Ich blieb noch eine Weile vor dem Spiegel stehen. Das Bild im Glas wirkte nicht wie eine übernatürliche Erscheinung, sondern wie eine Möglichkeit, die einfach da war und darauf wartete, dass ich sie ernst nahm. Die Frau im Spiegel war aufrechter, klarer im Blick, als hätte sie ihre Zweifel längst abgelegt. Ich fragte mich, ob sie mich prüfte oder ob ich mich selbst prüfte. Als ich schließlich wegsah, wurde mir klar, dass ich nicht länger versuchen durfte, alles logisch zu erklären. Die Taverne hatte mir etwas gezeigt, und es lag an mir, darauf zu reagieren. ───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────Ich atmete tief durch und drehte mich um. Der Schankraum lag still vor mir, so vertraut wie eh und je, und doch war er nicht mehr derselbe. Meine Schritte waren langsamer als zuvor, aber nicht mehr unsicher. Wenn die Taverne tatsächlich mehr war als nur Holz, Stein und ein Dach über dem Kopf, dann war sie kein launisches Wesen, sondern eines mit Geduld. Sie war immer da gewesen, wenn ich sie gebraucht hatte, in Momenten des Zweifels ebenso wie in Zeiten des Erfolgs. Vielleicht hatte ich lange geglaubt, ich hätte sie gefunden. Doch inzwischen fragte ich mich, ob nicht vielmehr sie mich gefunden hatte, als ich selbst noch nicht wusste, dass ich einen Ort wie diesen brauchen würde. Ich ließ meinen Blick über die Tische gleiten, über die Stühle, die Theke, über jede Kerbe im Holz, die von Gesprächen, Gelächter und auch von Streit erzählte. In diesen Wänden steckte mehr als nur Erinnerung. Hier waren Entscheidungen gefallen, hier waren Freundschaften entstanden und zerbrochen, hier hatten Menschen Hoffnung gefunden, wenn draußen alles düster erschien. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb die Taverne mehr war als ein Gebäude. Vielleicht war sie ein Anker, ein Knotenpunkt zwischen all dem, was war, und dem, was noch kommen konnte. Im Lagerraum war es kühler, und der Geruch von Holz, Most und alten Fässern legte sich wie ein vertrauter Mantel um mich. Zwischen dunklen Holzregalen standen Fässer, Kisten und Flaschen ordentlich an ihrem Platz. Alles wirkte ruhig und vertraut, beinahe beruhigend in seiner Ordnung. Ich blieb vor dem Regal stehen, in dem ich die besonderen Flaschen und Fässchen aufbewahrte, jene, die nicht für gewöhnliche Gäste bestimmt waren. Einen Moment lang ruhte meine Hand auf dem Glas, als müsste ich mich vergewissern, dass es wirklich da war, bevor ich eine Flasche Thal'nyssa, meinen Lichtmost, herausnahm. Die Flüssigkeit im Inneren schimmerte sanft, fast so, als würde sie von selbst leuchten. Dieses Leuchten war nie laut gewesen, nie aufdringlich, sondern still und beständig, genau wie die Taverne selbst. Ich nahm die Flasche mit zurück in den Schankraum, stellte sie auf den Tresen und betrachtete sie einen Moment, bevor ich mir ein großzügiges Glas einschenkte. Das türkise Licht des Mostes spiegelte sich auf dem Holz und verlieh dem Raum einen stillen, beinahe feierlichen Glanz. Ich hob das Glas und betrachtete die schimmernde Flüssigkeit. Ein leichtes Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Wenn man schon mit einer Taverne sprach, die offenbar außerhalb von Raum und Zeit existierte, dann sollte man das zumindest mit einem angemessenen Getränk tun. Es fühlte sich weniger wie eine Flucht an, sondern eher wie ein Ritual, als würde ich bewusst anerkennen, dass etwas Großes im Begriff war zu geschehen. Als wäre ich endlich an dem Punkt angelangt, mir etwas einzugestehen, was mir vielleicht schon lange unterbewusst klar gewesen war. „Du warst also nie nur Holz und Stein“, sagte ich leise in den Raum hinein. „Und ich war nie nur deine Wirtin.