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Eine raue Ankunft

Bareti

Meine Hand lag noch auf dem Tresen.

Das Holz unter meiner Haut fühlte sich warm an, nicht durch Magie, sondern aus Nähe. Für einen Moment blieb ich stehen, lauschte und versuchte meine Umgebung wahrzunehmen. Ich sah kein Flimmern mehr, keine Veränderung der Luft, kein fernes Echo der Fragmente. Die Taverne war wieder still – keinesfalls leer, aber wieder zur inneren Ruhe zurückgekehrt.

Ich ließ den Blick durch den Schankraum wandern. Diesen Raum, der so vertraut und zeitgleich so anders war.

Der Kamin brannte ruhig, doch die Steine wirkten klarer, als seien sie von allem Überflüssigen befreit worden. Der Kraken über dem Kamin hing unverändert, und doch hatte ich das Gefühl, er sähe schärfer aus, als sei die Form präziser geworden. Der Tresen war deutlich anders, aber es fiel mir schwer es in Worte zu fassen, was genau sich verändert hatte. Die Oberfläche wirkte unverändert, aber das Zierholz war teilweise völlig erneuert.

Ich ging langsam zwischen den Tischen hindurch, strich mit den Fingern über eine Lehne, prüfte unbewusst die Festigkeit der Balken. Alles war schwer. Greifbar. Wirklich.

Erst dann erblickte ich Melion.

Er hatte sich auf eine der Bänke beim Kamin gezogen und schien sich zu sammeln. Die Hände locker ineinander verschränkt, der Blick klar, wenn auch noch von einem Rest Staunen getragen. Kein Schmerz, keine Schwäche verzerrten sein Antlitz. Er nickte mir zu, kaum merklich.

Lirael stand nahe der Treppe, die Schultern angespannt, doch aufrecht. Ihr Atem war ruhig geworden. Sie schien die Reise gut überstanden zu haben, auch wenn überzeugt war, dass sie eben noch am Boden lag. Als sich unsere Blicke trafen, lag in ihren Augen keine Angst, sondern Wachsamkeit – und etwas, das ich als Zustimmung deutete.

Ich atmete tief ein.

Die Taverne war nicht mehr im Übergang. Sie war angekommen und die eigentliche Reise lag hinter uns, auch wenn wir alle wussten, dass so vieles jetzt noch vor uns lag.

Erst jetzt wandte ich mich der Tür zu. Ich hatte es unbewusst herausgezögert, aber diese Welt,, die uns aufgenommen hatte, wartete sie jenseits dieser Schwelle. Eine möglicherweise feindselige Welt, oder eine mit gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten. 

Ich legte die Hand auf die Klinke und fühlte. Keine Vibration. Kein Widerstand.

Ich drückte langsam die Klinke herab und öffnete die stets unverschlossene Tür der Taverne. Zum ersten Mal in dieser Welt.

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Die Tür der Taverne hatte sich stets dem Wald entgegen geöffnet. So war es gewesen als ich sie fand und so war es als sich die Tür zuzog und die Taverne uns ins Unbekannte brachte. Selbst als die Taverne einen Umweg nahm um Lirael abzuholen, war es Wald und Bäume, die mein Blick erfasste. Aber jetzt war da etwas Wiese und ... Wasser. Soviel Wasser.

Nördlich der Taverne dehnte sich eine flache Lagune aus – eine stille Meeresbucht, vom offenen Wasser nur durch einen schmalen Durchlass getrennt. Ihre Oberfläche lag ruhig im hellen Licht eines frühen Frühlings. Weiter dahinter verengte sich der Meeresarm, dort, wo das Salz unaufdringlich in das Süßwasser griff. Die Ufer waren noch karg, doch zwischen dem Gras zeigten sich bereits junge Triebe, vorsichtige Zeichen eines Neubeginns. Das Licht war weich, beinahe milde, als wolle es uns nicht blenden, sondern willkommen heißen.

Ich trat hinaus, der Boden unter meinen Stiefeln war fest. Kein Nachgeben, kein Zittern. Erde, Gras, kleine Steine. Wirklichkeit.

Kein Schatten folgte uns. Kein Riss im Himmel. Kein drohendes Grollen, lediglich ein feiner Wind der ruhig durch die Gräser zog. Ein ehrlicher, unaufgeregter Wind, der vom Wasser heraufzog und nach Salz und frischem Holz roch. Er strich durch mein Haar, kühlte die letzten Spuren der Anspannung in meinem Nacken und erinnerte mich daran, dass ich atmete. Dass wir lebten.

Erst als ich den Blick weiter schweifen ließ, bemerkte ich im Süden ein Gebäude. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was ich sah.

Eine Taverne, oder das, was von ihr geblieben war.

Sie war nicht zerstört, nicht zerborsten, nicht in Flammen aufgegangen. Es wirkte vielmehr, als sei sie zur Seite gedrückt worden, als hätten sich zwei Wirklichkeiten für einen Augenblick überlagert und seien dann nicht vollständig zur Deckung gekommen. Ein Balken war gesplittert, ein Teil des Daches abgesackt, eine Wand leicht versetzt. Kein Einschlag. Keine Verwüstung.

Eine Verdrängung.

Ich sah über meine Schulter zurück auf unser Gebäude.

