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Entankern

Bareti

Wir standen noch mit den Gläsern in den Händen, als der erste Wandel einsetzte, und doch wäre es unzutreffend gewesen, diesen Moment als „Ereignis“ im herkömmlichen Sinne zu bezeichnen. Nichts zerschnitt die Stille, kein Beben durchlief die Balken, kein Sturm erhob sich, um den Übergang dramatisch zu markieren. Was geschah, entzog sich gerade durch seine Zurückhaltung der eindeutigen Einordnung. Es war vielmehr ein kaum messbarer Versatz, ein subtiles Neujustieren der Wirklichkeit, als hätte der Raum selbst seine Koordinaten für einen Atemzug freigegeben und anschließend in veränderter Ordnung wieder angenommen.

Ein feiner Druck legte sich auf meine Ohren, nicht schmerzhaft, sondern irritierend, wie das leise Echo eines Gedankens, der nicht der eigene ist. Das Licht im Schankraum erschien mir für einen Moment neu gewichtet, nicht heller oder dunkler, sondern in einer Weise verschoben, die jeder natürlichen Beschreibung widerstand. Schatten standen nicht länger dort, wo ich sie erwartete, und doch hatten sie ihre Position kaum verändert. Der Boden unter meinen Füßen blieb fest, doch er fühlte sich nicht mehr selbstverständlich an. Es war, als habe er seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Welt für den Bruchteil einer Sekunde suspendiert.

Melion begegnete meinem Blick, und in seinen Augen lag dieselbe Frage, die auch in mir aufstieg: War dies bereits der Übergang, oder nur dessen Vorbote?

„War das schon alles?“, fragte er leise, beinahe respektvoll, als fürchte er, etwas durch Worte auszulösen, oder zu stören. Ich wusste keine Antwort und dieses Nichtwissen war keine Schwäche, sondern eine angemessene Reaktion auf etwas, das sich der linearen Logik entzog. 

Langsam wandte ich mich der Tür zu. Wenn wir tatsächlich bereits versetzt worden waren, musste sich jenseits der Schwelle ein Indiz dafür finden lassen, ein Zeichen, dass Moonglow nicht länger die Taverne und damit auch uns, beheimatete. Ich legte die Hand auf die Klinke, spürte die Kühle des Metalls unter meinen Fingern, das vertraute Gewicht der Bewegung, und öffnete.

Was ich sah, war weder ein fremder Himmel noch eine andere Welt, oder die seltsame graue Leere, die ich vor Melions erscheinen durch die Fenster gesehen hatte. Es war Wald.

Kein Meer, keine vertraute Küste, kein Hain, wie ich ihn kannte, sondern ein dichter, atmender Wald, dessen Grün dunkler und gesättigter wirkte als jede Erinnerung. Das Licht fiel gefiltert durch ein geschlossenes Blätterdach, und in der Luft lag der schwere, fruchtbare Geruch von Erde, Harz und feuchtem Holz. Für einen Augenblick stellte ich mir die Frage, ob wir uns tatsächlich bewegt hatten oder ob vielmehr die Welt selbst um uns herum eine minimale Verschiebung vollzogen hatte.

Soweit ich es erkennen konnte, stand die Taverne jetzt unvermittelt mitten auf einer Lichtung in einem der schönsten und lebendigsten Wälder, die ich je gesehen hatte. Der Eingang zeigte fast direkt auf einen kleinen Pfad, der fast unsichtbar zwischen den Baumstämmen lag. Während ich mich noch über diesen seltsamen Sprung wunderte, regten sich die Schatten zwischen den Bäumen und eine Gestalt kam den Pfad im Unterholz direkt auf uns zu.

Lirael.

Sie trat aus dem Halbdunkel hervor, schneller, als sei sie einer unsichtbaren Grenze entkommen. Ihr Atem ging unruhig, ihr Blick war wach und zugleich irritiert, als müsse sie die Realität um sich herum erst neu einordnen. Sie sah sich um, als erwarte sie, dass hinter ihr etwas aufbrechen oder sich schließen würde, als sei sie eben noch an einem Ort gewesen, der keine Kontinuität versprach. Als ihr Blick auf die Taverne fiel, verharrte sie für einen Herzschlag, als müsse sie begreifen, wie ein Gebäude, das zuvor nicht existiert hatte, nun selbstverständlich zwischen den Bäumen stand. Oder wie es überhaupt sein konnte, dass irgendein Gebäude in diesem dichten Wald stand, geschweige den eines, dass sie so gut kannte, wie unsere Taverne.

