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Teil III

Sziedeyna

Es vergingen einige Wochen, in denen Sylvius Sziedeyna wieder regelmäßig besuchte. Doch Sylvius hatte sich verändert, das spürte Sziedeyna, aber sprach es nicht an. Eines Tages dann klopfte es an die Tür, doch als Sziedeyna diese zu öffnen begann, erwischte sie ein harter Schlag am Kopf. Ein Krachen war zu hören, so stark war der Aufprall. Ein Mensch hätte diesen niemals überlebt und Sziedeyna taumelte bewusstlos zu Boden und blieb liegen. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, ging immer noch ein Schmerz durch ihren Kopf, doch die Deformation und der Bruch waren inzwischen von ihren vampirischen Regenerationskräften geheilt. Sie merkte aber noch etwas: Sie war an Händen und Füßen gefesselt. Sie lag unbequem halb auf dem Bauch auf ihrem Bett, die Hände auf dem Rücken. Erst langsam begriff sie die Situation. Mehrere Männerstimmen waren zu hören, drinnen wie draußen. Sie fühlte sich schwer und konnte den Kopf nur mühsam bis zum Eingang ihres Hauses drehen, da erfasste sie erneut ein dumpfer Schlag, der ihr das Genick brach und den Kopf in die andere Richtung drehte. Voller Schmerzen jaulte sie auf, während sie mitbekam, wie über sie geredet wurde, als wäre sie kein fühlendes Wesen, sondern eine Bestie, die es zu erlegen galt.

Sie blieb liegen und stöhnte eine Weile, da hörte sie eine Stimme, die ihr vertraut vorkam. Sylvius. Natürlich musste er etwas damit zu tun haben. Er musste sie erneut angeschwärzt haben, doch dieses Mal nicht bei einem einzelnen naiven Wachmann, sondern bei einem ganzen Trupp aus bewaffneten Männern, die durchaus wussten, womit sie es zu tun hatten, sonst hätten sie nicht zu so brutaler Gewalt gegriffen. Sziedeyna rief seinen Namen, dabei krächzte sie eher. Sie wiederholte ihn. Und nochmal. Irgendwann hörte sie erneut seine Stimme und vernahm wie er die Männer bat, für einen Moment das Haus zu verlassen, da er ein letztes Mal mit ihr sprechen wollte. Sie war immerhin seine Partnerin und wollte sich von ihr vernünftig verabschieden und schließlich hatte er sie ihnen ja auch gemeldet, ihm könne man also vertrauen. Nach einer kurzen Diskussion stimmten die Männer dann doch zu und bald darauf hörte Sziedeyna, wie sich die Tür schloss und es wieder still im Haus wurde. Noch einmal wiederholte sie seinen Namen und sie hörte Schritte langsam näher kommen anhand des Knarzens der hölzernen Bodenbretter. Sylvius drehte Sziedeyna leicht um unter ihrem Ächzen, sodass sie besser sehen konnte, und er stellte sich vor ihr Bett und beugte sich zu ihr hinab. Sie blickten sich in die Augen.

Sziedeyna entglitt ein leises "Warum?", während Sylvius der hilflosen und malträtierten Vampirin nicht gut in die Augen schauen konnte. Es war nicht nur das schlechte Gewissen über seinen Verrat, sondern auch der Anblick und die zuvor miterlebte brutale Gewalt, der Sziedeyna ausgesetzt gewesen war. Nach einem Schlucken brachte Sylvius eine Antwort über die Lippen: "Es tut mir leid. So habe ich mir das nicht vorgestellt."

Sziedeyna wiederholte ihre Frage mit heiserer Stimme: "Warum?" Sylvius zögerte und wirkte sichtlich unsicher ob ihres Anblicks. Daraufhin entfuhr es ihm: "Weil ich das nicht verantworten konnte, dass du Menschen tötest. Nichts in der Welt kann das rechtfertigen, auch..." Sziedeyna fuhr dazwischen: "Auch?" Sylvius stockte kurz und dachte nach. In seinem Kopf gingen wohl gerade die Erinnerungen umher an die schöne gemeinsame Zeit und seine Gefühle zu ihr. Jedenfalls verriert seine Mimik Sziedeyna ziemlich klar, dass er sich gerade in einem Zwiespalt befand.

Sie legte nach: "Noch kannst du es ändern." Als hätte Sylvius in dieser Aussage seine Erlösung gefunden, antwortete er prompt: "Wie?" Sziedeyna antwortete: "Mach mich los und lass mich gehen." Sylvius wirkte verunsichert und fragte: "Einfach so? Aber..." Sziedeyna fuhr ihm ins Wort: "Lass mich durchs Fenster fliehen und sage ihnen, ich hätte mich irgendwie befreit." In Sylvius arbeitete es und Sziedeyna spürte, dass sie ihn fast hatte und wartete etwas ab. Sylvius seufzte schließlich und nickte ihr zu, gefolgt von einem knappen "Gut". Danach löste er die Fesseln um Sziedeynas Hand- und Fußgelenke.

