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Hain, Hände & Herbstfrüchte – oder: Wie der Hain der Taverne folgte

Bareti, Wirtin der Taverne

Die Flasche stand allein auf dem Tresen.

Bareti hatte sie schon eine ganze Weile nicht mehr angerührt. Und doch stand sie immer dort, ein wenig seitlich vom üblichen Platz der Krüge, als wäre sie weniger ein Getränk als ein stiller Zeuge.

Sie nahm sie schließlich doch in die Hand und hielt sie gegen das Licht der Fenster.

Das Glas war klar, der Inhalt von einem warmen, dezent leuchtenden Türkis – die letzte Flasche des Lichtmost, jenes Mostes, der als erster wahrlich geglückt war. Thal’nyssa, hatte jemand ihn genannt.

Bareti erinnerte sich noch gut an den Abend, an dem er zum ersten Mal ausgeschenkt worden war: das vorsichtige Probieren, das kurze erstaunte Schweigen danach und schließlich das leise Nicken einiger Gäste, die sonst selten zu solchen Gesten neigten.

Sie drehte die Flasche langsam zwischen den Fingern.

So viel war seitdem geschehen.

Die Taverne war gefallen – oder vielleicht besser gesagt: sie war gefallen und zugleich gereist. Durch Risse, die kein Mensch wirklich verstand, war sie aus ihrer Welt gerissen worden. Holz, Stein, Fässer, Bücher, Erinnerungen – fast alles war mitgerissen worden. Einige Dinge waren bisher nicht wieder aufgetaucht.

Nun stand sie hier, an einem anderen Meer, unter einem anderen Himmel, mit fremden Sternen über dem Dach – und doch stand sie noch.

Bareti stellte die Flasche behutsam zurück auf den Tresen und legte für einen Moment die Hand daneben auf das Holz.

"Der letzte von euch", murmelte sie leise.

Ihre Finger strichen über den Flaschenhals, als würde sie sich vergewissern, dass er wirklich noch da war.

Dann schob sie sich eine lose Strähne ihres türkisfarbenen Haares aus dem Gesicht und lächelte schief.

"Zeit für einen neuen", sagte sie leise zu sich selbst.

Ein neuer Most für eine neue Welt.

Und vermutlich auch für eine neue Sorte Ärger, dachte sie. Erfahrungsgemäß gehörte das beim Mostmachen dazu.

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Die Hintertür der Taverne knarrte leise, als Bareti sie aufstieß.

Der Wind vom Meer trug den Geruch von Salz und Tang herauf. Er war kühler als der Wind in Moonglow gewesen war und rauer, als hätte er längere Wege über offenes Wasser zurückgelegt.

Bareti blieb einen Moment auf der Schwelle stehen.

Von hier aus konnte sie den kleinen Pfad sehen, der sich zwischen Gras und Sträuchern hinunter zum Hain zog.

Der Weg war ihr inzwischen vertraut geworden – und doch fühlte er sich jedes Mal ein wenig unwirklich an.

Denn dieser Hain hätte hier nicht sein dürfen.

In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft hatte sie mit Fischern gesprochen, die unten an der Küste ihre Netze flickten. Die Männer hatten nur verwundert den Kopf geschüttelt.

Hier habe es immer nur Gras und Dünen gegeben, sagten sie – Dünengras, Wind und Sand. Vielleicht ein paar krumme Sträucher, aber ganz sicher keinen Hain und schon gar keinen mit alten Bäumen.

Bareti erinnerte sich noch gut an ihre Gesichter. Nicht misstrauisch, eher ehrlich verwirrt – als würden ihre Erinnerungen und das, was sie vor Augen sahen, einfach nicht zusammenpassen.

Sie hatte ihnen geglaubt, denn auch sie wusste, dass dieser Hain hier nicht hingehörte.

Und doch war er da.

Bareti folgte dem schmalen Pfad, bis sich die ersten Äste über ihr zusammenschoben und das Licht weicher wurde.

Zwischen zwei Apfelbäumen blieb sie stehen und legte eine Hand an die raue Rinde.

Die Bäume wirkten alt – nicht nur alt im Sinne von Jahren, sondern alt im Sinne von Geschichten.

Manche Stämme waren verdreht wie Hände, die sich an die Erde klammerten. Andere trugen Rinde, die sich in langen, dunklen Furchen aufspaltete. Zwischen ihnen wuchsen junge Triebe, als hätte dieser Ort erst gestern begonnen zu atmen.

Ein paar Schritte weiter summten Insekten zwischen den Blüten niedriger Sträucher. Der Boden unter ihren Stiefeln war weich – deutlich zu weich für einen Ort, der angeblich noch vor kurzem nichts als Sand gewesen war.

"Du bist also mitgereist", murmelte Bareti nachdenklich.

Lange hatte sie geglaubt, die Taverne sei einfach zufällig nahe eines Hains in Moonglow gelandet. Ein glücklicher Zufall vielleicht, ein kleines Geschenk der Welt.

Doch inzwischen fühlte sich dieser Gedanke falsch an.

Denn sie wusste genau, wie der Ort hinter der alten Taverne in Moonglow gewesen war.