Ich blicke Lirael entgegen und trat aus der Tür, um ihr Platz zu machen.

„Komm“, sagte ich ruhig, es lag keine Erklärung in meinem Ton, kein Versuch der Rechtfertigung, nur Gewissheit. Ich hätte meiner lieben Freundin in diesem Moment keine Erklärung liefern können. Aber ich konnte ihr Gewissheit vermitteln. Gewissheit, dass dies real und richtig war.

Lirael zögerte kaum. Ob es Instinkt war, Vertrauen oder die schlichte Notwendigkeit eines geschützten Raumes, vermochte ich nicht zu sagen. Sie überschritt die Schwelle, und in diesem Schritt lag mehr Entscheidung, als Worte hätten ausdrücken können. Es war kein Eintritt in ein Gebäude, sondern ein Übergang in einen Zusammenhang.

Ich reichte ihr mein Glas, welches sie ohne Frage entgegen nahm. Die Finger ihrer Linken schlossen sich darum, als suche sie darin Halt. Ich griff nach der Flasche Thal'nyssa, deren Inhalt nun deutlicher schimmerte, als sei das Licht darin nicht bloß Reflexion, sondern innere Substanz. Das Leuchten war nicht aggressiv, nicht blendend, sondern konzentriert, beinahe wissend, als trüge es Erinnerung in sich.

Lirael hob das Glas und nahm einen tiefen Schluck.

In exakt diesem Augenblick schloss sich die Tür hinter ihr von selbst. Ohne Knall, ohne Windstoß, ohne jede sichtbare Ursache. Das Holz fiel schlicht ins Schloss, als sei es nie anders gewesen, als habe die Taverne lediglich einen Kreis vollendet und sei nun bereit, weiterzuziehen.

Und diesmal blieb es nicht bei einem bloßen Versatz.

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Die Luft im Raum verdichtete sich spürbar. Das Licht gewann an Kontur, während zugleich jedes Geräusch seine Tiefe verlor. Das Knistern im Kamin verstummte, ohne dass die Flammen erloschen, und selbst unser Atem klang gedämpft, als würde er nicht länger von Wänden, sondern von etwas Weitläufigerem aufgenommen. Der Raum schien sich nicht zu bewegen, sondern sich von etwas zu lösen. Der Boden unter meinen Füßen war nicht instabil, sondern entkoppelt, als habe er aufgehört, Teil einer bestimmten Wirklichkeit zu sein. Man spürte die Resonanz die ein Boden ausstrahlt in der Regel nie, bis zu dem Zeitpunkt, wo dieses Gefühl der Verbundenheit plötzlich verschwindet.

Ich empfand keine Furcht. Was sich vollzog, war nicht bedrohlich. Ich hatte ein unerklärliches Vertrauen in dieses Gebäude. Ich wusste, fühlte, dass die Taverne uns mitnehmen wollte und sich irgendwie bewusst war, dass der Übergang uns keinen Schaden zufügen würde.

Um uns herum begann sich das Gebäude selbst zu verändern. Der Tresen veränderte sich, die Ornamente, welche Thorian an einem freien Nachmittag ins Holz geschnitzt hatte, vertieften sich, wandelten sich. Sie zogen sich zusammen, als die Oberfläche schrumpfte und eine neue Länge annahm. Kerben verschwanden, Ornamente glätteten sich, und das Holz nahm eine klarere, beinahe archetypische Form an. Der Kamin erneuerte sich nicht im Sinne einer Reparatur, sondern schien sich zu verjüngern. Die Steine wirkten jünger, weniger gezeichnet von Zeit, als seien sie in einen Zustand zurückgeführt worden, der ihrer ersten Setzung näherstand. Selbst die Krake über dem Kamin schien neu aufzuleuchten, als würde die Taverne selbst, sich an ihren früheren Glanz erinnern.

Dann veränderten sich die Wände. Die Fenster änderten ihr Aussehen und ihre Position. Einige fielen in sich zusammen, andere vereinten ihre Flächen zu größeren Durchlässen. Man hätte behaupten können, dass die Taverne vor unseren Augen schrumpfte, doch das würde der Wahrheit nicht sehr nahe kommen.