Sie richtete sich etwas im Bett auf und schaute verlegen, während sie sich auf die Lippe biss, in der Hoffnung, dass Sylvius die Mimik bemerkte. Er schaute sie fragend an. Sie erläuterte: "Kannst du mir noch einen Gefallen tun?" Sylvius nickte nur knapp und Sziedeyna fuhr fort: "Du musst mich etwas von deinem Blut trinken lassen. Die Verletzungen haben mich zu sehr geschwächt für eine Flucht." Sylvius verengte den Blick, da fuhr Sziedyna fort: "Nur etwas, nur so viel ich brauche. Keine Sorge, ich werde rechtzeitig aufhören. Erinnerst du dich, was ich dir einst versprochen hatte?" Sylvius nickte und begann: "Dass du mir niemals..." Sziedyna fuhr dazwischen: "Genau. Komm. Mit deinem Hals an meinen Mund."

Langsam näherte sich Sylvius unter sichtlicher Anspannung. Sziedeyna beruhigte ihn mit den Worten: "Es wird ganz schnell gehen und kaum weh tun." Da folgte Sylvius ihren Worten und einen Moment später ergriff ihn Sziedeyna und zog ihn an sich. Ihre Zähne fuhren blitzschnell aus und drangen in das weiche Fleisch seines Halses, gefolgt von einem rhythmisch saugenden Geräusch. Sie hielt ihn fest an sich und trank. Als er zu zappeln begann, regten sich in ihr widersprüchliche Gefühle. Sie trank zunächst weiter, aber schaffte es dann doch, von ihm abzulassen und ihn sicherheitshalber leicht wegzustoßen als traue sie sich selbst nicht. In diesem Widerspruch aus Mehrwollen und Rücksicht musste sie sich erst einmal wieder sammeln. Dann sprach sie: "Ich werde jetzt gehen. Danke, dass du es dir anders überlegt hast. Wenn du magst, suche mich in ein paar Wochen in der Turmruine nordöstlich des Schwarzsteingebirges auf. Aber erzähle niemandem etwas davon! Falls nicht, lebe wohl, Sylvius!" Und ehe Sylvius noch etwas sagen konnte, war Sziedeyna schon durchs Fenster in die Nacht verschwunden.

Ein paar Wochen vergingen und Sziedeyna war in der besagten Turmruine untergeschlüpft, genauer gesagt im vor der Sonne gut geschützten Kellergewölbe, dem Zuhause ihrer vampirischen Erzeugerin, Ancanagar Tyenes. Der Ort, an dem Sziedeyna einst selbst von der Hausherrin zu einem Wesen der Nacht gemacht wurde. Dieser Ort fühlte sich für Sziedeyna wie der sicherste der Welt an, dennoch gab es jetzt noch jemanden, der von dem Ort wusste. Nachdem Sylvius sie nun schon zweimal verraten und zweimal davonkommen hatte lassen, wusste sie nicht wirklich, ob sie ihm vertrauen konnte. Es schien als hätte er seinen Verrat jedes Mal wieder gut gemacht. Aber was hielt ihn davon ab, es ein drittes Mal zu versuchen? Vielleicht würde er aber auch gar nicht kommen und hatte mit ihr abgeschlossen, nun, nachdem sie Britain verlassen hatte. Diese Gedanken beschäftigten Sziedeyna, während sie allein im Turm verweilte, da Ancanagar nur noch selten den Turm aufsuchte, da sie inzwischen in Düsterhafen ein Haus bezogen hatte. Ohne die Ereignisse in Britain hätte Sziedeyna Ancanagar in Düsterhafen besucht, aber nun hatte sie erst einmal Zeit für sich gebraucht, abseits einer Stadt voller Menschen.

Sziedeyna schlief tief und fest, draußen war es Tag, da kämpfte sich eine Gestalt mühsam durch die Schichten an Teppichen und Laken im Durchgang zum Kellergewölbe. Wenig später erhellte der Schein einer Laterne das Gemach, in dem Sziedeyna im Bett lag. Kein Geräusch ging von ihr aus. Totenstill lag sie da. Die Gestalt näherte sich langsam, als sie merkte, dass das Bett nicht leer war. Sie bliebt kurz vor dem Bett stehen, da wachte Sziedeyna aus ihrer Ruhe auf, fuhr blitzschnell herum und blickte der Gestalt neugierig in die Augen. Es war Sylvius. Sziedeyna lächelte. Sylvius brachte ebenfalls nach einem kurzen Schreck ein leichtes Lächeln hervor. "Du bist gekommen!", kommentierte Sziedeyna das Offensichtliche. Sylvius wollte gerade zu einem Wort ansetzen, da fuhr Sziedeyna fort: "Ich hoffe, diesmal ohne Wachen im Schlepptau?" Sylvius entgegnete: "Ich bin allein." Er wirkte unsicher in dieser Umgebung und schaute sich immer wieder im Raum um. "Schön", sagte Sziedeyna knapp und lächelte etwas mehr.

