Der Keller war still gewordenKein Blubbern mehr, kein leises Arbeiten im Holz, kein Druck, der sich irgendwo entlud. Nur noch der schwere, warme Geruch vergorener Äpfel, der sich gleichmäßig im Raum hielt. Bareti blieb einen Moment vor dem Fass stehen, ohne es zu berühren. Sie prüfte nicht mehr im eigentlichen Sinne, sondern vergewisserte sich lediglich des Abschlusses. Die Oberfläche des Mosts lag ruhig, zu ruhig für etwas, das noch arbeitete. Dieser Ansatz war anders war als die vorherigen. Weniger Magie noch und nur dezente Hilfe auf dem Weg zum Ziel. Zeitgleich benötigte der Ansatz länger als erwartet. Dies hatte sie bereits früh erkannt und daher mehr Zeit eingeplant. Die Wirtin trat näher, legte schließlich die Hand an das Holz und spürte nach, nicht nach Bewegung, sondern nach dem, was geblieben war. Die Struktur war stabil, die Gärung abgeschlossen, die Flüssigkeit gebunden. Sie wandte sich den vorbereiteten Gefäßen zu.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Der Abstich begann ohne HastEin Schlauch wurde angesetzt, sauber geführt, das Zielgefäß leicht tiefer gestellt. Kein unnötiges Anheben des Fasses, kein Ruck. Nur ein kurzer, kontrollierter Zug, bis der Most gleichmäßig zu fließen begann. Er war klarer als noch Tage zuvor, nicht vollkommen rein, aber gesetzt. Die Farbe zeigte ein warmes Gold mit einem feinen rötlichen Stich, der im Kerzenlicht beinahe lebendig wirkte. Mit einer ruhigen Bewegung hob Bareti die Hand. Wasser sammelte sich nicht aus einem Gefäß, sondern formte sich direkt aus der Luft. Ein kleines Elementar entstand, unscheinbar, ruhig, neugierig. Gedanklich übermittelte die Magierin dem gebundenen Wesen ihre Wünsche und seinen Auftrag. Es glitt in die Öffnung und verschwand im inneren des Fasses. Der Fluss veränderte sich merklich, jede Unruhe wurde abgefangen, jede kleinste Verwirbelung geglättet, bevor sie den Bodensatz erreichen konnte. Die feine Trübung am Grund blieb unberührt, während darüber der klare Most gleichmäßig abgezogen wurde. Langsam sank der Pegel im Fass und zeitgleich entwich die Luft gleichmäßig aus der Ballonflasche. Auch diese hatte die Wirtin neu organisieren müssen, da ihr Vorrat an leeren Flaschen, die seltsame Reise Der Taverne nicht überlebt hatte.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Nachdem das erste Gefäß gefüllt war,nahm Bareti einen kleinen Krug zur Hand. Sie befüllte diesen zur Hälfte mit dem frischen Most, ehe sie die nächste Glasflasche befüllte. "Niemals den ersten Schluck kosten" rief sich die Wirtin ins Gedächtnis. Sie zögerte nicht, ließ sich jedoch einen kurzen Moment der bewussten Wahrnehmung, bevor sie den Krug anhob und den Geruch in ihre Nasenflügel ziehen ließ. Ein sehr runder Geruch nach reifem Obst und einem Hauch von Kirsche ließ ein wenig von ihrer Angespanntheit abfallen, von der sie kaum gemerkt hatte, dass sie ihr inne lag. Mit einer wartendem Lächeln nahm sie einen ersten Schluck. Der Most war mild, fruchtig und rund. Die Süße trat nicht hart hervor, sondern trug den Geschmack nach Kirsche, Apfel und Birne gleichmäßig. Eine angenehme Wärme breitete sich aus, nicht schwer, sondern lösend. Die Gedanken wurden klarer, die Atmung ruhiger, als würde der Trank eher etwas nehmen als hinzufügen. Bareti stellte den Krug wieder ab. Ein kurzes, kaum sichtbares Schmunzeln zeigte sich, bevor sie sich wieder der Arbeit zuwandte. Am Ende stellte Bareti ein kleines Fass gesondert bereit. Zwanzig Liter, sauber gearbeitet, bewusst ausgewählt. Sie nahm sich die Zeit, es selbst zu beschriften. Most #6 Keine Verzierungen, keine zusätzlichen Worte, nur das Ergebnis eines abgeschlossenen Prozesses. Aus Baretis Notizbuch
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Später, als der Keller verschlossen warund die Arbeit ihren Abschluss gefunden hatte, stand Bareti im Schankraum. Das Licht war wärmer, die Luft leichter, der Raum stiller als an gewöhnlichen Abenden. Auf dem Tresen neben ihr stand das kleine Fass. In ihrer Hand hielt sie ein Glas, gefüllt mit dem fertigen Most. Die Farbe fing das Licht auf, ein warmes Gold mit einem dezenten rötlichen Schimmer, der sich erst beim zweiten Hinsehen zeigte. Die Wirtin betrachtete das Glas einen Moment. Ihr Blick verweilte auf dem Getränk, nicht prüfend, sondern bewusst, als würde sie sich die Zeit nehmen, das Ergebnis wirklich zu sehen. Sie hob das Glas leicht an, drehte es ein wenig im Licht und nahm einen weiteren Schluck. Diesmal ohne Abwägen, ohne Kontrolle. Ein ruhiger Zug legte sich um ihre Haltung. Kein offenes Lächeln, kein sichtbarer Triumph, aber etwas, das blieb. Zufriedenheit. Bareti stellte das Glas wieder ab und legte die Hand kurz auf das kleine Fass neben sich, als würde sie sich vergewissern, dass es wirklich dort stand. Most #6. Zum ersten Mal war es kein Versuch mehr. Und dennoch etwas, das es wert war, für einen Moment innezuhalten. Vielleicht gar etwas, dass einen eigenen Namen verdiente.
Beiträge in diesem Thread
|