Pflücken, Pressen & Pulp – oder: Wie der Hain seinen ersten Saft schenkteDer Weg zurück zur Taverne war kürzer als der Hinweg.Bareti trug den Korb dicht am Körper. Die Früchte lagen schwer darin, und jedes Mal, wenn sie einen Schritt machte, rollte irgendwo ein Apfel leise gegen eine Birne. Der Pfad führte sie zurück durch das hohe Gras und hinauf zur Taverne, deren Dach über den Dünen sichtbar wurde. Vom Meer her wehte weiterhin dieser raue Wind, der hier anders roch als in Moonglow. Salziger, freier. Bareti blieb kurz stehen und blickte noch einmal zurück zum Hain. Die Bäume standen ruhig im Schatten ihrer eigenen Kronen, als wären sie schon seit unzähligen Jahren an diesem Ort. Dort hinten, zwischen den verdrehten Stämmen, hing immer noch ein heller Fleck aus Blüten, die im Wind schwankten. Und darunter glänzten einige Äpfel im Licht. Blüten und Früchte, zur selben Zeit. Bareti schüttelte leicht den Kopf und setzte ihren Weg fort. Als sie die Taverne erreichte, knarrte die Hintertür im Wind. Das Holz hatte sich vom Salz der Luft schon etwas verfärbt. "Wir sollten dich bald neu streichen", sagte Bareti beiläufig zur Tür. Die Tür reagierte nicht und schien sich doch darauf zu freuen. ───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────Die alte Presse hatte den Umzug nicht überstanden.Als Bareti den Korb im Hof abstellte, blieb ihr Blick kurz an der Stelle hängen, an der früher die alte Fruchtpresse gestanden hatte. Der Umzug zwischen den Welten hatte vieles mitgenommen – und manches einfach nicht wieder ausgespuckt. Einige Fässer fehlten. Ein Großteil des Geschirrs, hunderte Flaschen teils seltener Getränke. Und ihre Bibliothek … Bareti verzog leicht das Gesicht bei dem Gedanken. Die Regale standen noch in ihrem Arbeitszimmer, doch bei der Wandlung der Taverne, war das Arbeitszimmer geschrumpft und die Regale waren ineinander gewachsen. Fast als wären die Regale komprimiert worden. Einige Bände waren geblieben, andere vollständig verschwunden. Nicht nur einzelne Werke, ganze Regale. Ehemals vollständige Buchreihen enthielten nur noch einzelne Bücher. Wissen, das sie über Jahre gesammelt hatte - fort, als hätte es nie existiert. "Nun gut", sagte sie schließlich und verschränkte die Arme. "testen wir die neue mal aus!" Zum Glück hatte Bareti alte Zeichnungen gehabt. Zwischen den verbliebenen Büchern hatte sie ihre eigenen Skizzen gefunden - technische Notizen aus der Zeit, als sie ihre erste Presse erworben hatte. Damals eher aus Neugier als aus wirklicher Notwendigkeit. Sie hatte verstehen wollen, welche Prinzipien genutzt wurden und hatte sich Gedanken gemacht, was man unter Umständen gar verbessern könnte. All die Überlegungen waren plötzlich wertvoller geworden. Also hatte sie gebaut. Von fahrenden Händlern hatte sie sich geeignetes Holz besorgt, welches ihr geeignet erschien und hatte eine neue Presse gebaut. Diese stand nun unter dem kleinen Vordach im Hof. Sie ähnelte der alten – massiver Rahmen, eine schwere Schraubspindel, ein Pressholz über dem Bottich – doch an einigen Stellen hatte Bareti die Konstruktion verändert. Die Spindel griff sauberer. Der Rahmen war stabiler verstrebt. Und der Sammelkübel ließ sich notfalls leichter austauschen. Dann begann sie zu arbeiten. Allerdings nicht mit Stampfer und Bottich, wie früher. Bareti hatte sich die Mühe gemacht, einen Aufsatz für die neue Presse zu entwickeln – ein Werkzeug, das sie schlicht den Schneider