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Eine unerwartete Wendung

Bareti

Die Taverne hinter mir knarrte.

Ich blieb noch einen Atemzug auf den Stufen sitzen und wartete darauf, dass ein zweites Geräusch folgte, irgendein vertrautes Zeichen von Holz, das sich setzte, oder von Wind, der durch die Ritzen strich. Es kam nichts, nur diese eine, kurze Erinnerung daran, dass ich nicht wirklich allein in diesem Gebäude war, selbst wenn ich die einzige Person darin war. Das Knarren war kein lautes Bersten, kein Ruf nach Aufmerksamkeit, sondern eher ein vorsichtiges Räuspern, als wollte die Taverne prüfen, ob ich noch zuhörte.

Schließlich erhob ich mich, den Bericht noch in der Hand und ging hinein.

Der Schankraum empfing mich mit der gewohnten Wärme des Holzes und dem Geruch von Most, Rauch und alten Gesprächen, die sich in Balken und Wänden festgesetzt hatten. Beiläufig schloss ich die Tür hinter mir und meine Augen glitten durch den Saal, über Tische, Stühle, den Tresen, die Laternen, die noch brannten, und ich merkte, wie ich unwillkürlich nach Unstimmigkeiten suchte. Es war, als erwartete ich, dass mir die Veränderung ins Gesicht springen würde, doch stattdessen lag sie irgendwo unter der Oberfläche, geduldig und wach.

Über dem Kamin hing der Kraken, dunkel und ausgebreitet wie ein stummer Wächter. Dieses unwahrscheinliche Symbol unserer kleinen Gemeinschaft, die sich durch Zufälle ergeben hatte und sich unter dem Kraken vereinte. Früher hatte ich sie als Kuriosität betrachtet, als Zeichen für Geschichten und Reisende, die von weit her kamen und ebenso weit wieder verschwanden. Heute erschien sie mir wie ein Symbol für etwas Tieferes, für ein Geflecht aus Armen und Wegen, das sich nicht mehr nur über Meere spannte, sondern über Wirklichkeiten. Ich trat näher an den Kamin heran und betrachtete die Konturen des Kraken, die im flackernden Schein des Feuers zu leben schienen, ohne sich tatsächlich zu bewegen, während meine Finger stumm den Bericht in die Flammen fallen ließen.

Während ich mich langsam durch den Raum bewegte, strich ich mit den Fingern über Tische und Stuhllehnen, über die Kerben im Holz, die von Jahren des Gebrauchs erzählten. In den letzten Tagen war vieles geschehen, doch die eigentliche Veränderung war leiser als jeder Schattenangriff gewesen. Sie hatte nicht geschrien, nicht gebrannt, nicht verwüstet. Sie hatte sich gesetzt wie Staub, unscheinbar und doch allgegenwärtig.

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Erst war es Ulaf gewesen, der ging. Er kam und ging von jeher unregelmäßig, daher erschien es nicht weiter verwunderlich, dass er plötzlich verschwand. Doch er tauchte nie wieder auf, selbst als Wochen zu Monaten wurden. Dann schien plötzlich Thorian aus der Welt gefegt. Er war nie ein offizieller Teil unserer Gemeinschaft gewesen, aber er war stets am Rande und jederzeit erreichbar, wenn er benötigt wurde. Ich hatte eine besonders schöne Pflanze gefunden und ihm schenken wollen, als Schmuck für sein neues Heim. Nur das dieses völlig verlassen war, als wäre er nie da gewesen. Ich hörte nie wieder von ihm.

Und zuletzt auch Nicoletta. Sie fehlte, und ihr Fehlen hatte ein Gewicht, das in keiner Ecke des Raumes verschwand.

Vor Tagen war mir zugetragen worden, jemand habe gesehen, wie eine rothaarige Frau nahe der Klippen gestürzt sei, begleitet von Nebel, Wind und der nüchternen Annahme eines falschen Schrittes. Ich hatte es zunächst nicht glauben können, weil Nicoletta die Küste kannte wie ihre eigene Handfläche, sie war weder leichtsinnig noch unachtsam. Trotzdem war ich selbst gegangen, hatte den Apfelhain durchquert, den Weg zur Küste genommen und jede Unebenheit im Fels geprüft, als könne ich mit genug Genauigkeit eine Wahrheit erzwingen.

Ich fand nichts, weder Spuren eines Sturzes noch Hinweise auf einen Kampf, und vor allem keine Resonanz, keine magische Nachwirkung, die einen Übergang erklärt hätte. Die einzige schlüssige Möglichkeit war die, die ich am wenigsten aussprechen wollte, dass sie durch einen Riss gefallen war und diese Welt sie nicht länger hielt. Nicoletta war nicht tot im herkömmlichen Sinn, sie war nicht von Schatten geholt oder entstellt worden, sie existierte schlicht nicht mehr hier, als hätte jemand eine Zeile aus einem Buch entfernt und den Rest des Textes ungerührt weiterlaufen lassen.