Unsere Taverne.

Sie stand dort, massiv, vollkommen weltlich. Kein Leuchten lag auf dem Holz. Keine Aura umgab die Balken. Sie wirkte schwer, greifbar, beinahe gewöhnlich. Hätte ich nichts von ihrer Natur gewusst, ich hätte sie für ein Gebäude gehalten wie jedes andere.

Und doch wusste ich, was sie war.

Melion trat neben mich, schweigend. Lirael blieb einen Schritt zurück, aufmerksam, wachsam, aber nicht alarmiert. Auch sie spürten es – diese seltsame Normalität, die wie eine Decke über allem lag.

Ich ging einige Schritte nach Süden.

Mit jedem Schritt wurde deutlicher, dass wir nicht im Niemandsland gelandet waren. Die Grasflächen waren nicht unberührt, hier und da führten alte Trittspuren durch das Gelände. Es war kein Ort der Wildnis, sondern einer, der genutzt worden war.

Je näher ich der beschädigten Taverne kam, desto deutlicher erkannte ich ihre Vertrautheit. Der Grundriss, die Lage zur Küste, die Ausrichtung zur Straße – und dann sah ich sie.

Die Straße.

Nicht so belebt wie in unserer Wirklichkeit. Keine Häuser die weiter weg standen, keine Händlerstände, keine Stimmen, die über das Wasser hinweggetragen wurden. Doch der Verlauf war derselbe. Der Schwung des Weges, der Abstand zur Küste, der leichte Anstieg nach Westen.

Langsam, beinahe zögernd, formte sich die Erkenntnis.

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Dieser Ort trug in unserer alten Welt einen sehr bekannten Namen.

Taverne.

Ich musste leise lächeln, ausgerechnet hier. Nicht mitten im Nirgendwo. Nicht auf einer einsamen Insel. Nicht verborgen zwischen Bergen.

Hier.

Wo bereits eine Taverne gestanden hatte.

Vielleicht war es Ironie. Vielleicht Absicht. Vielleicht nur ein Geflecht aus Möglichkeiten, das sich selbst korrigierte. Vielleicht hatte die Welt selbst beschlossen, dass es einfacher war, eine Taverne durch eine andere zu ersetzen, als sie irgendwo neu einzufügen.

Ich trat an die beschädigte Wand heran und legte die Hand auf das Holz. Es war kalt, aber nicht tot. Hier hatte Geschichte stattgefunden. Begegnungen, Gespräche, Abschiede. Gelächter. Streit. Vielleicht auch Stille.

Ich stellte mir den Wirt vor, der hier gestanden hatte. Vielleicht war er gerade unterwegs gewesen. Vielleicht hatte er nur kurz das Gebäude verlassen. Es war seltsam, einen Ort zu betreten, der noch vor Augenblicken ein anderer Mittelpunkt gewesen war.

Und nun stand unsere Taverne nördlich davon.

Als Eroberer? Oder als Nachfolger? Oder nur als eine weitere Möglichkeit?

Ich atmete tief ein.

Kein Schuldgefühl lastete auf mir, nur Verantwortung. Was geschehen war, war nicht mit Gewalt geschehen. Und doch war es geschehen. Unsere Ankunft hatte Spuren hinterlassen, auch wenn sie lautlos gewesen war.

Ich wandte mich wieder nach Norden, dorthin, wo unsere Taverne vor dem Wasser im Licht lag und der Wind vom Meer herüberzog. Die junge Welt vor uns wirkte weder bedrohlich noch einladend. Sie war einfach da.

Erleichterung breitete sich in mir aus, langsam, aber deutlich. Nicht die Erleichterung eines entkommenen Opfers, sondern die eines Menschen, der begreift, dass eine Entscheidung hinter ihm liegt. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, gejagt zu werden. Keine unsichtbare Präsenz griff nach dem Horizont.

Die alte Welt mochte gefallen sein oder noch kämpfen – ich wusste es nicht. Und zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich es nicht wissen.

Doch ich wusste, dass wir nicht zufällig hier standen.

Die Taverne hatte uns nicht gerettet, um uns zu verstecken.

Sie hatte uns versetzt.

Und nun stand sie da wie jedes andere Gebäude, als sei sie nie mehr gewesen als Holz und Stein. Vielleicht war genau das ihre größte Stärke.

Ich sah Melion und Lirael an, als ich wieder zu ihnen trat. Beide waren offenbar noch dabei sich zu sammeln.

„Dann sehen wir einmal, was diese Welt für uns bereit hält“, sagte ich ruhig.

Kein Pathos lag in meinen Worten. Nur Neugier. Und eine leise Vorfreude, die ich lange nicht mehr gespürt hatte.

Vielleicht wartete diese Welt nicht auf uns.

Aber sie hatte uns.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit freute ich mich auf das, was kommen mochte.

Wir wandten uns nicht zurück in das Gebäude, das war nicht nötig, die Taverne war nicht hierher gekommen um wieder zu verschwinden, sie war gekommen um einen Platz in der Welt einzunehmen. Sie war gekommen um ihren Platz einzufordern und sie würde ihn nicht so einfach aufgeben.

Wir gingen hinaus – nicht als Flüchtlinge, sondern als Ankommende.

Die Reise war beendet.

Das Abenteuer begann.

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