nannte. Dank ihrer Feinschmiedefähigkeiten hatte sie eine Konstruktion aus mehreren scharfen, versetzt angeordneten Klingen gefertigt, die in einem stabilen Metallrahmen saßen. Oben befand sich eine breite Öffnung. Dort konnte man mehrere Handvoll Früchte zugleich hineingeben. Dann drehte man den Griff an der Seite – und die Früchte wurden im Inneren sauber zerkleinert. Apfelstücke, Birnenspalten und halbierte Kirschen fielen sauber in den Leinensack im Eimer. Nicht zerquetscht. Geschnitten. Der Eimer diente dabei nur als Arbeitsbehälter. Sobald genügend Früchte zerkleinert waren, hob Bareti den Leinensack einfach heraus. Der Sack tropfte bereits leicht von dem ersten austretenden Saft. Sie legte ihn in den Presskorb der neuen Presse, montierte das Pressholz darauf und die Spindel darüber. Der leere Eimer konnte währenddessen direkt wieder unter den Schneider gestellt werden, bereit für den nächsten Durchgang. "Wenn man schon neu bauen muss," murmelte Bareti zufrieden, während sie die ersten Drehungen des Werkzeuges vollzog, "dann kann man es auch richtig machen." Die Schraubspindel knarrte leise, als sie den Hebel weiterdrehte. ───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────Aus Baretis Notizbuch
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────Die erste Drehung der Spindel knarrte leise.Bareti legte beide Hände an den Hebel der Presse und drehte langsam. Das Pressholz senkte sich Stück für Stück auf den gefüllten Leinensack. Anders als bei der alten Presse musste kaum Kraft aufgewendet werden. Die sauber geschnittenen Früchte gaben schnell nach und verdichteten sich gleichmäßig unter dem Druck. Ein leises, feuchtes Knirschen war aus dem Inneren des Leinensacks zu hören. Dann erschien der erste Saft. Nicht sofort im Sammeleimer – sondern zunächst im kleinen Innenkübel der Presse. Zwischen Holzrahmen und Presskorb sammelte sich langsam eine trübe Flüssigkeit. Der Saft rann aus dem gepressten Fruchtfleisch, sickerte durch das Leinen und begann sich am Boden des Kübels zu sammeln. Bareti beugte sich etwas vor und beobachtete den Prozess aufmerksam. Der Saft stieg langsam an. Er war trüb, wie frischer Most sein musste, und besaß einen dezenten rötlichen Schimmer. Als der Innenkübel sich weiter füllte, erreichte der Saft schließlich die kleine Ablauföffnung am Rand. Erst jetzt begann er in den bereitstehenden Sammeleimer zu laufen. Zuerst tropfend, dann als dünner, stetiger Faden. Bareti hielt inne, lehnte sich leicht zurück und beobachtete zufrieden wie der Saft langsam in den Eimer floss. Der Duft breitete sich rasch im Hof aus. Frischer Apfelduft. Es roch kräftiger als gewöhnlicher Apfelmost. Fast so, als hätte der Hain selbst beschlossen, ein wenig mitzumischen. Bareti runzelte kurz die Stirn, dann legte sie den Hebel erneut an. Sie drehte die Spindel ein Stück weiter. Der Saftstrom wurde etwas stärker. Bareti legte beide Hände an den Hebel der Presse und drehte langsam weiter. Der Saft war dunkler, als sie erwartet hatte. Nicht tiefrot, aber deutlich mehr als gewöhnlicher Apfelmost. Der Duft wurde noch stärker, frischer, fast ein wenig… lebendig. Bareti runzelte die Stirn, hielt kurz inne und betrachtete den Saft genauer. Der dünne Strom sammelte sich langsam im Kübel und schimmerte im Licht der offenen Tür. "Nun", sagte sie schließlich, während sie den Hebel wieder anlegte. "Das fängt ja schon gut an."
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