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Hefe, Hoffnung & Hinhören – oder: Die leisesten Geräusche im Keller der Taverne

Bareti, Wirtin der Taverne

Der Saft ruhte jetzt im Lager in einem Fass.

In mehreren Fässer, um genau zu sein. Bareti hatte sie ordentlich nebeneinander im kühlen Lager der Taverne aufgestellt, jedes sorgfältig beschriftet.

Sie hatte genug Vertrauen in ihre eigene Fähigkeiten, dass sie direkt mehr als ein Gärfass angesetzt hatte.

Es war nicht ihr erster Versuch. Auch nicht der zweite.
Und ganz gewiss nicht der dritte, der war furchtbar gewesen.
Die ersten Fässer hatten sie gelehrt, dass Most ein störrisches Wesen sein konnte.

Der vierte Versuch hingegen war… lehrreich gewesen.

Der Most hatte damals zunächst vielversprechend gegart – nur um sich später zu einer Mischung aus Bitterkeit, überschäumender Hefe und einem ausgesprochen beleidigtem Fass zu entwickeln. Bareti hatte drei Tage gebraucht, um den Keller wieder halbwegs in einen Zustand zu bringen, der nicht nach aufständischem Apfel roch.

Seitdem behandelte sie jede Gärung mit einer Mischung aus Respekt und vorsichtiger Skepsis.

Der Hain hatte damals deutlich gemacht, dass er eigene Vorstellungen davon besaß, was aus seinen Früchten werden sollte.

Und der fünfte…
Der fünfte war bereits erstaunlich gut gewesen.

Gut genug, dass Bareti nun nicht mehr vor den Fässern stand wie eine Anfängerin, die darauf wartete, dass etwas geschah.

Sie wartete lediglich darauf, zu beobachten wie es geschah.

Aus Baretis Notizbuch

Der Saft aus dem Hain beginnt zuverlässig zu gären, wenn Temperatur, Ruhe und Zucker stimmen.

Die natürlichen Hefen sitzen bereits auf den Früchten. Man muss ihnen lediglich ein Fass geben, in dem sie arbeiten können.
Interessanterweise setzte die Gärung dort besonders ruhig ein, wenn ich zuvor stabilisierende Magie in das Fass leitete.

Inzwischen deutet alles daraufhin, dass der Prozess bereits auf die magische Umgebung reagiert._

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Wie erwartet setzte die Gärung am zweiten Tag ein.

Ein kleines Geräusch.

Gluck.

Bareti erstarrte.

Sie kniete neben dem Fass und legte vorsichtig das Ohr an das Holz.

Stille.

Dann wieder.

Gluck.

Ihre Augen begannen zu leuchten.

"Ah", sagte sie zufrieden. "Da arbeitet jemand."

Im Inneren des Fasses begann der Saft langsam zu leben. Kleine Blasen stiegen auf, als hätten winzige Wesen beschlossen, sich im Apfelmost ein eigenes Königreich zu bauen.

Bareti beobachtete das eine ganze Weile. Dann holte sie ihr Notizbuch hervor

Aus Baretis Notizbuch

Beginn der Gärung nach fast genau zwei Tagen – vergleichbar mit Versuch V und im erwartetem Zeitrahmen.

Temperatur im Lager stabil. Fass zeigt keine Überreaktion.

Blasenbildung regelmäßig, zunächst fein und gleichmäßig.

Keine Schaumbildung am Rand. Aus Erfahrung bei vorherigen Versuchen, ein durchaus positives Zeichen

Stabilisierende Magie offenbar ausreichend, um ein ruhiges Anlaufen der Gärung zu gewährleisten.

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Am dritten Tag blubberten alle Faesser.

Leise zwar, aber hörbar. Der Keller der Taverne klang nun ein wenig so, als würde irgendwo eine Gruppe sehr zufriedener Frösche wohnen.

