatte erwartet, endlich Antworten zu bekommen. Vielleicht keine guten. Aber welche, mit denen man arbeiten konnte. Neue Variablen. Neue Zusammenhänge. Irgendetwas, das mehr war als dieses dumpfe Gefühl, dass uns die Zeit davonlief, ohne überhaupt noch zu wissen, in welche Richtung. Vielleicht nur ein kleiner Hinweis auf einen Weg, den wir alle jetzt schon so lange suchten.

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Ich schlug den Bericht auf und schon nach den ersten Zeilen wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.

Es war kein Bericht im eigentlichen Sinn. Keine saubere Chronologie, keine klaren Schlussfolgerungen von Arven. Es war ein Nachhall, Fragmente, Abbrüche. Stellen, an denen Worte fehlten – nicht weil niemand sie aufgeschrieben hatte, sondern weil sie offenbar niemand mehr hatte finden können. Sätze endeten dort, wo früher Begriffe gestanden hätten. Beobachtungen wurden abgebrochen, als hätten sie sich selbst nicht mehr getraut.

Die Expedition war nicht gescheitert, sie war zerbrochen.

Arven Caldor war tot. Das stand dort nüchtern, fast beiläufig, eingebettet zwischen zwei unscheinbaren Absätzen. Kein Ort. Kein Zeitpunkt. Nur die Feststellung, dass er gefallen war, lange bevor der Rückzug begann – falls man das, was folgte, überhaupt so nennen konnte. Kein Nachwort. Keine Würdigung. Als hätte selbst der Bericht akzeptiert, dass Worte hier keinen Halt mehr fanden.

Von den übrigen Teilnehmern kehrte nur ein Teil zurück.

Die Namen las ich zweimal. Manche kannte ich. Einige nur flüchtig. Bei zweien erinnerte ich mich an Gespräche hier in der Taverne, an Stimmen, an Gesten. Keiner von ihnen war der Mensch, den ich ausgesandt hatte. Die Randnotizen sprachen von Blicken, die nicht mehr verweilten. Von Stimmen ohne Farbe. Von Menschen, die aßen, weil man ihnen etwas hinstellte, und schliefen, weil sie umfielen. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus Abwesenheit. Die unzusammenhängenden Texte zeichneten ein klares Bild vor meinem inneren Auge. Von verlorenen Geistern, die nur noch nicht gegangen sind. Ich hatte derartiges bereits mehrfach gesehen, seit die Schatten in unsere Welt gedrungen waren.

Ich blickte wieder auf den Bericht. Ein Abschnitt war mehrfach korrigiert worden. Durchgestrichen, neu angesetzt und wieder verworfen. Dort ging es um etwas, das man nicht benennen konnte. Um Zonen, in denen Geräusche falsch zurückkehrten. Um Orte, an denen Schatten nicht länger an Körper gebunden waren. Ich klappte den Bericht an dieser Stelle zu, ich brauchte einen Moment um zu reflektieren, welches Bild der Bericht zeichnete.Ich legte ihn kurz beiseite und starrte durch die Türen in den Schankraum.

Vor nicht allzu langer Zeit waren mitten in Moonglow sämtliche Dunkelelfen verschwunden. Nicht geflohen. Nicht angegriffen. Einfach fort. Als hätte jemand eine Hand über ein Stück Welt gelegt und es herausgeschnitten, sauber und ohne Blut. Zurück blieb Leere – und Fragen, die niemand mehr stellte, weil es niemanden gab, der sie beantworten konnte.

Danach verschwanden weitere Lebewesen. Tiere. Einzelne Menschen. Ganze Gruppen. Ohne die bekannten Zeichen, welche die Schatten hinterließen. Ohne Kampf oder Spuren. Man sprach von Übergängen, von Rissen, von Zufällen. Worte, die beruhigen sollten und genau das Gegenteil taten.

Und dann Britain.