Der Hain hatte dort gestanden, still, geduldig und oft übersehen. Und jetzt stand er wieder hier – mit denselben Bäumen und denselben Früchten.

Und auch anderen Früchten, wie sie erstaunt bemerkte.

Bareti ging ein paar Schritte weiter und blieb unter einem besonders alten Baum stehen, dessen Äste sich weit über den Hain spannten. Hier hingen junge Birnen, die sie zuvor nie gesehen hatte. Und weiter hinten konnte sie junge Triebe einer Kirsche sehen.

Vielleicht war der Hain nie nur ein Stück Land gewesen. Vielleicht war er immer schon ein Teil der Taverne.

Ein stiller Begleiter. Ein Garten, der nicht nur wuchs, sondern mitreiste. Ein Herz, das draußen schlug.

Der Gedanke ließ sie schmunzeln.

"Dann warst du wohl die ganze Zeit näher dran, als ich dachte", sagte sie leise.

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Aus Baretis Notizbuch

Der Hain ist ebenfalls hier.

Ich schreibe das so schlicht auf, weil jede andere Formulierung mir im Moment falsch vorkommt. Es ist einfach eine Tatsache, deren Hintergründe ich bisher nicht vollständig verstehe.

Die Fischer schwören, dass hier früher nur Dünen waren. Ich glaube ihnen. Der Boden erzählt dieselbe Geschichte – unter der Erde finden sich tiefe Schichten aus Sand, als hätte sich der Hain einfach darübergelegt. In dieser Zusammensetzung ergibt das wenig Sinn.

Und doch stehen hier Bäume, die älter wirken als diese Küste.

Die Apfelbäume erkenne ich wieder. Einige der verdrehten Stämme standen schon hinter der alten Taverne in Moonglow. Aber es gibt auch neue: Birnen, Kirschen, junge Triebe, die ich dort nie gesehen habe.

Was mich jedoch noch mehr verwirrt: Der Hain scheint sich nicht um Jahreszeiten zu kümmern.

Einige Bäume tragen bereits reife Früchte, obwohl weder Sommer noch Herbst sein dürfte. Gleichzeitig sehe ich an anderen Zweigen frische Blüten – manchmal sogar am selben Baum, nur wenige Handbreit voneinander entfernt.

Blüten und reife Früchte zur gleichen Zeit.

Das widerspricht jeder einfachen Erklärung, die ich kenne.

Vielleicht hat der Hain die Reise nicht nur überstanden. Vielleicht hat er sich dabei verändert.

Wenn die Taverne wirklich ein Herz hat, dann schlägt es vermutlich hier draußen zwischen den Bäumen.

Ich werde aus diesen Früchten einen neuen Most machen. Nicht als Fortsetzung der alten Versuche, sondern als Zeichen eines neuen Anfangs.

Sollte er gelingen, werde ich ihn nicht nach mir benennen. Der Hain hat ihn eher verdient.

Bareti, Wirtin der Taverne

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Sie stellte den Korb auf einen flachen Stein und begann zu pflücken.

Äpfel zuerst, rote, feste Früchte, deren Haut im Licht schimmerte.

Bareti wog einen der Äpfel kurz in der Hand, prüfte das Gewicht, den Duft, die Farbe – eine Eigenart, die sie sich längst angewöhnt hatte, obwohl sie nicht sicher sagen konnte, ob sie wirklich etwas über die Frucht verriet.

"Sieht gut aus", stellte sie fest. Der Apfel äußerte keine Einwände.

Dann legte sie ihn in den Korb.

Als Nächstes Kirschen – kleine, dunkle Kugeln, die im Licht der Mittagssonne unter den Zweigen hingen.

Ein paar der hellen Birnen von dem Baum am Rand des Hains, dessen Namen sie bis heute nicht ganz sicher wusste.

Und schließlich einige der kleineren, säuerlichen Äpfel von dem niedrigen Baum nahe des Steins.

Bareti arbeitete langsam und mit Bedacht. Nicht hastig und nicht wahllos; sie wählte jede Frucht einzeln aus.

Manche ließ sie hängen, andere wanderten in den Korb.

Der Korb füllte sich nach und nach.

Währenddessen wanderte ihr Blick immer wieder über die Bäume.

Dieser Most sollte anders werden – nicht nur ein weiterer Versuch und nicht nur eine Verbesserung, sondern ein Most für diese Taverne, für diesen Ort und für die Welt, in der sie nun stand.

Ein Most, der vielleicht eines Tages ebenso selbstverständlich zu diesem Haus gehören würde wie das Knarren der Dielen oder das Rauschen des Meeres hinter den Dünen.

Bareti legte den letzten Apfel in den Korb, richtete sich auf und betrachtete ihr Werk.

Ein leiser Wind fuhr durch die Zweige des Hains. Blätter raschelten, und irgendwo weiter hinten fielen ein paar Kirschen ins Gras.

Für einen Moment hatte Bareti das seltsame Gefühl, als würde der Ort selbst zustimmend atmen.

Sie lächelte.

"Gut", sagte sie leise und nahm den Korb wieder auf. "Dann fangen wir noch einmal von vorne an."

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