Vielmehr schien sie sich zu konzentrierten, als sei sie auf ihre Essenz reduziert worden, auf jene Form, die unabhängig von Ort und Zeit Bestand haben konnte.

Dann erschienen die Fragmente.

Nicht durch die Fenster, nicht an einem bestimmten Punkt im Raum, sondern überall zugleich. In der Luft, zwischen uns, über dem Boden schwebten Scherben von Wirklichkeit, lichtdurchlässig und doch erfüllt von Bildern. Jede einzelne trug eine Möglichkeit, eine Variante einer Welt, eine Ausprägung dessen, was hätte sein können oder noch werden mochte.

Ich sah einen Yew-Wald von solcher Gesundheit, dass das Licht darin wie flüssiges Gold wirkte. Zwischen den Stämmen bewegten sich Elfen in großer Zahl, ruhig und unversehrt. Niniel stand unter ihnen, nicht unsicher, nicht suchend, sondern eingebunden in eine Gemeinschaft, die sie immer gesucht hatte. Ihr Gesicht war offen, ihr Blick frei von jeder Anspannung.

Das Bild wirbelte umher und verschwand aus meinem Blick. Es war wie ein kurzer Blick in eine Zeit, die es geben konnte, ohne klar zu sagen, ob es eine andere Gegenwart, eine ferne Vergangenheit oder eine mögliche Zukunft war.

Ein Riss durchzog eine andere Scherbe, die in mein Blickfeld geriet. Eine Gestalt erschien unter dem Riss, fiel. Nicoletta. Der Fall war unerbittlich, der Fels hart, das Meer gleichgültig. Kein Eingreifen, kein zweiter Versuch, nur der Moment der Unumkehrbarkeit. Ich zwang mich, hinzusehen, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Respekt vor der Realität dessen, was war.

Diese Scherbe brach vor meinen Augen. Vielleicht war dies nur eine Art, wie die Scherben aus dem Blick verschwanden, aber mir erschien es in diesem Augenblick, wie eine klare Aussage in dieser unwahrscheinlichen Reise. Nicoletta war verloren.

Ein weiteres Fragment zeigte einen gewaltigen Steinkreis tief unter der Erde. Runen glühten in ruhigem, schwerem Licht. Ulaf stand mit beiden Händen auf einem Kristall, als stemme er etwas Unsichtbares zurück. Er wirkte nicht verloren. Er wirkte notwendig, als sei sein Widerstand Teil eines größeren Gleichgewichts, das sich jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung vollzog.

Dann erschien unsere Welt. Es war keine Vermutung, sondern dunkle Gewissheit.

Eine dunkle Scherbe, von Rissen durchzogen. Schatten lagen nicht nur in ihr, sondern griffen von außen nach ihrer Oberfläche. Eine unfassbare Präsenz näherte sich, berührte sie, als prüfe sie ihre Widerstandskraft. Für einen Moment schien es, als würde sich das Fragment unter diesem Druck wölben.

Bevor ich erkennen konnte, ob es zerbrechen oder standhalten würde, verschwand das Bild.

Ich atmete langsam aus, als hätte ich selbst für einen Augenblick den Atem angehalten. Ich wollte nach meinen Begleitern sehen, sehen, wie sie diese unglaublichen Bilder verarbeiteten, doch ich erkannte, dass sie vermutlich etwas anderes sahen.

Melion stand nur wenige Schritte entfernt und war völlig still. Sein Blick galt nicht den Fragmenten die um uns herumwirbelten, sondern etwas, das sich meiner Wahrnehmung entzog. Vielleicht sah er nicht Welten, sondern Strukturen, nicht Ereignisse, sondern Zusammenhänge.

„Sie bewegt sich nicht“, sagte er schließlich, leise, beinahe staunend, aber auch irgendwie abwesend. „Alles andere tut es.“

Ich verstand, was er meinte, auch wenn ich es nicht in derselben Weise sah. 

Die Taverne war kein Schiff, kein Transportmittel. Sie war ein Fixpunkt im Geflecht der Möglichkeiten, ein Knoten in einem Netz, das nicht aus Linien, sondern aus Relationen bestand.

