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[Dokumentation: Klassenaufstieg] D'nilok del Lloth - Die Prüfung

Tath'raen

Tath’raen kniete vor dem Altar und verharrte in stiller Andacht, als er Schritte hinter sich hörte. Er drehte den Kopf leicht zur Seite und erkannte Berg’inyon Baenre, die den Tempel betreten hatte. In einer fließenden Bewegung erhob er sich und wandte sich ihr zu, neigte respektvoll den Kopf und grüßte sie. Sie erwiderte die Begrüßung mit ruhiger Selbstverständlichkeit und ließ den Blick durch die heiligen Hallen schweifen, bevor sie ihn musterte. Dann stellte sie ihm eine Frage, die ihn unerwartet traf: was er aus ihrer letzten Begegnung gelernt habe. Tath’raen antwortete zögernd, dass er gelernt habe zu denken und nicht länger blind zu folgen, auch wenn dies den Herrinnen missfalle. Dabei senkte er beschämt den Blick zur Seite, als hätte er etwas Ungehöriges ausgesprochen. Ist das wirklich Wahrheit oder nur ein neuer Gehorsam in anderer Form? fragte er sich still. Berg’inyon widersprach ihm und erklärte, dass er immer noch folge – nur auf andere Weise. Ihre Worte ließen ihn kurz innehalten, denn er spürte, dass sie recht haben könnte.

Langsam schritt Berg’inyon zum Altar, während Tath’raen ihr mit respektvollem Abstand folgte. Als er vor den Stufen stehen blieb, bedeutete sie ihm, genau dort zu verharren. Sie erklärte ihm, dass er sich im heiligsten Bereich des Tempels befand und dass noch kein Mann zuvor die Erlaubnis erhalten hatte, auch nur die erste Stufe des Altars zu betreten. Tath’raen sog scharf die Luft ein, als sie ihm eröffnete, dass ausgerechnet ihm diese Ehre gewährt werden sollte. Für einen Moment zögerte er, als läge zwischen ihm und der Stufe ein unsichtbarer Abgrund. Schweiß trat auf seine Stirn, während er langsam den Fuß hob und ihn vorsichtig auf den kalten Marmor setzte. Kaum berührte seine Sohle den Stein, durchfuhr ihn ein seltsames Gefühl, als würde eine fremde Kraft durch seinen Körper strömen. Sein Herz begann heftig zu schlagen, und er presste eine Hand gegen die Brust. „Etwas ist passiert“, sagte er leise, während sein Blick zwischen Furcht und Ehrfurcht schwankte. Das ist kein Tod, dachte er benommen. Es ist das Gegenteil davon.

Berg’inyon wandte sich dem Abbild der Spinnenkönigin zu und begann ein feierliches Gebet. Ihre Stimme hallte ruhig durch die Halle, während sie Lloth anrief und darum bat, als Faden in ihrem Netz dienen zu dürfen. Tath’raen verharrte kniend auf der Stufe und murmelte leise Antworten in der Sprache der Drow, während er den Blick zum Abbild der Göttin erhob. Als Berg’inyon schließlich selbst auf die Knie sank und die Arme erhob, als wolle sie etwas empfangen, blieb die Luft im Tempel für einen Augenblick vollkommen still. Dann begann eine grünliche Flüssigkeit über ihre Hände zu rinnen, als käme sie aus dem Nichts. Das Gift tropfte langsam über ihre Finger und sog sich in den Stoff ihrer Robe. Tath’raen beobachtete das Geschehen reglos, während Ehrfurcht und Faszination in ihm miteinander rangen. Sie antwortet… die Göttin antwortet wirklich, ging es ihm durch den Kopf. Als der Fluss des Giftes versiegte, erhob sich Berg’inyon wieder und drehte sich würdevoll zu ihm um.

Schweigend streifte sie die durchnässte Robe ab und presste das Gift in eine kleine Flasche, bevor sie sich ihm näherte. Mit den noch feuchten Händen strich sie über sein Gesicht, und Tath’raen zwang sich, keine Regung zu zeigen, obwohl das kalte Gift seine Haut kribbeln ließ. Dann erklärte sie ihm, dass er von Lloth erwählt worden sei und dass die Göttin zwei Dinge von ihm verlange. Sie reichte ihm die Flasche, und er nahm sie mit beiden Händen entgegen, als handle es sich um ein heiliges Relikt. Lauter als zuvor erhob er die Stimme und sprach die Worte der Hingabe zur Spinnenkönigin. Berg’inyon verkündete daraufhin die Prüfung: Er müsse seine Loyalität beweisen, indem er eine Priesterin eines beliebigen Hauses tötete – heimlich, ohne Zeugen, nach den Riten der Säuberung. Diese Priesterin solle aus der Geschichte Lloths getilgt werden, als hätte sie niemals existiert. Tath’raen senkte den Blick auf die kleine Flasche in seinen Händen, während die Bedeutung dieser Worte in ihm nachhallte. Meine Entscheidung wird zeigen, wer ich wirklich bin, dachte er. Langsam nickte er schließlich und sprach die Zustimmung.

Berg’inyon erklärte ihm, dass Lloth an der Wahl seines Ziels erkennen werde, ob sein Glaube wahrhaftig sei. Wenn er die Aufgabe erfülle, werde er die Erlaubnis erhalten, im Namen der Spinnenkönigin eine eigene Zusammenkunft von Glaubenskriegern zu gründen. Danach werde er zu ihr zurückkehren, und sie werde ihn in den nächsten Kreis des Netzes einführen. Ihre Stimme wurde dabei ruhiger, fast verheißungsvoll, als sie ihm versprach, dass ihr eigener Körper ihm im Namen Lloths gehören werde, sobald seine Aufgabe vollbracht sei. Tath’raen begegnete ihrem Blick ohne zu zögern. Er erklärte, dass er ihn erkämpfen werde, wie es die Sitte verlange, und sie akzeptierte diese Antwort mit einem knappen Nicken. Dann hüllte sie sich wieder in eine frische Robe und verließ den Tempel, während das regelmäßige Klacken ihres Stabes langsam in der Ferne verklang. Tath’raen blieb zurück, wandte sich erneut dem Altar zu und sank wieder auf die Knie. Diesmal betete er auf der ersten Stufe des Altars. Der erste Faden ist gesponnen, dachte er still. Nun muss ich entscheiden, welches Leben im Netz enden wird.

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