Sziedeyna fuhr nach kurzer Pause fort: "Du musst aber wissen, dass ich hier nicht allein lebe. Die Hausherrin wohnt inzwischen woanders. Was aber nicht heißt, dass sie nicht jederzeit vorbeikommen könnte. Sie kann zaubern." Sziedeyna zuckte mit den Schultern, um zu demonstrieren, dass ihr diese Zauberei völlig fremd war. Sylvius fragte: "Ist sie auch...?" Sziedeyna entgegnete mit einem gewissen Enthusiasmus: "Ja, und sie ist es auch, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin!" Sylvius schaute sie eine Weile ernst aber stumm an, bevor er fragte: "Und du meinst, ich kann hier trotzdem..." Sziedeyna fiel ihm ins Wort: "Wenn ich ehrlich bin, habe ich darüber noch gar nicht so viel nachgedacht. Ich kann dir gar nicht genau sagen, wie sie reagieren würde."

Sylvius fragte nur knapp, verunsichert wirkend: "Nicht?" Sziedeyna schüttelte nur leicht den Kopf. Dann bohrte Sylvius nach: "Aber was kann denn passieren?" Sziedeyna überlegte kurz, während ihre Augen umhergingen und sie ihre Lippen schürzte. Auf einmal weitere sie die Augen und machte dann ein Gesicht, als sei ihr etwas Wichtiges eingefallen. Dann kam sie mit einer Antwort heraus: "Nun, es gibt drei Möglichkeiten, schätze ich." Sylvius fragte nur knapp: "So?" Sziedeyna fuhr fort: "Ja, also entweder du bleibst für immer hier und wärmst mich..." Sylvius ging prompt dazwischen: "Für immer? Äh, und was sind die anderen Optionen?" Sziedeyna sprach weiter: "Zweite Möglichkeit wäre, wir machen dich zu einem von uns!" Danach schaute sie Sylvius abwartend und mit einem Grinsen an und legte nach: "Aber dann könntest du mich nicht mehr wärmen. Das fände ich schade." Sylvius wirkte sichtlich unsicher und fragte schließlich: "Und was wäre dann die dritte Möglichkeit?" Sziedeyna zögerte kurz: "Nun... die dritte Möglichkeit wäre, dass du... stirbst." Sylvius Gesicht wurde bleich als er das hörte. Sziedeynas unschuldiger Tonfall mochte den grotesken Charakter der Situation nur begünstigt haben.

Eine weile stand Sylvius wie eine Salzsäule da und schien zu überlegen. Dann fand er wieder seine Worte: "Und einfach gehen kann ich nicht?" Sziedeyna schaute ihn mit sorgenvoller Miene an und antwortete: "Ich habe mich eben leider an Ancanagars Worte erinnert, die sie mir damals mitteilte, bevor sie mich zu einer der ihren machte: 'Niemand verlässt diesen Turm lebend.' Ich hatte es ganz vergessen. Es tut mir Leid, aber ich schulde ihr so viel und trotz ihrer Abwesenheit kann ich ihre Regeln nicht einfach übergehen. Aber wenn du den Turm nie verlässt, dann greift die Regel ja nicht, oder?"

Sylvius schüttelte nur ungläubig den Kopf als er Sziedeynas Worten folgte. Dann entfuhr ihm trotzig: "Sziedeyna, du bist völlig irre, hältst du das wirklich für faire Optionen?!" Sziedeyna entgegnete: "Ich habe die Regeln nicht aufgestellt. Und es tut mir leid, dass ich daran nicht mehr gedacht hatte." Sylvius schien das in seinem Unglauben nur zu bestärken. Sziedeyna fuhr fort: "Möchtest du denn nicht bei mir bleiben?" Sylvius fehlten die Worte und er starrte Sziedeyna nur an. Da deutete er an, sich umzudrehen. Aber Sziedeyna huschte blitzschnell zu ihm und fixierte seine Augen mit einem Blick, den er bisher noch nie bei ihr beobachtet hatte. Wie eine Katze die Maus. In Sziedeynas Blick gesellte sich zu einer Eiseskälte eine Spur Bedauern, als sie mit ruhigen Worten leise sprach: "Das wirst du nicht." Sylvius sah Sziedeyna nur entsetzt an, da flüsterte sie in sein Ohr: "Wärme mich noch ein letztes Mal." Daraufhin umschlang Sziedeyna ihn mit ihren Armen und presste ihn ganz dicht an sich. "Sooo warm..."

Es klickte kurz in Sziedeynas Schädel und kurz darauf glitt ihr Mund zärtlich an seinen Hals. Ganz behutsam und langsam begann sie von ihm zu trinken, während sie ihn fest im Arm hielt. In ihr war keine Gier. Vielmehr wirkte es so, als wolle sie diesen Moment maximal auskosten, weil es ihn kein zweites Mal geben würde. Es war der Trank des Abschieds, den Sziedeyna hier nahm. Es verging eine gefühlte Ewigkeit bis sie ihren Kopf wieder von seinem Hals nahm und den Griff lockerte. Sie schloss Sylvius Augen und so wirkte es als würde er schlafen. Sziedeyna beschloss, ihn in das Bett zu legen und sich daneben.

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