Bevor ich weiter über das Wesen der Taverne nachgrübeln konnte, schob sich eine weitere Scherbe in mein Blickfeld, leiser als die anderen und doch von einer Intensität, die mir den Atem nahm. Ich sah ein Haus in Jhelom, schlicht und vom Wind gegerbt, und dahinter einen kleinen Garten, in dem das Licht weich auf frisch umgegrabene Erde fiel. Dort saß Mia. Nicht das Kind, das ich einst in meine Obhut genommen hatte, nicht das schmale Mädchen mit zu großen Fragen in den Augen, sondern eine junge Frau, deren Haltung Ruhe und Selbstgewissheit ausstrahlte. Ihr Haar fiel länger über ihre Schultern, ihr Gesicht trug Züge, die mir vertraut und zugleich fremd waren, gereift wie mein eigenes Spiegelbild in den vergangenen Jahren. Vor ihr stand eine Staffelei, und mit bedächtigen Bewegungen führte sie den Pinsel über eine Leinwand, als hielte sie einen Moment fest, den niemand außer ihr verstand. Sie wirkte nicht verloren, nicht suchend, sondern angekommen, als habe sie ihren eigenen Ort in der Welt gefunden, unabhängig von mir. Für einen schmerzhaften Augenblick fragte ich mich, ob ich sie verlassen hatte oder ob sie mich längst überholt hatte. Dann glitt auch dieses Bild davon, nicht zerbrechend wie das andere, sondern sich entziehend wie eine Möglichkeit, die nicht für meine Hände bestimmt war.

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Die Fragmente verlangsamten sich, verblassten und lösten sich auf, als hätten sie ihre Funktion erfüllt. Das Licht im Raum wurde wärmer, dichter, als würde sich die Taverne in eine neue Position einschmiegen. Der Druck in der Luft ließ nach, nicht abrupt, sondern allmählich, wie das Zurückweichen einer Flut.

Während mir Tränen über die Wangen liefen, sah ich, dass Melion und auch Lirael zu Boden gesackt waren. Ich konnte nicht erkennen ob sie Ohnmächtig oder nur überwältigt waren aber die Veränderung der Umgebung ließ mir keine Wahl, nach ihnen zu sehen.

Vielleicht war es unvermeidlich, dass ein sterblicher Körper auf eine solche Verschiebung reagierte, selbst wenn die Seele bereit zu sein glaubte. Oder die beiden hatten ihre eigenen Offenbarungen gesehen und mussten diese Einblicke nun ebenfalls verarbeiten.

In diesem Moment veränderte sich nicht die Luft, nicht das Licht, nicht einmal das Geräusch. Es war vielmehr eine Rückkehr der Schwere, eine langsame Wiederherstellung der Zugehörigkeit. Der Boden unter meinen Knien fühlte sich wieder verbunden an, nicht nur mit dem Raum, sondern mit etwas Tieferem. Die Balken über uns trugen wieder Gewicht, nicht bloß das ihre, sondern das einer Welt, die sie hielt.

Die Stille war nun keine Leere mehr. Sie war gefüllt.

Ich erhob mich langsam und ließ meinen Blick durch den Raum wandern. Die Taverne war nicht mehr im Wandel begriffen. Sie war verändert und wirkte doch, als wäre sie schon immer so gewesen. Sämtliche Fragmente waren verblasst. Keine Scherben, keine Visionen mehr – nur Wände, Holz, Stein. Und doch war alles anders. Obwohl der Kamin sich verjüngt hatte, brannte weiter ein Feuer in ihm und erst jetzt schien wieder Rauch aufzusteigen und durch den veränderten Schornstein abzuziehen.

Ein kaum wahrnehmbares Zittern durchlief das Gebälk, kein Beben, eher ein Einrasten, als habe sich etwas endgültig gefügt.

Ich wusste nicht, welche Welt uns nun umgab. Ich wusste nicht, wie weit wir gereist waren oder ob Entfernung hier überhaupt ein gültiger Begriff war. Doch ich spürte mit einer Klarheit, dass wir nicht länger zwischen den Möglichkeiten standen.

Wir waren in einer davon angekommen und die Taverne hatte sich, wie selbstverständlich, eingefügt. Dieses alte, unerklärliche Wesen aus Holz und Stein, stand still – nicht weil sie nicht mehr konnte, sondern weil sie entschieden hatte, dass dies der Ort war, an dem wir vorerst verweilen sollten.

Ich legte die Hand auf den Tresen. Das Holz war warm.

Wir waren nicht geflohen. wir waren angekommen.

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