“ Meine Stimme klang ruhiger, als ich erwartet hatte. Vielleicht, weil ich wusste, dass die Antwort nicht in Worten kommen würde. Die Tür war geschlossen, die Fenster zeigten noch immer diese seltsame Leere, doch ich spürte keine Bedrohung. Es lag kein Zwang in der Luft, kein Druck, der mich zu einer Entscheidung drängte. Es fühlte sich eher wie ein Angebot an, das geduldig darauf wartete, angenommen oder abgelehnt zu werden. Die Taverne forderte nichts von mir. Sie bot mir lediglich die Möglichkeit, zu bleiben oder zu gehen. Ich nahm einen Schluck vom Lichtmost. Die Wärme breitete sich in mir aus, nicht brennend, sondern klärend. Meine Gedanken, die zuvor durcheinander gewesen waren, ordneten sich langsam. Zweifel traten in den Hintergrund, nicht weil sie verschwanden, sondern weil sie ihren Platz fanden. Ich dachte an Nicoletta, an Ulaf, an all jene, die nicht mehr hier waren. Wenn diese Welt sie nicht halten konnte, warum sollte sie mich halten? „Ganz offensichtlich, ist die Zeit gekommen, in der du weiterziehen musst oder willst“, sagte ich leise, „und du wirst gehen, ganz gleich, ob ich bereit bin oder nicht, ganz gleich, ob ich bleibe oder dir folge. Mit oder ohne mich wirst du deinen Weg fortsetzen, denn du warst nie wirklich an diese Welt gebunden, oder?“ Ich stellte das Glas ab und legte die Hand auf den Tresen, als könnte ich so den Herzschlag der Taverne spüren. Tief unter Holz und Stein meinte ich tatsächlich eine Art Resonanz wahrzunehmen, kein Geräusch und kein Zittern, sondern eher eine stille Gewissheit. Es war, als würde die Taverne nicht antworten, sondern zustimmen, ohne Worte, ohne Druck. Die Tür war nur wenige Schritte entfernt, und ich spürte, dass sie in diesem Moment mehr war als ein Durchgang nach draußen. Sie war eine Grenze zwischen dem, was ich kannte, und dem, was kommen könnte. Ich wusste, dass sie sich öffnen würde, wenn ich es wollte, und dass ich hinaustreten konnte in eine Welt, die sich langsam auflöste, sich sprichwörtlich selbst verlor. Die Taverne hielt mich nicht fest. Gerade das war vielleicht das Beunruhigendste, denn es zeigte mir, dass die Entscheidung allein bei mir lag. Mit dem Glas in der Hand ging ich zur Tür und legte die Finger um den Griff. Für einen Moment blieb ich so stehen und spürte das kühle Metall unter meinen Fingern. Ich fragte mich, ob es in dieser Welt noch irgendetwas gab, das ich wirklich brauchte, irgendetwas, das mich hielt und das nicht längst begonnen hatte, sich von selbst aufzulösen. Waren es die Straßen von Moonglow, die Küste, der Hain, oder waren es nur Erinnerungen daran, wie diese Orte einst gewesen waren? Ich dachte an die Gesichter der Vertrauten, die verschwunden waren, an Stimmen, die nicht mehr durch diesen Raum klangen, und ich musste mir eingestehen, dass ich weniger zurückließ, als ich immer geglaubt hatte. Vielleicht hielt ich nicht an der Welt fest, sondern nur an dem Bild von ihr, das ich nicht verlieren wollte. Ich zögerte nicht aus Angst vor dem Unbekannten, sondern aus der leisen Hoffnung, doch noch einen Grund zu finden, hierzubleiben. Ein Zeichen, eine Verpflichtung, eine Aufgabe, die mich band. Doch je länger ich dort stand, desto klarer wurde mir, dass die Entscheidung nicht zwischen Mut und Furcht lag, sondern zwischen Festhalten und Loslassen. Diese Bewegung bedeutete mehr als das bloße Öffnen einer Tür. Sie war die Frage, ob ich mich weiterhin an eine sterbende Wirklichkeit klammern wollte oder ob