Dieser Gedanke begleitete mich, während ich durch die Taverne ging und mich fragte, wie viele von uns noch wirklich hier waren, wie viele nur noch aus Gewohnheit an Orten standen, die sie längst nicht mehr trugen.

Ich trat an eines der Fenster und legte die Hand gegen das Glas. Normalerweise konnte man von hier aus die Küste erkennen, die schmale Linie des Meeres, das Licht, das sich in den Wellen brach, und dahinter den Hain, der sich im Wind wiegte. Doch als ich hinausblickte, sah ich nichts von alledem. Kein Wasser, kein Grün, keine Konturen, nur eine graue, unbewegliche Fläche, als hätte jemand die Welt hinter dem Glas entfernt und durch eine leere Leinwand ersetzt. Es war kein Nebel, keine Dunkelheit, sondern eine Abwesenheit von Struktur.

Ich öffnete das Fenster einen Spalt, in der Erwartung, wenigstens salzige Luft oder das ferne Rufen von Möwen zu hören. Kein Wind schlug mir entgegen, kein Geräusch drang herein. Es war zu ruhig, und diese Ruhe war nicht die natürliche Stille eines Morgens oder Abends, sondern eine Stille, die alles verschluckte, bevor es entstehen konnte.

Im selben Moment schlugen die Türen am anderen Ende des Raumes zu.

Das Geräusch hallte durch die Taverne, scharf und unnatürlich laut in der Stille, die kurz darauf wieder in sich zusammenfiel. Ich fuhr herum und suchte nach der Ursache, erwartete einen Luftzug, der die Vorhänge bewegte, oder ein Flackern der Flammen im Kamin. Doch nichts rührte sich, die Flammen brannten ruhig, die Schatten lagen an Ort und Stelle, und kein Sturm kündigte sich an. Die Jahreszeit ließ plötzliche Unwetter ohnehin kaum zu, und doch hatten sich die Türen geschlossen, als wäre eine unsichtbare Hand durch den Raum gefahren.

Mein Herz schlug schneller, nicht aus Panik, sondern aus Erkenntnis, dass sich die Veränderung nicht draußen vollzog, sondern hier, in diesen Wänden, in diesem Boden, in der Luft zwischen den Balken.

Ich ging weiter, langsamer als zuvor, als würde ich mich durch fremdes Terrain bewegen, obwohl ich jede Diele dieses Bodens kannte. In der Nähe des Tresens blieb ich stehen, als mein Blick auf den Spiegel fiel, der dort schon hing, als ich die Taverne damals fand. Ein schlichtes Stück Glas in einem schön verziertem hölzernen Rahmen, das mir in unzähligen Abenden mein eigenes müdes Gesicht gezeigt hatte, mein Lächeln, meine Zweifel, meine Erschöpfung. Irgendetwas an dem Spiegel zog meinen Blick förmlich an.

Ich trat näher und betrachtete zunächst nur die Oberfläche, suchte nach Rissen oder Verzerrungen, als könnte ich das Gesehene auf eine banale Ursache reduzieren. Ich brauchte einen Moment, ehe ich begriff was genau meinen Verstand so verstörte und zugleich meinen Blick anzog.

Im Spiegel stand nicht mein geschundenes Selbst, nicht die Frau mit müden Augen und angespannten Schultern, die seit Wochen versuchte, eine Welt zu halten, die sich entziehen wollte. Stattdessen sah ich eine andere Version von mir, frischer, aufrechter, in edler Kleidung, wie eine Bürgermeisterin oder eine Frau, die Verantwortung nicht nur trug, sondern ausstrahlte. Der Stoff ihres Gewandes fiel schwer und würdevoll, ihre Haltung war nicht angestrengt, sondern selbstverständlich, aufrecht und voller Vertrauen.

Ihr Blick war ruhig und klar, nicht überheblich oder fremd, sondern vertraut auf eine Weise, die mir den Atem nahm. Es war kein Trugbild, das mich verspottete, sondern eine Möglichkeit, die mich prüfend ansah.

Ich hob die Hand, zögernd, und mein Spiegelbild tat es ebenfalls, doch in der Bewegung lag eine Sicherheit, die ich in mir selbst kaum noch spürte. Es war, als würde ich einer Zukunft begegnen, die sich nicht entschuldigte.

Für einen langen Moment standen wir einander gegenüber, während die Taverne um mich herum so still war, dass selbst mein eigener Atem zu laut erschien. Ich fragte mich, ob ich träumte, ob die Erschöpfung der letzten Tage mir Bilder vorgaukelte, doch alles fühlte sich zu klar an, zu bewusst, um bloß Einbildung zu sein.

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Etwas hatte begonnen, etwas, das nicht nach Sturm oder Feuer roch, sondern nach Verschiebung. Es war kein Riss, wie diejenigen, die sich nach und nach alle Menschen geholt hatten, dies war etwas völlig anderes. Und ich hatte das Gefühl, dass es nicht von außen kam, sondern aus dem Inneren der Taverne selbst, aus einem Kern, den ich nie ganz verstanden hatte, obwohl ich geglaubt hatte, ihn zu kennen.

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