Der Schattenvorfall dort… ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken. Es reichte zu wissen, dass er passiert war. Dass selbst alte Mauern und gut verteidigte Straßen nicht mehr bedeuteten, was sie einmal bedeutet hatten. Dass etwas durchgekommen war, das nicht hätte durchkommen dürfen.

Deswegen war diese Expedition so wichtig! Für die Taverne, für die Menschen, für die Überlebenden und Moonglow. Und nun dies.

Ich nahm den Bericht wieder auf. Meine Hände zitterten nicht. Das irritierte mich fast mehr als alles andere. Ich hatte immer geglaubt, an diesem Punkt würde Panik einsetzen. Oder Wut. Oder wenigstens diese unangenehme Mischung aus beidem. Stattdessen war da nur Klarheit, kühl, scharf und unerbittlich.

Die Schatten breiteten sich weiter aus. Aggressiv und zielgerichtet. Sie nahmen, was sie greifen konnten, und ließen Hüllen zurück. Aber sie waren nur ein Teil des Problems. Daneben gab es diese Risse, diese Übergänge. Diese kalten Lücken, in die Menschen einfach verschwanden, ohne Kampf, ohne Widerstand, ohne Abschied. Bislang gab es wenige Brichte, die davon erzählten, was vorgefallen war. Tatsächlich waren die Schatten wenigstens ein Feind, den man bekämpfen konnte. Den man bezwingen konnte. Aber dieser andere unsichtbare Feind war schwerer zu begreifen. Es schien, als würden einige Wesen einfach jeden Rückhalt verlieren und sich entscheiden ... zu vergehen. Als würde ihr innerer Antrieb sterben und in diesen Momenten schien die Welt selbst, ihnen einen Ausweg zu bieten. Eine Reise ohne Wiederkehr. Bislang hatte ich nur mit einem einzigen Augenzeugen eines solchen Vorfalls sprechen können und dieser Bericht ließ mir fast das Blut in den Adern gefrieren.

Der Mann hatte erzählt, dass er und ein weiterer Holzfäller beobachtet hatten, wie der alte Fischer auf eine Art Riss in der Welt zu lief. Kein Portal, wie wir Magier sie so gerne nutzen, sondern eine Art Loch, etwas ohne Ausgang. Der Fischer erblickte es und stand auf und ging direkt darauf zu. Er hielt nicht einmal kurz inne und verschwand einfach. Der andere Holzfäller wollte nachsehen was das war und eilte dem Fischer hinterher und plötzlich ließ er seine Axt fallen und ging, den Rufen des Augenzeugens zum Trotz, einfach auf den Riss zu, ohne zu zögern oder innezuhalten. Der Zeuge rannte so schnell er konnte zur Wache, aber Niemand konnte noch etwas entdecken und selbst magische Bannkreise zeigten keinerlei Spuren von vergangener Magie.

Zwei Arten zu verlieren und keine davon ließ sich aufhalten.

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Ich hatte geglaubt, verstehen zu können. Geglaubt, dass Erkenntnis zumindest Handlungsspielraum schuf, dass Wissen Zeit erkaufte. Aber während ich auf den Stufen der Taverne saß, den Bericht in den Händen, wurde mir etwas klar, das ich bis dahin sorgfältig umgangen hatte, eine Wahrheit, die ich mir nicht eingestehen wollte:

Diese Welt war nicht dabei, gerettet zu werden, sie war dabei, aufgegeben zu werden. Nicht von heute auf morgen. Nicht aus Feigheit. Sondern Stück für Stück, weil immer weniger Gründe blieben, hier zu sein.

Ich blieb noch eine Weile sitzen. Nicht weil ich nicht wusste, was zu tun war – sondern weil es nichts mehr gab, das sinnvoll gewesen wäre. Jeder Schritt, jede Reaktion die ich mir vorstellen konnte, endete im selben Ergebnis, nur auf unterschiedlichen Wegen.

Die Taverne hinter mir knarrte leise, doch ich schenkte dem Geräusch zunächst keine Beachtung.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies der Moment war, in dem ich zum letzten Mal glaubte, allein zu sein.

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