ich bereit war, anzuerkennen, dass mein Platz vielleicht nicht mehr hier war. Ich wusste nicht, wo es einen Platz für mich geben könnte, aber die Taverne bot mir offenbar an, es herauszufinden. Oder herauszufinden, wie diese Welt enden würde. Es war die Entscheidung, mich nicht länger vor dieser Wahrheit zu verstecken. Ich drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Ein Blick vor die Tür um zu sehen, ob die Welt tatsächlich auf mich wartete. Nach dem Blick aus dem Fenster und dem Blick in den Spiegel war ich dezent unsicher, was mich hinter der Tür warten würde. Und ich hätte nie erraten, welches Bild sich mir zeigen würde. ───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────Draußen stand Melion. Der Spellude wirkte, als wäre er aus einem ganz gewöhnlichen Abend hierher getreten. Sein Gesicht war offen, sein Blick wach und lebendig. Keine Leere, kein Riss, kein Schatten umgab ihn. Er stand einfach da, als hätte er immer vorgehabt, genau jetzt zu erscheinen. In seinen Augen lag Neugier, aber auch ein Hauch von Sorge. „Melion“, sagte ich und trat zur Seite, damit er eintreten konnte. Er betrat die Taverne und ließ den Blick durch den Raum schweifen, als spüre er ebenfalls, dass sich etwas verändert hatte. Ich schloss die Tür hinter ihm und führte ihn zum Tresen zurück, wo die Flasche Thal'nyssa noch immer im sanften Licht schimmerte. „Dein Timing ist wie immer unheimlich“, begann ich ruhig, während ich ein zweites Glas einschenkte, und ließ mir bewusst Zeit, die richtigen Worte zu finden. „Ich glaube, dass diese Welt verloren ist. Vielleicht nicht heute und nicht morgen, vielleicht wird sie noch eine Weile so tun, als sei alles wie immer, aber in ihrem Innersten ist etwas zerbrochen. Sie hält uns nicht mehr so, wie sie es einst getan hat. Sie trägt uns nicht mehr, sie schützt uns nicht mehr, und sie verspricht uns nichts mehr, außer einem langsamen Auseinanderfallen.“ Ich sah einen Moment auf das Glas in meiner Hand, bevor ich fortfuhr. „Es ist, als hätte sie begonnen, uns loszulassen, einen nach dem anderen. Und ich weiß nicht, ob wir das noch aufhalten können.“ Das Licht des Mostes spiegelte sich in seinen Augen, und ich sah, dass er verstand, dass es hier nicht um ein gewöhnliches Gespräch ging, sondern um eine Entscheidung, die größer war als wir beide. „Und ich glaube“, fuhr ich fort, „dass die Taverne beschlossen hat, sie zu verlassen. Nicht aus Angst, sondern weil sie nicht an einen Ort gebunden ist. Sie war schon immer mehr als das hier.“ Ich reichte ihm das Glas und hielt seinem Blick stand. „Die Frage ist nicht, ob sie geht. Die Frage ist, ob wir mit ihr gehen. Und wenn wir es tun, dann nicht als Flüchtlinge, nicht als jene, die aus Angst vor dem Ende davonlaufen, sondern als diejenigen, die sich bewusst für ein neues Abenteuer entscheiden. Nicht, weil wir alles hinter uns lassen wollen, sondern weil wir bereit sind, uns dem Unbekannten zu stellen, weil wir anerkennen, dass Stillstand hier kein Schutz mehr ist. Wenn wir gehen, dann nicht mit gesenktem Blick, sondern mit offenen Augen, wissend, dass wir nicht fliehen, sondern weiterziehen.“ Wir hoben die Gläser, ohne etwas zu sagen und tranken einen kleinen Schluck. Als die Flüssigkeit unsere Kehlen herabrann, spürten wir, dass das Gebäude, diese unwahrscheinliche Ansammlung von Stein, Holz und Magie, offenbar unsere innere Entscheidung anerkannt hatte. Ich konnte fühlen, wie sich mir unbekannte Energien sammelten und sah Melion an, dass es ihm nicht anders ging.
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