Bareti fand das ausgesprochen beruhigend. Sie ging von Fass zu Fass, klopfte hier, lauschte dort und nickte mehrfach mit der ernsten Miene einer Magierin, die gerade eine hochkomplexe arkan‑alchemistische Reaktion überwacht.

"Sehr gut", murmelte sie. "Arbeitet nur weiter."

Kurz überlegte sie, ob sie die Gärung mit Magie unterstützen sollte.

Zeitmagie kam nicht in Frage. Prozesse zu zwingen, schneller zu laufen, führte erfahrungsgemäß fast immer zu beleidigter Materie – und beleidigter Most war eine Erfahrung, die sie nicht zu wiederholen gedachte.

Ganz ohne Magie konnte die Magierin das Ganze jedoch ebenfalls nicht belassen.

So legte Bareti eine Hand auf das erste Fass, schloss kurz die Augen und ließ einen sehr kleinen, sehr ruhigen Strom arkaner Kraft in das Holz sinken. Keine Beschleunigung. Kein Zwang. Nur Stabilität.

Der Keller war kühl, aber nicht immer gleichmäßig. Holz arbeitete. Saft lebte. Ihre Magie tat kaum mehr, als das Gleichgewicht ein wenig zu glätten - Temperaturschwankungen abfangen, die Gärung ruhig halten, kleine Unruhen im Saft besänftigen. Es sorgte dafür, dass der Saft nicht kippte und die Reaktion aus dem Ruder geriet.

Ein Hauch Ordnung in einem Prozess, der ansonsten seinen eigenen Kopf hatte.

Bareti ging langsam von Fass zu Fass und wiederholte das gleiche leise Ritual.

Als sie fertig war, blubberten die Fässer weiter.

Vielleicht ein wenig gleichm#ssiger.

Vielleicht auch nicht.

"Nun", sagte sie schliesslich leise. "Mehr Hilfe bekommt Ihr nicht."

Aus Baretis Notizbuch

Tag 3: Versuch VI verläuft bisher stabil.

Die Gärung verläuft sehr gleichmäßig. Kein Überschäumen, keine erkennbaren Bitterstoffe.

Auffällig: Die Blasenbildung wirkt feiner als bei den früheren Versuchen. Ich vermute hier einen Hintergrund bei den genutzten Früchten, nicht in meiner Magie.

Der Most scheint die zugeführte Magie nicht nur zu tolerieren – er ordnet sich regelrecht darum.

Die leichte Stabilisierung durch Magie scheint zu genügen. Weitere Eingriffe vorerst unnötig.

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Am vierten Abend saß Bareti schließlich im Keller zwischen den Fässern und lauschte dem ruhigen Blubbern.

Es klang beinahe wie Atmen. Wie ein langsames, geduldiges Arbeiten.
Der Hain hatte Früchte gegeben. Die Presse hatte Saft gewonnen.

Und nun tat der Most das, was Most offenbar am liebsten tat:
Er verwandelte sich - Langsam, leise aber unaufhaltsam.

Bareti nahm einen Schluck aus einem kleinen Becher, verzog leicht das Gesicht und schrieb noch eine letzte Notiz.

Aus Baretis Notizbuch

Tag 4: Zwischenstand Versuch VI

Geschmack: frischer als bei Versuch V.

Alkohol: kaum vorhanden. Eventuell ist eine längere Gärung nötig.

Magische Aktivität: weiterhin unklar. Weitere Beobachtung erforderlich.

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Bareti klappte das Notizbuch zu.

Die Fässer gluckerten ruhig vor sich hin.

Und irgendwo tief im Inneren des Mosts arbeitete etwas weiter – geduldig, unsichtbar und mit einer Entschlossenheit, die selbst eine Erzmagierin respektieren musste.

Der Most #6, der erste Most Der Taverne dieser Welt, schien auf dem besten Wege. Vermutlich würde sie ihm einige Tage länger geben müssen, aber Zeit hatte sie reichlich, unzählige ihrer alten Verpflichtungen waren mit der vorherigen Welt verschwunden und bislang war die Taverne noch nicht offiziell eröffnet worden.

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